1. Leben
  2. Reisen

Werfenweng: Über dem Bischling ruft die Freiheit: Paragliden in Werfenweng

Werfenweng : Über dem Bischling ruft die Freiheit: Paragliden in Werfenweng

Das Herz pocht kräftig im eng anliegenden Gurtzeug. „Start frei”, gibt Fluglehrer Sepp Rebernig per Funkgerät durch. Kräftige Schritte nach vorne, die Hände ziehen die Leinen hinauf bis auf Schulterhöhe. Der Gleitschirm im Schlepptau hebt sich.

„Laufen, laufen, laufen”, spornt Sepp an. Ein kontrollierter Zug an den Bremsleinen, und die Füße heben vom Boden ab. Der Wind pfeift, der Blick geht in Adlerperspektive über die Berge im Salzburger Land.

Die Startroutine läuft wie von selbst. Wer von der 1834 Meter hohen Bischlinghöhe über Werfenweng abfliegt, hat den Ablauf dutzendfach am Trainingshang geübt. Schon in vier Schulungstagen können es sportliche Anfänger beim Paragliding-Kurs zu ersten Höhenflügen schaffen. Aber auch am Boden überzeugt das gemütliche Skiresort und ganzjährige Gleitschirmeldorado Werfenweng mit besonderen Rezepten für einen entspannten Herbsturlaub.

Herrliche Natur bietet das Tal im österreichischen Pongau - und spürbar entspannte Menschen. Ein Dutzend Kurven führen von der Tauernautobahn ins Tennengebirge hinauf. Gasthöfe, Skimuseum, die Touristeninfo, der kleine Supermarkt und die Kirche liegen in Werfenweng nah beieinander. Wer Sterneluxus sucht, findet seit ein paar Jahren am Ortsausgang ein neues Hotel mit Saunen und Wellnessbereich. Ansonsten laden vor allem urige Pensionen und schöne Appartements zum Übernachten ein. Bei der Vermittlung hilft der Tourismusverband.

Am Ortsrand ruft das Abenteuer. Am Übungshang der Flugschule Austriafly trainieren die Brüder Sepp und Stefan Rebernig Anfänger und Wiedereinsteiger. Ringsherum grasen genüsslich Kühe. Den Hügel samt Ausrüstung raufkraxeln, Gleitschirm ausbreiten, Leinen sortieren, einhängen, rennen was das Zeug hält, einige Meter abheben - der Weg zur Startroutine verlangt Konzentration und Koordination. Der Traum vom Höhenflug spornt an. Fluglehrer Sepp verspricht: In einer Urlaubswoche ist der Flug vom Bischling zu schaffen und auch der international anerkannte Grundschein. Fünf Höhenflüge und eine Theorieprüfung sind dabei Pflicht.

Nirgendwo sonst im Salzburger Land wird mehr mit dem Gleitschirm geflogen. Unzählige Gleitschirmflieger zaubern in Werfenweng ganzjährig Farbklekse an den Alpenhimmel. Auch Nichtflieger genießen das Schauspiel, am liebsten auf der Sonnenterrasse Karin Huber. Direkt am Ausstieg der Ikarus-Kabinenbahn, die Flieger und Equipment zum nahen Startplatz transportiert, liegt ihr Alpengasthaus „Bischlinghöhe”. Auch Mountainbiker und Wanderer machen hier Rast. Der Fernblick zu Gulaschsuppe und Almdudler reicht bis zu den Gipfeln der Glockner-, Goldberg- und Ankogelgruppe.

Für Schnupperkurse und Tandemflüge ist das Fluggebiet ideal, es gilt als sicher und vielseitig. Gerade im Herbst ist der Luftraum für Anfänger gut geeignet. Es gibt kaum Turbulenzen, sagt Sepp.

Seit 1996 führen die Brüder Rebernig die Flugschule. Das Fliegereldorado hatte beide selbst Mitte der 1980er Jahre von Klagenfurt ins Pongau gelockt. Damals wurden primär Flugdrachen geflogen, die einfacher beherrschbaren Gleitschirme - im Englischen auch Paraglider genannt - kamen erst in den 90ern in Mode. Heute unterrichten die Brüder an beiden Fluggeräten.

Gerade haben sie ein neues Blockhaus am Schulungshang errichtet, Schüler können sich hier in einen der wenigen Flugsimulatoren für Paragliding einhängen, um schwierige Manöver sicher zu üben. Von schweren Unfällen ist Austriafly bisher verschont geblieben. Sepp ist überzeugt: Zertifizierte Ausbildung, modernes und fortwährend geprüftes Fluggerät, penible Kontrollroutinen und genaues Beobachten der Wetterlage machen Paragliding sicher und kontrollierbar. Wenn Nebel die Sicht gefährdet oder Föhn Turbulenzen erwarten lässt, geht bei den Rebernigs niemand in die Luft.

Auch dann muss es in Werfenweng niemand langweilig werden. Viele Alternativen locken die Urlauber: Bogenschießen auf dem Parcours der Jägerfamilie Ampferer zum Beispiel, wo sich lebensgroße Gummitiere als Zielscheibe im Wald verstecken. Nicht zu vergessen natürlich Ausflüge in die Region: In 40 Minuten ist die Landeshauptstadt Salzburg zu erreichen. Im nahen Bischofshofen fegen auch im Herbst Skispringer über die von der Vierschanzentournee bekannte Schanze. Internationale Teams trainieren auf Gummimatten, das Stadion ist für Besucher frei zugänglich.

Imposanter Besuchermagnet der Region ist die Eisriesenwelt in Werfen. Auf 42 Kilometer Länge zieht sich die größte Eishöhle der Welt durch den Berg. Einige hundert Meter sind für den frostigen Rundgang erschlossen, 1400 Stufen führen vorbei an riesigen Figuren, die das Eis formte. Guides strahlen sie auf dem Rundgang an, auch Besucher bekommen urige Karbidlampen in die Hand. Kondition und warme Kleidung sind für den mehrere Stunden füllenden Ausflug wichtig - der Höhleneingang auf 1641 Meter ist über die Seilbahn und einen Fußmarsch gut zu erreichen. Bis zu 2500 Besucher strömen hier täglich hinauf.

Für Ausflüge hält Werfenweng ein pfiffiges Mobilitätskonzept bereit: Wer mit dem Zug anreist oder seine Autoschlüssel bei Birgit Hafner im Touristenbüro hinterlegt, bekommt für einmalig acht Euro die sogenannte Samo-Karte. Samo steht für Sanfte Mobilität. Umweltfreundliche Elektroflitzer gibt es dann für Gäste an der Verleihstation mitten im 900 Seelen Dorf kostenfrei: Autos, Gelände-Buggys, Roller, Segways oder Mountainbikes mit Hilfsmotor für Bergtouren ins Tennengebirge. Auch Minimotorräder für Kinder beleben das Ortsbild. Für längere Fahrten stehen Biogasfahrzeuge bereit - 10 Cent werden pro Kilometer berechnet, erklärt Hafner.

Nachts fährt ein Sammeltaxi, und auch der Transfer zum Bahnhof ins nahe Bischofshofen ist mit der Samo-Karte kostenfrei. Das Konzept wurde mehrfach ausgezeichnet, gewann 2005 den Wettbewerb Zukunft der Alpen der Alpenschutzkommission CIPRA. Vor über einem Jahrzehnt haben sich die Werfenwenger überlegt, wie sie ihr Bergdorf profilieren können, im Rennen um den Alpengast. Sie haben die Idylle gewählt, auf klein und fein gesetzt.

Sepp hat Wort gehalten. Wer nach einer Woche im Paraglider vom Bischling startet, sich im Sitzsack noch voller Ehrfurcht in die Kurve lehnt, vielleicht auf Steinadler trifft, wird sich denken: Das haben sie gut gemacht, in Werfenweng.

(dpa)