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Inuvik: Schlaflos im Himmel: Der Ivvavik National Park in Kanadas Norden

Inuvik : Schlaflos im Himmel: Der Ivvavik National Park in Kanadas Norden

Mervin Joe sagt nicht viel. Umso aufmerksamer hört er zu, und hin und wieder funkeln seine braunen Augen amüsiert. „Wenn wir oben sind, könnt ihr mit Fug und Recht behaupten, dass ihr schon mal halb im Himmel wart”, sagt der Inuvialuit. So nennen sich die Inuit im westlichen Teil der kanadischen Arktis.

Joe ist Parkranger und der Guide dieser Tour. Seit mehr als 20 Jahren ist er beruflich hier unterwegs, kennt sich aus in der fast menschenleeren Wildnis. Dass er den Gästen von einer bevorstehenden Nahtoderfahrung erzählt, verwundert deshalb umso mehr.

Die Gruppe hat gerade die erste Prüfung gemeistert: den steilen Anstieg zur Lookout Ridge. Zeit zum Verschnaufen, der Blick fällt über die grünen, wie mit Samt ausgelegten Berge. Nun folgen zwölf Kilometer - hin und zurück - durch Tundra und baumloses, steiniges Hochland. Das Ziel des Tages ist der Halfway to Heaven. Der Berg ist ein monumentaler, spitz gen Himmel zulaufender und von einem wild gezackten, felsigen „Hahnenkamm” gekrönter Steinhaufen. Wer oben steht, der befindet sich - genau: halb im Himmel.

„Ich war mit einer Jugendgruppe gerade dort angekommen, als ich über Funk gefragt wurde, wo ich war”, erinnert sich Joe und lächelt. „Ich sagte, keine Ahnung, aber auf jeden Fall sind wir auf halbem Wege im Himmel.” Den Namen merkte sich Joe.

Seitdem ist der Ranger mehrere Dutzend Male dort gewesen. Wird er die Wanderung durch diese Wildnis nicht irgendwann leid? „Nein”, sagt er entschieden und klingt, als wundere er sich über die Frage. „Regen, Sonne, Schnee, Hitze, Kälte, dort oben siehts immer anders aus.”

Der Ivvavik National Park liegt in der äußersten Nordwestecke des Yukon-Territoriums. Ivvavik bedeutet in der Sprache der Inuvialuit „ein Ort, wo geboren wird”. 1984 als Teil eines historischen Abkommens mit den Ureinwohnern gegründet, beschützt er einen Teil jener Landschaft, in der die rund 200 000 Rentiere der Porcupine-Herde schon immer zu kalben pflegten.

Selbst für kanadische Verhältnisse liegt der Park extrem weit ab vom Schuss. Kaum mehr als 100 Besucher zählt der Park im Jahr. Zum Vergleich: Auf dem Gipfel des Mount Everest stehen pro Jahr fünf Mal so viele Menschen. So abgelegen ist das Gebiet, dass Joe und seine Rangerkollegen die Gipfel und andere herausragende Orte selbst benennen mussten. Vorher waren diese weitgehend namenlos. V-förmige Täler, kegelförmige Hügel und surreal geformte Felszungen - genannt „Tors” - erinnern daran, dass dieser Teil des Yukon von den Eiszeiten verschont blieb. So entstand eine der ältesten Landschaften des Kontinents - und eine extrem urzeitlich wirkende dazu.

Eine Straße hierher gibt es nicht. Man fliegt ein, und zwar mit einer Twin Otter von Inuvik am Dempster Highway aus. Schon der 75-minütige Flug bietet seltene Ausblicke. Zunächst folgt der Pilot der Küste der Beaufortsee. Dann geht es in geringer Höhe nach Süden, knapp über die bis zu 1700 Meter hohen, dunklen British Mountains. Vor der Landung am Sheep Creek Basecamp dreht der Pilot eine Extrarunde, um die von leeren Benzinfässern markierte Landebahn zu begutachten.

Treiben sich dort vielleicht Dallschafe oder Wölfe herum? Oder sogar Grizzlybären? Die Landung auf der aus dem steinigen Boden geschabten Bahn ist erstaunlich weich, der Empfang durch Joe und seine Mitarbeiter herzlich. Das Gepäck wird auf Quads zum unterhalb gelegenen Camp geschaffen.

Im Sheep Creek Basecamp gibt es Unterkünfte für die Parkangestellten, eine sparsam zu benutzende Dusche, einen Geräteschuppen und einen kleinen Campingplatz für die Gäste. Gegessen wird im Haupthaus, die deftigen Mahlzeiten werden von liebenswerten Inuvialuit- oder Gwichin-Köchinnen zubereitet. Diese fungieren zugleich als „Cultural Hosts”. Die Gwichin sind ein indigener Stamm, der zwischen Alaska und Kanada lebt. Ein elektrischer Zaun sichert das ganze Areal: Grizzlybären sind eher die Regel als die Ausnahme, Eisbären möglich.

Die „Cultural Hosts” sind ein unerwarteter Bonus dieser Reise. Louisa, eine Gwitchin-Indianerin um die 70, kocht, backt und erzählt von der Jagd auf die Karibus - damals, als sie ein junges Mädchen war. Die gleichaltrige Renie, wie Mervin eine Inuvialuit, ist ihre beste Freundin. Während sie aus getrocknetem Kiefernharz das traditionelle Allheilmittel ihres Volkes kocht, erzählt sie von den Landforderungen ihrer Leute. Wie sie als Aktivistin mit Rekorder und Fotoapparat durch die Inuvialuit-Gemeinden zog, um die Ältesten zu interviewen und nach traditionellen Ortsnamen zu befragen.

„Es war schon surreal”, erinnert sich Renie. „Da hatten wir seit Tausenden von Jahren hier gelebt, und dann kam die Regierung plötzlich daher und sagte, wenn wir das nicht beweisen könnten, würden sie hier überall nach Öl bohren.” Mit den Ergebnissen ihrer Feldforschung, die sie diversen Komissionen in Ottawa vortrug, konnte sie maßgeblich dazu beitragen, dass die Ölfirmen nur mit Genehmigung der Inuvialuit ans Werk gehen können.

Die größte Attraktion für Besucher sind die Tageswanderungen durch die monumentale Wildnis. Das Sheep Creek Basecamp liegt im Herzen der British Mountains. Ein gutes Dutzend herrlicher Wanderungen mit Namen wie Ridge Walk, Wolf Tors und Inspiration Point beginnen quasi vor der Haustür. Innerhalb von zehn Minuten ist man bereits über der Baumgrenze und genießt fortan die unverstellte Aussicht über die arktische, in alle Himmelsrichtungen weit offene Natur.

Doch was heißt hier schon Wanderwege? Markierte Trails gibt es nicht, auch deshalb ist ein Guide wie Mervin Joe notwendig. Dieser führt seine Gruppe nun auf dem Weg zum Halfway to Heaven über Kämme und Sättel, hin und wieder auf schmalen Pfaden, die Dallschafe und Rentiere in den losen Schiefer getreten haben, über kahle Hänge und Bergrücken. Die technischen Anforderungen sind gering. Eine gute Kondition reicht, um auf den Wanderungen zu bestehen.

Im Juni und Juli liegen die Temperaturen im Schnitt bei 14 Grad, das ist dann ganz angenehm. Mit jähen Wetterstürzen ist allerdings zu rechnen, Schnee im kurzen Sommer kommt vor. Ein Bonus ist die Mitternachtssonne. Wanderungen während der Sommersonnenwende Ende Juni bieten ein magisches Licht und ein Hochgefühl, das mit der Gewissheit, einen Ort zu sehen, den nur wenige Menschen je zu sehen bekommen, nur unzureichend zu erklären ist.

Nach einer Pause an einem Tor, den Joe Lunch Rock Café getauft hat, geht es weiter, vorbei am Dragons Tor, einer tatsächlich wie ein gezackter Drachenrücken aussehenden Felsenzunge, und dann hinab auf einen breiten, in allen Gelb- und Purpurtönen geformten Sattel. Der Pfad auf den Halfway to Heaven ist nun leicht erkennbar.

Im Gänsemarsch steigt die Gruppe vorsichtig auf dem losen Geröll bergan, Joe geht voran. In den Tor auf dem Gipfel haben Wind und Wetter ein rundes Fenster gefressen. Was für ein Fotomotiv! Die Aussicht ist spektakulär. Man steht auf dem Dach des Doppelkontinents Amerika, der bis zum 15.000 Kilometer entfernten Feuerland reicht - unbeschreiblich. Joe lächelt und zückt sein Funkgerät. Auch diese Gruppe ist angekommen. Fast im Himmel.

(dpa)