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München: Ruhe im Matratzenlager: Etikette fürs Übernachten auf Berghütten

München : Ruhe im Matratzenlager: Etikette fürs Übernachten auf Berghütten

Wenn seine Hütte voll ist und es spät wird, muss Hubert Kaufmann durchgreifen. „Dann müssen wir die Hüttenruhe rigoros durchsetzen”, sagt der Wirt der Fiderepass-Hütte im Kleinwalsertal. „Sonst hat man nur Ärger.” Kaufmann ist 52 und seit 15 Jahren Hüttenwirt.

Um die 22-Uhr-Nachtruhe gebe es oft Diskussionen, sagt er. Nicht erst, seit wieder zunehmend junge Leute in den Bergen unterwegs sind. „Der eine kommt nur zum Feiern auf die Hütte, der andere will am nächsten Morgen früh auf eine große Tour mit Klettersteig gehen. Die beiden Gruppen passen nicht zusammen.”

Damit sie trotzdem friedlich koexistieren und jeder sein eigenes Bergerlebnis genießen kann, gibt es Regeln für das Übernachten in der Höhe. Sie sind international ähnlich, aber nicht identisch, erklärt Robert Kolbitsch, der beim Deutschen Alpenverein (DAV) für die Berghütten zuständig ist. In anderen Ländern seien die Vorschriften zum Teil schärfer.

Die wichtigste Regel ist für Hubert Kaufmann das Rauchverbot. Weniger aus gesundheitlichen Gründen. Aber würde es zu brennen beginnen, käme keine Feuerwehr schnell genug zu seiner Hütte in 2070 Metern Höhe. Das Rauchverbot steht in der HÜOTO, der Hüttenordnung des DAV. Dort sind die zentralen Ansprüche und Pflichten der Gäste aufgelistet.

Zum Beispiel darf man sich nur im Hüttenschlafsack ins Matratzenlager legen, seinen Müll muss man wieder ins Tal mitnehmen, und sich die Gitarre schnappen, um ein Spontankonzert zu geben, darf man erst, wenn der Wirt es erlaubt. Besonders wichtig: die dreckigen Bergschuhe ausziehen, bevor man in den Schlafsaal geht. Die Hütten haben ein Schuhfach oder sogar einen eigenen Raum für die Stiefel. Die stinkenden Socken entlüftet man besser auch dort.

Auch Hunde haben im Schlafraum nichts verloren. Wer mit seinem Hund wandert, sollte vorab unbedingt beim Hüttenwirt nachfragen. Manche Wirte haben selbst einen Hund und bieten Schlafplätze für die Tiere, andere verbieten das Übernachten mit Haustier vollständig.

Grundsätzlich ist das Matratzenlager der sensibelste Ort auf der Hütte. Schlaflos mit zehn schnarchenden Bergsteigern in einem Zimmer zu liegen, kann schon genug nerven (Ohrenstöpsel helfen!). Wenn dann noch jemand laut Musik hört oder nachts auf die Toilette geht und dabei die Wanderstöcke des Nachbarn umstößt, platzt vielleicht selbst einem friedlichen Naturfreund der Kragen. Also Kopfhörer und Stirnlampe einpacken.

Manche Regeln bestehen seit vielen Jahrzehnten, andere haben sich im Laufe der Zeit geändert. So die erwähnte Hüttenruhe. „Die Bettruhe ist flexibler geworden”, sagt Kolbitsch. Es komme auf die Hütte an. Im Hochgebirge, wo manche Gäste um 4 Uhr aufstehen für den Gipfelsturm, hält man sich noch strikt an die 22-Uhr-Regel. In niederer gelegenen Hütten ist oft um 23 Uhr Schluss oder noch später.

Ein anderes Beispiel für den Wandel ist das Vorrecht der Alpenvereins-Mitglieder auf einen Schlafplatz. In den 1950er Jahren, als es weniger Wanderer und noch ausreichend Schlafplätze gab, war das kein Problem. Heute sei diese Regel unmöglich umzusetzen, sagt Kolbitsch: „Wenn Sie an einem schönen Wochenende auf einem Weitwanderweg gehen, um 19 Uhr ankommen, sich vor den Wirt stellen und sagen: Ich bin DAV-Mitglied und will jetzt einen Schlafplatz. Was denken sie, was der dann sagt?” Ein Kompromiss ist, dass bis heute ein Viertel der Schlafplätze nicht reserviert werden darf.

Unangemeldet kommen aber nur noch wenige Wanderer, sagt Hubert Kaufmann. Seit Handy und Mail die Kommunikation mit den Hütten vereinfacht haben, reservieren die meisten Gäste vorher. Manche sogar für mehrere Hütten gleichzeitig. Dann schauen sie, wo das Wetter am schönsten ist und lassen die anderen Reservierungen verfallen, oft ohne zu stornieren. „Das ist natürlich sehr ärgerlich”, sagt Kaufmann. „Wir haben laufend Anfragen und müssen allen absagen.” Und am Ende blieben die Betten dann leer.

Das hat dazu geführt, dass manche Hüttenwirte nun einen Vorschuss verlangen. Ein einheitliches Stornierungssystem, wie es die Wirte fordern, ist aber umstritten. „Das ist noch in weiter Ferne”, sagt Kolbitsch.

Zumindest ein einheitliches Online-Reservierungssystem will der DAV im kommenden Jahr einführen. Es wurde für den Schweizer Alpen Club (SAC) entwickelt und soll für Wirte wie Gäste einfach zu handhaben sein. „Der Gast sieht sofort, wann wo noch ein Platz im Matratzenlager frei ist und muss nicht alle Hütten abtelefonieren”, sagt Kolbitsch. „Und der Wirt muss nicht 200 Mal am Telefon Nein sagen.”

All das klingt ein bisschen nach alpinem Massentourismus. Aber wer ein bisschen weiter fährt und sich informiert, findet leicht noch eine ruhige Hütte. „Die Massen konzentrieren sich auf Modeberge und Weitwanderwege”, sagt Kolbitsch. Und zu Hotels werden die Hütten auch mit modernem Buchungssystem nicht. Manches bleibt altmodisch. So kann man nur in wenigen Hütten mit Kreditkarte bezahlen. Auf eine längere Tour sollte man also genug Bargeld mitnehmen. Andernfalls muss man sich trotz Reservierung auf dem Hüttenboden ausstrecken. Oder draußen biwakieren. Da hat man auf jeden Fall seine Ruhe.

(dpa)