1. Leben
  2. Reisen

Rio de Janeiro: Rio de Janeiro vor Olympia: Postkartenmotiv mit Macken

Rio de Janeiro : Rio de Janeiro vor Olympia: Postkartenmotiv mit Macken

Rio de Janeiros weltberühmte Strände Copacabana und Ipanema können deprimierende Orte sein. Zumindest für schneeweiße Europäer mit Bürosesselfigur, die einfach nur zum Relaxen gekommen sind. Natürlich gibt es hier nicht nur durchtrainierte Muskelpakete, Ballkünstler und Bikini-Schönheiten am Strand. Doch niemand legt sich hier einfach nur zum Sonnen in den Sand.

Die Brasilianer schwimmen und surfen im türkisblauen Atlantik. Sie joggen auf der Strandpromenade, machen Liegestützen, spielen Fußball, Beachball oder Volleyball. Fast könnte man glauben, alle trainieren, um auch an den Olympischen Spielen teilzunehmen, die hier im August ausgetragen werden. Bis tief in die Nacht hinein beleuchten Scheinwerfer die Strände, damit die Pelés der Zukunft auch nach Sonnenuntergang noch stundenlang im Sand kicken können.

„In Rio macht immer irgendjemand Sport. Die Stadt ist wahnsinnig dynamisch. Das Leben spielt sich auf der Straße und am Strand ab, was natürlich auch am fast immer guten Wetter liegt”, erzählt Felipe. Der tätowierte Grafikdesigner spielt fast jeden Tag nach der Arbeit Volleyball am Strand von Ipanema zwischen dem Posto 9 und 10. An diesem Strandabschnitt treffen sich nur die Schönen, Durchtrainierten und Erfolgreichen. Es ist ein Sehen und Gesehen-werden. Hier trägt man Havaiana-Flipflops und Bikini-Modelle, die erst ein Jahr später auch in Europa in Mode kommen.

An den Strandbuden erfrischt man sich zu heißen Samba-Rhythmen mit eiskaltem Brahma-Bier, Caipirinha oder frisch aufgeschlagenen Kokosnüssen. Man möchte am liebsten bis zum weltberühmten Karneval bleiben. Doch warum Rio den Beinamen „Cidade maravilhosa” trägt, versteht man erst richtig, wenn man die „wundervolle Stadt” aus der Vogelperspektive des Erlösers sieht.

Die gewaltige Christus-Statue thront imposant auf dem 700 Meter hohen Corcovado-Berg. Schon die steile Auffahrt mit der Zahnradbergbahn durch den dichten Regenwald des Tijuca-Nationalparks ist ein Erlebnis. Am Fuße der monumentalen Art-Déco-Statue aus dem Jahre 1931 wird so manch einer sprachlos. Oder auch nicht: „Einfach unglaublich. Das ist die schönste Stadt, die ich jemals gesehen habe”, kreischt hysterisch eine US-Amerikanerin, ohne jedoch den unvergesslichen Ausblick auch wirklich zu genießen. Schließlich muss sie ja Selfies von sich und ihrem Mann machen.

Von hier oben zeigt sich Rio als Mutter aller Ansichtskarten. Eine Sechs-Millionen-Metropole, eingekesselt zwischen dem subtropischen Regenwald und dem blauen Atlantik. Jedes Stadtviertel hat seinen eigenen Strand, seine eigene Bucht. Dschungelüberwachsene Granithügel trennen die Viertel abrupt. Ganz rechts liegt das Nobelviertel Leblon mit seinen markanten Zwillingsfelsen. Wer abenteuerlustig ist, sollte hier vom 520 Meter hohen Pedra Bonita einen Tandem-Flug im Gleitschirm wagen, der nach 30 Minuten Adrenalinüberschuss auf dem Strand von São Conrado endet.

Vom Corcovado aus konzentrieren sich die Blicke - und die Kameras - jedoch automatisch auf den weltberühmten Zuckerhut, den Pão de Açúcar. 395 Meter ragt der riesige Felsen auf der Halbinsel Urca steil aus dem Wasser. Dahinter breitet sich die Guanabara-Bucht mit ihren zahlreichen kleinen Inseln aus.

Wer mit der Gondel-Seilbahn auf den Zuckerhut fährt, wird mit einem grandiosen Stadtpanorama belohnt: Der Blick fällt direkt auf das hügelige Künstlerviertel Santa Teresa mit seinen Galerien und Cafés. Hier lebt Rios Bohème. Viele Maler, Dichter und Musiker verschlägt es zum Feiern aber ins alte Stadtviertel Lapa am Fuße des Hügels. Eine 215-Stufen-Treppe, die der Künstler Jorge Selarón mit 2000 bunten Keramikkacheln aus 60 Ländern verzierte, führt hinab ins angesagte Ausgehviertel.

In Lapa trifft sich Rios Samba- und Salsaszene. Das frühere Problemviertel und das angrenzende historische Stadtzentrum werden langsam wieder neu entdeckt. Es wurde viel investiert. Kolonialhäuser sind restauriert, die Sicherheit wurde verbessert.

Die „Arcos da Lapa”, ein aus der Kolonialzeit stammendes Aquädukt mit 42 Bögen, wird derzeit für die Olympischen Spiele herausgeputzt. Mit Blick auf die Fußball-WM 2014 und Olympia ließ Bürgermeister Eduardo Paes die U-Bahn erweitern und den Flughafen ausbauen. Viele Favela-Armenviertel wurden „befriedet”, ein Teil des Zentrums zur Fußgängerzone umgebaut.

Für die Außenbezirke wie Barra da Tijuca wurde eine Schnellbuslinie eröffnet. Zum Glück: Dort liegen nämlich 56 Kilometer außerhalb des Zentrums das Olympische Dorf und der Olympiapark. Und die geplante U-Bahnlinie, die mit 2,5 Milliarden Euro fast doppelt so viel kostete wie geplant, aber nicht rechtzeitig zu Olympia fertig wird.

Fast zehn Milliarden Euro pumpte Brasilien in die Sportstätten und Infrastrukturprojekte in Rio de Janeiro, damit die Welt im August eine tadellose Olympia-Stadt sehen kann. Doch dann brach vor zwei Jahren die Wirtschaft ein und damit auch die Olympia-Vorfreude vieler Cariocas, die Einwohner Rios. Rio ist plötzlich hoch verschuldet, muss Milliarden für die Olympia-Projekte zahlen. So gibt es kein Geld mehr für Lehrer und Ärzte.

Schon seit Monaten werden 70 Schulen in Rio von Schülern besetzt. Sie protestieren dafür, dass die Lehrer wieder Lohn erhalten und Unterricht geben. „Man verbaut uns unsere Zukunft, nur weil Milliarden in Sportstätten investiert werden mussten”, schimpft die 16-jährige Schülerin María Cunha, die zusammen mit Kommilitonen ihre Schule Amaro Cavalcanti besetzt hält.

Wegen leerer Staatskassen mussten im vergangenen Jahr gleich mehrere Krankenhäuser schließen. Die Ausstattung der Hospitäler ist ein Graus, die Wartezeiten für Patienten werden immer länger. „In einer solchen finanziellen Lage Olympische Spiele auszurichten, ist einfach unverantwortlich”, meint Jorge Darze, Sprecher der brasilianischen Ärztegewerkschaft, und ergänzt: „Die durch Olympia fehlenden Gelder sind für die Einwohner Rios ein größeres Gesundheitsproblem als das Zika-Virus.” Wegen Zika forderten renommierte Ärzte zuletzt, Olympia gar zu verlegen - doch dazu wird es nicht kommen.

„Olympia war eine Gelegenheit, die Infrastruktur der Stadt zu verbessern. Wir haben viele zuvor heruntergekommene Stadtviertel wieder renoviert und attraktiv für Touristen und Einwohner gemacht”, verteidigt sich Eduardo Paes.

Als Beispiel nennt Rios Bürgermeister die Verschönerung des alten Hafenviertels Porto Maravilha, wo seit Dezember am Pier Mauá auch das futuristische „Museum für Morgen” steht. Der Bau des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava ist von außen ein wahrer Hingucker und entwickelt sich bereits zu einem der neuen Wahrzeichen der Stadt. Das Innere und die Ausstellung sind jedoch enttäuschend.

„Viele Stadtviertel sind nun schöner und sicherer geworden. Das stimmt. Aber wir können die gestiegenen Mieten nun nicht mehr zahlen”, versichert João Neli. Der Maler wohnt in der Ausgehstraße Sacadura Cabral im Zentrum, wo mit den neuen Parkanlagen und Gebäuden auch die Immobilienspekulanten kamen. „Viele meiner Nachbarn mussten bereits wegziehen”, beschreibt João eine weitere Kehrseite der olympischen Medaille. Noch schlimmer trifft es Straßenkinder und Bettler. „Sie werden zu Olympia einfach weggesperrt oder aus dem Zentrum verbannt, damit kein schlechtes Image aufkommt”, berichtet der brasilianische Soziologe Dario Sousa.

Das katzenähnliche Olympia-Maskottchen Vinicius grinst in den Souvenirshops schon von Tassen, Taschen und Schlüsselanhängern. Doch in den Köpfen und Herzen vieler Cariocas hat Olympia noch keinen Platz. Ob sich das noch ändert? Lasst die Spiele beginnen!

(dpa)