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Winterberg: Orientierung im Schilderwald: Spezielle Winterwanderwege boomen

Winterberg : Orientierung im Schilderwald: Spezielle Winterwanderwege boomen

Die Wintersonne hat Kraft. Sie lässt hier und da den Schnee schmelzen - und legt einen Schilderwald frei: Rothaarsteig, Hochsauerlandkammweg, örtliche Rundwanderwege, rote, weiße und schwarze Schilder in Folge an einen Holzpfahl genagelt. Ein knallgelber Pfeil weist zum Rodellift, ein gebogener weißer zum Nordic Aktiv Zentrum. Aber was sollen wir im Winter mit der Lenneroute für Biker anfangen?

Die Deutsche Sporthochschule in Köln hat dem winterlichen Schilderwald den Kampf angesagt - mit einem neuen Schild. Weißer Wanderer auf blauem Grund. Das Siegel steht für Premium Winterwanderwege in der Region Winterberg im Hochsauerland.

Das Blau erinnert ein wenig an das öffentliche Verkehrsschild für Fußwege. Nur dass anstelle von Mutter und Kind ein Rucksackträger unter einer Schneeflocke den Winterwanderweg markiert. Ein Pfeil zeigt an, in welche Richtung die Wanderer laufen müssen, ein Schriftzug signalisiert, wo er sich gerade befindet.

„Grenzweg Langewiese” ist da zu lesen. Irgendwo zwischen dem Schneepfad Landwehr und dem Berg Gerkenstein müssen wir das Wanderzeichen übersehen haben. Für Ralf Roth, Leiter des Instituts für Natursport und Ökologie an der Sporthochschule Köln, ist das ein Manko: „Schilderwälder sind eine Katastrophe”, sagt der Professor. Die Sommerhinweisschilder sollten im Winter abgebaut werden und umgekehrt.

Im Jahr 2010 hat sein Institut gemeinsam mit dem Tourismusverband Winterberg acht Winterwanderwege an den Start gebracht: von der kurzen Rundtour um den Berggipfel Kahler Asten bis zur anspruchsvollen Streckenwanderung entlang eines Höhenzuges von knapp zehn Kilometern. Die Wege werden bei Schneefall mit oberster Priorität geräumt oder gewalzt.

„Ähnlich wie eine Loipe für Langläufer werden die Winterwanderwege präpariert und kontrolliert, Vereisungen mit Sägemehl bestreut, Ruhebänke von Eis und Schnee freigehalten”, betont Roth. Das Siegel stehe aber auch für eine gute Erreichbarkeit, Einkehrmöglichkeiten sowie abwechslungsreiche Ausblicke auf die Landschaft. Für ältere Gäste sei es ein Signal: Hier kannst du dich sicher auf den Weg machen.

„Die Gäste suchen ursprüngliche Naturerlebnisse und die Stille der Winterlandschaft”, weiß Touristiker Nicolaus Prinz. Der Leiter des Programms Aktivzeit Winterberg tritt dafür ein, zusätzliche Angebote abseits der Skipisten für die Gäste bereitzuhalten. Dazu gehören geführte Schneeschuhwanderungen oder Nordic-Walking-Schnupperkurse ebenso wie Winterwanderungen. Der Manager für Sport- und Gesundheitstourismus kennt aber auch die Widerstände der Verkehrsvereine, die auf das alpine Geschäft fixiert seien und vorrechneten, was so ein Schneeschieber kostet.

Das sieht Prof. Roth anders. In seiner Grundlagenstudie „Wintersport Deutschland 2010” hat er nachgewiesen, dass zwar Rodeln und Schlittenfahren die populärsten Wintersportaktivitäten der Deutschen sind, aber dass Winterwandern immer beliebter wird. „Gerade in den Mittelgebirgsregionen bilden die Aktivurlauber die größte Gruppe. Sie entscheiden sich kurzfristig je nach Wetterlage für ein paar multioptionale Erlebnistage im Schnee.”

Multioptional heißt in der Sprache der Sporttouristikbranche beispielsweise vormittags Pisten abfahren, nachmittags durch den Schnee wandern. Da dürfe man nicht auf halbem Weg stehen bleiben: „Man muss die Produkte weiterentwickeln und möglichst zu einem Gesamtsystem verbinden.”

Das Institut für Natursport und Ökologie hat nach demselben Konzept wie in Winterberg im Hochschwarzwald acht Premium-Winterwanderwege ausgeschildert. In Thüringen ist es dabei, den Fernwanderweg Rennsteig zusätzlich als Skiwanderweg durchgängig zu präparieren und zu beschildern. „Unser Anliegen ist es, die Menschen draußen in Bewegung zu bringen. Da gibt es gerade im Winter noch viel zu tun”, sagt Roth.

Wandern sei da nur eine Option unter vielen. Aber eine, die Sporttourismuswissenschaftler ständig mit Zählschranken und Befragungen evaluieren und ausbauen: „Die Premium Winterwanderwege werden sehr gut angenommen”, hat Roth herausgefunden.

Das bestätigt auch Michael Jarmuschewski vom Deutschen Wanderinstitut in Marburg. Jarmuschewski selbst lebt in Braunschweig, wenn er nicht gerade mit Klemmbrettt und Karte zu Fuß unterwegs ist. Das ist häufig der Fall, denn der Diplomgeograf ist für die Vergabe des Wandersiegels Premiumwege zuständig. Die meisten Wege, die Jarmuschewski bisher ausgezeichnet hat, sind Sommerwanderwege: „Das heißt nicht, dass man viele davon nicht auch im Winter begehen könnte, aber unter Winterwanderwegen verstehen wir etwas anderes.”

Nämlich kurze Tagestouren, die abseits von Skipisten und Langlaufloipen verlaufen und erst präpariert, gewalzt und ausgeschildert werden, wenn der erste Schnee gefallen ist: „Im Sommer gibt es diese Wege überhaupt nicht.” Unverbaute Aussichten, Baumgruppen und Felsformationen seien ebenso garantiert wie Einkehrmöglichkeiten. „Das ist im Winter enorm wichtig.”

Gerade einmal drei Winterwanderwege hat das Wanderinstitut bisher ausgezeichnet, zwei im bayerischen Reit im Winkel, einen in Italien. Das Winterwanderpotenzial ist weitaus größer, aber die Agentur zeichnet nur Wege aus, für die sie einen Auftrag bekommt - bezahlt von den örtlichen Tourismusverbänden. Dafür erhalten die Gäste die Garantie, eine schöne und sichere Tour an die Hand zu bekommen: „Die Leute haben Angst, sich zu verlaufen, und viele sind nicht mehr in der Lage, Karten zu lesen”, sagt Jarmuschewski.

Bei den Wegen des Wanderinstituts brauchen sie nur durchzuatmen, Wintermotive aufzunehmen und der Spur zu folgen - Schilderwälder sind ausgeschlossen.

(dpa)