1. Leben
  2. Reisen

Tan-Tan: Nomaden-Festival in Marokko: Wüstenleben bei einer Tasse Tee

Tan-Tan : Nomaden-Festival in Marokko: Wüstenleben bei einer Tasse Tee

Abdallah sitzt seit Tagesanbruch im Wüstenzelt und trinkt Tee. „Der König ist ein guter Mann, und ich liebe dieses Land. Aber das Nomadenleben, die Sahara und Marokko - das sind komplizierte Angelegenheiten”, sagt er.

Abdallah senkt seine Augen und lässt mehr dampfenden Tee in das Glas plätschern. Der Wind presst unablässig gegen das Beduinen-Zelt, ein Schutzschild in der weiten, unwirtlichen Sahara, dicht gewebt aus weichem Kamelhaar.

Überall riecht es nach Kamel. Die Tiere knien vor dem Zelt, weiden auf dem kargen roten Sand und verströmen ihren schweren, süßen Geruch. Abdallah ist mit seiner Kamel-Karawane vom Atlas-Gebirge her nach Tan-Tan gekommen. Er handelt mit den Tieren und will in der Wüstenstadt hier im Süden Marokkos Geschäfte machen. Zwei bis drei von ihnen schlägt sein Nomaden-Stamm in der Woche los, erzählt Abdallah. Für ein kleines Kamel zahlen ihm Händler bis zu 800 Euro.

Die sanften Tiere werden verkauft und mit nur einem Handschlag zu ausrangiertem Schlachtvieh. Abdallah rückt seine Djellaba zurecht, sein Gewand, und bindet den Turban enger. Er nimmt einen weiteren Schluck süßen Tee. „Wer die Nomaden und ihre Angelegenheiten verstehen will, der muss sich Zeit für einen Tee nehmen.”

Einmal im Jahr gibt es in Tan-Tan ein besonderes Schauspiel: In einer riesigen Zeltstadt kommen die Nomaden-Stämme der Sahara zum Moussem-Festival zusammen. Sie stammen aus Marokko, Algerien, Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger und aus Saudi Arabien. Das Knallen von Gewehren ist als Erstes zu hören. Dann nimmt man die stechende Sonne wahr. Daran ändert auch der rauhe Wind nichts, der von der nahen Atlantikküste her über die flache, karge Sahara fegt. Westlich von Tan-Tan schimmern aus der Ferne die rund 800 braunen Nomaden-Zelte.

Die Unesco unterstützt das Moussem-Festival, weil sie helfen will, die bedrohte Kultur der Wüstennomaden zu bewahren. War vor 50 Jahren noch jeder zweite Marokkaner Nomade, sind es heute kaum mehr als zwei Prozent der Bevölkerung. Immer weniger junge Menschen folgen dem traditionellen Leben. Magere Weidegründe und die Machtansprüche von Regierungen, Militärs und Rebellen gefährden den Fortbestand der nomadischen Lebensweise in der gesamten Sahara-Region.

Auf dem Weg zum Wüstencamp hängt Popcornduft in der Luft. Junge Männer auf Fahrrädern verkaufen bunte Ballons, Familien strömen zum Festival. Auf einer kleinen Anhöhe picknicken Menschen im Kreis. Dicht besetzte Eselskarren jagen vorbei, mit Frauen und Kindern.

Diejenigen, die mehr Geld haben, werden in Jeeps chauffiert, auf deren Trittbrettern Jugendliche hängen und immer wieder auf- und abspringen, als seien es Karussells. Es geht zu wie auf einem Rummelplatz. In dem Meer aus Zelten hocken und liegen Nomaden unter den Zeltdächern - Männer und Frauen voneinander getrennt. Sie sind in den traditionellen Gewändern ihres Stammes gekleidet. Einige junge Frauen tragen Sonnenbrillen mit dem Aufdruck bekannter Markennamen.

Vor den Eingängen sind gerahmte Bilder von König Mohammed VI. auf Staffeleien aufgestellt. Es ist heiß. Überall werden Teetassen und Brotlaibe gereicht. Teekannen aus Silber stehen auf Feuerstellen, mit Kohle befeuert.

Auf dem riesigen Platz in der Mitte des Wüstencamps reiten Berber auf Pferden. In einer geschlossenen Reihe von zehn Reitern nehmen sie Tempo auf und brüllen, im Gallopp angekommen, ihr Kriegsgebrüll. Dann feuern sie mit ohrenbetäubenden Salven ihre Gewehre in Richtung Boden ab. „Fantasia” wird diese monumentale Reiterchoreographie genannt, sie stellt die Technik der Berberkriegsführung nach. Später am Abend gibt es Tänze und Gesang sowie einen Wettstreit der Wüstenpoeten.

„Tan-Tan ist das nomadische Herz Marokkos. Die Nomaden kommen seit Generationen, um in Tan-Tan Markt zu halten”, sagt Rosario, eine Studentin, die in der Stadt lebt. Das Moussem-Festival findet am Fuße des Grabes von Scheich Mohamed Laghdaf statt - ein Wüstenheld, der bis zu seinem Tod 1960 für die Unabhängigkeit Marokkos von Frankreich und Spanien kämpfte. Die Nomaden verehren den Scheich, weil er für ihr Land und die Freiheit kämpfte.

Tan-Tan entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer religiösen Stätte. Zu Ehren des Scheichs kamen Nomaden an seinem Grab zusammen, um zu singen, zu spielen, um sich Geschichten zu erzählen und Kamele zu handeln. Der „Grüne Marsch”, der 1975 in die Geschichte einging, beendete das Moussem-Fest schlagartig: 350 000 Menschen überquerten von Tan-Tan aus die nahe Grenze zur West-Sahara, um die Rückgabe des Landes von den Spaniern zu erzwingen. Die Spanier sind fort, doch der West-Sahara-Konflikt ist bis heute ungelöst, die Grenze umstritten.

Erst 2004 wurde in Tan-Tan das Moussem mit Unterstützung der Unesco als Festival wiederbelebt. „Das Moussem von heute ist vor allem eine inszenierte Veranstaltung des Königs. Hier wird Kultur zu Folklore gemacht”, sagt Ibrahim, 29, aus Tan-Tan. Sätze wie diese hört man oft auf dem Festival. Ibrahim ist einer der jungen chronisch arbeitslosen Akademiker in Marokko, seine Familie schon seit längerem seßhaft. Nun versucht er sein Glück mit dem Verkauf von handgefertigten Messern.

„Das Moussem ist wie ein schmackhaftes Essen, das seinen Duft verströmt, von dem das Volk aber nicht kosten darf”, sagt Ibrahim. Ein Kulturangebot für die 60 000 Einwohner gibt es praktisch nicht: keine Bibliothek, kein Theater, kein Kino. So ist die Lage in vielen marokkanischen Städten.

Auch wenn die Analphabetenquote weiter hoch ist - Marrokko ist im Vergleich zu anderen nordafrikanischen Staaten ruhig. Das liegt auch am geschickten Vorgehen des Königs: Als die arabische Revolution aufkam, senkte er die Preise für Grundnahrungsmittel. Und so sehen Kritiker das Moussem-Festival ebenfalls als ein taktisches Manöver. Sie zweifeln an einer ernsthaften Unterstützung der Nomadenstämme und ihrer Lebensweise. Denn Marokko verweigerte die Unterzeichnung eines Vertrags mit Algerien, Mali und Mauretanien, der Nomaden den Verkehr an den marokkanischen Grenzen vereinfachen würde.

Abdallah, der Kamelhändler, stammt aus Guelmim, der Heimat des Berber-Stammes der Ait Lahcen. Heute campen sie mit ihren Zelten nicht weit vom Moussem-Festival entfernt. Abdallah sitzt im Schneidersitz vor einem Silbertablett. „Gemeinsames Teetrinken ist die Seele der marokkanischen Kultur und der Nomaden”, erklärt er.

Eine Teekanne klimpert nervös auf dem Tablett, ein Strahl Teewasser schießt aus der Kanne hinunter in die Gläser. Dann kippt Abdallah den Tee langsam zurück in die Kanne, bevor wieder Wasser hinabgeht - langsamer diesmal. Diese Handlung wiederholt sich einige Male. Wie oft, weiß nur Abdallah. Er ist der Hüter des Tees.

Die Anzahl der Teeblätter, der Anteil Zucker und wie häufig man den Tee ausgießen muss, damit er sich setzt und das volle Aroma entfaltet - das Geheimnis eines guten Tees kennt nur Abdallah. Es wird seit Generationen in seiner Familie mündlich überliefert, damit dieses Wissen für den Stamm der Ait Lahcen bewahrt wird.

Die Würze für eine gute Teezeremonie kommt allerdings woanders her. Abdallah spricht von den drei „G”: gute Gespräche, eine lodernde Glut und die Geschichten, die Poesie. „Manche Stämme führten 40 Jahre lang Krieg. Bei einer Tasse Tee schlossen sie schließlich Frieden.”

Das Zelt füllt sich mit weiteren Männern, das Ritual der Begrüßung setzt wieder ein. Jeder empfängt jeden. Niemand betritt ein Zelt und wirft einen Gruß nur ziellos in die Runde. Das wäre unhöflich. Jeder Mann verschenkt und erhält ein freundliches Wort. Die Stimmen klingen sanft, heiter, beschwingt. Es ist ein warmes, dichtes Knäuel des Willkommens. Irgendwann sitzen alle im Schneidersitz um das Silbertablett herum, warten geduldig, bis Tee in das letzte Glas rinnt. Man legt nach und nach seine Rüstung ab.

„Es werden echte und ehrliche Gespräche geführt. Es geht um die Seele”, sagt Abdallah. Man ist verwundbarer, aber auch offener. Man hört dem anderen zu, wenn sich erst einmal alles gesetzt hat. Das brausende Tempo ebbt ab. Und so dauert es immer eine Weile, bis Tee die Runde macht und dann lautstark gemeinsam geschlürft, gelacht und leise geredet wird. Abdallah wünscht sich mehr junge Menschen als Nomaden. Doch er weiß, dazu müssten viele Probleme gelöst werden: Weidegründe, Zugang zu Wasser, Bildung. Einfache Dinge. Es könnte so einfach sein. Doch es wäre erst noch viel Tee zu trinken.

In der Dämmerung verblassen die Farben der Wüste: das Safranrot, das Dattelbraun, das Couscousgelb. Das Teezelt steht nun verlassen da. Abdallah hockt allein auf der Auslegeware, Erdnüsse am Boden, und lauscht dem friedlichen Konzert der Kamele. Beim Weggehen tönt ein letztes, vertrautes Klimpern von Glas auf Silber über die unermessliche Weite der Sahara.

(dpa)