1. Leben
  2. Reisen

El Rocío: Mit Ochs und Pferd zur weißen Taube: Wallfahrt nach El Rocío

El Rocío : Mit Ochs und Pferd zur weißen Taube: Wallfahrt nach El Rocío

Langsam bahnt sich der festlich mit Blumen geschmückte Ochsenkarren der katholischen Bruderschaft den Weg durch die Gassen von Sanlúcar de Barrameda. Obwohl es noch früh am Morgen ist, begleiten Tausende Bewohner des kleinen Küstenstädtchens an der südspanischen Atlantikküste die Pilger zum Flussufer des Guadalquivir.

„Viva la Virgen del Rocío”, „Es lebe die Jungfrau von Rocío” rufen die Menschen. Einige weinen dabei vor Freude und Ergriffenheit. Andere weinen aus Kummer, da sie nicht mit zum Wallfahrtsort El Rocío pilgern können. Viele Familien leiden unter der Krise und der hohen Arbeitslosigkeit und können sich die mehrtägige Pilgerreise in diesem Jahr nicht leisten. Am Flussufer nehmen sie Abschied von der Bruderschaft.

Rafael treibt die mit dem silbernen Marienaltar beladenen Ochsen über den Sandstrand auf die Fähre. Es beginnt leicht zu regnen, was für diese Jahreszeit in Andalusien nicht normal ist. Dennoch lässt sich Pepi ihre gute Laune nicht verderben. „Für uns Rocieros ist die Wallfahrt nach El Rocío wichtiger als Weihnachten oder Ostern”, versichert die 55-jährige Andalusierin. Pepi Pérez Domínguez ist die Hermana Mayor, die Vorsitzende der Bruderschaft Hermandad del Rocío de Sanlúcar de Barrameda, die im vergangenen Jahr ihr 350. Jubiläum feierte. Schon das ganze Jahr über hat sie sich auf die Pilgerschaft zur Ermita del Rocío gefreut, wo der Marienstatue Blanca Paloma, der weißen Taube, gehuldigt wird.

El Rocío, das kleine 800-Seelen Nest am Rande des Nationalparks Doñana ist nach Santiago de Compostela, Zielpunkt des Jakobsweges, Spaniens wichtigster Wallfahrtsort. Vor allem im tiefgläubigen Andalusien wird die Jungfrau von Rocío verehrt. Die meisten der rund hundert Bruderschaften im Pilgerzug stammen aus der südspanischen Provinz. Bis zu eine Million Pilger und Gläubige treffen sich am Pfingstwochenende in dem Dorf.

Die Fähre setzt zur anderen Flussseite über. Die Wallfahrt kann beginnen. Drei Tage lang ziehen die Pilger durch den Doñana-Park an der Costa de la Luz bis zur Kapelle von El Rocío in der Provinz Huelva. Fast 60 km sandige Trampelpfade, die durch Pinienwälder und durch atemberaubende Dünenlandschaften führen. Der Nationalpark ist ein einzigartiges Ökosystem aus flachen, periodisch überschwemmten Feuchtgebieten, das 1994 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt wurde. Kormorane, Flamingos und sogar vom Aussterben bedrohte Tierarten wie der spanische Kaiseradler oder der iberische Luchs sind hier zu Hause. Dennoch ist es den Rocío-Bruderschaften gewährt, den Doñana-Park auf ihren jahrhundertealten Pilgerpfaden zu durchqueren.

Der Tross aus geschmückten Ochsen- und Eselkarren, Geländewagen, Pferdekutschen, Planwagen, Reitern und wandernden Pilgern setzt sich in Bewegung. Es staubt gewaltig auf den Sandpisten. Viele Pilger ziehen sich ihre schicken Halstücher tief ins Gesicht. Nur mühsam kommen die Pilger im weißen Wühlsand voran. Sie bieten einen imposanten Anblick: Vor und hinter dem Ochsenwagen gehen Spanierinnen in bunten Flamenco-Kleidern mit Kunstblumen im schwarzen Haar. Die Männer tragen schnittige Anzüge und Sombrero-Hüte. Elegant reiten Männer in Bolero-Jacken und Frauen in bauschigen Rüschentrachten auf ihren prachtvollen, andalusischen Pferden voraus.

Unter den Pilgern sind aber auch Menschen wie der Madrilene Max, der sich nur für die Zeit der Wallfahrt einer Bruderschaft angeschlossen hat, um sie auf andere Weise zu erleben. Max ist Wiederholungstäter. Bereits seit 20 Jahren ist er nun dabei. Den 50-jährigen Holländer Marcel packte das El Rocío-Fieber vor 13 Jahren.

Der Mainzer Rudolf Schuster und seine fünf Freunde sind hingegen zum ersten Mal dabei. „Wir hatten im Fernsehen Reportagen über El Rocío gesehen. Wir hätten uns aber nie erträumt, dass es sogar Möglichkeiten gibt, mit Bruderschaften mitgehen zu können”, erzählt Rudolf, während er sich durch den Sand kämpft und dabei leicht außer Atem gerät. Was seinem Freund Burkhard besonders gefällt: „Die Gastfreundlichkeit, mit der wir hier aufgenommen werden. Sobald sie sehen, dass wir Durst haben könnten, kommt sofort jemand mit Getränken und Essen an.”

Burkhard und Rudolf werden von einem Ritual unterbrochen, das sich alle zwei, drei Kilometer wiederholt: Neben der Ochsenkutsche mit der Marienstatue bilden die Pilger einen Kreis. Einige Rocieros ziehen Gitarren und Kastagnetten hervor. Die anderen klatschen im Rhythmus und singen. Es sind religiöse, tief emotionale Lieder zu Ehren der Jungfrau. Für Fremde klingen sie nach spanischer Lebensfreude - und damit liegen sie auch gar nicht so falsch. Mit anmutigen Bewegungen tanzen einige Frauen in der Mitte des Kreises den Volkstanz Sevillanas.

„Lebensfreude, Geselligkeit, das fröhliche Beisammensein. Das ist die andere Seite der Wallfahrt”, verrät Pepi, die Hermana Mayor. Trotz des tief religiösen Charakters der Wallfahrt wird auf dem Weg unentwegt gefeiert, gelacht und getrunken. Teller mit spanischem Schinken, Käse, Tortilla und Garnelen aus dem nahen Huelva machen immer wieder die Runde. Bei jedem musikalischen Zwischenstopp werden Bierdosen geöffnet, Weinflaschen entkorkt und der lokale Manzanilla, eine Art Sherry, ausgeschenkt.

Am Nachmittag ist die alkoholbedingte Schieflage bei einigen Reitern so ausgeprägt, dass sie beinahe aus dem Sattel rutschen. Solange die Party nicht ausartet, hat jedoch selbst Padre Quevedo damit kein Problem. „Es gibt viele Wege, den Glauben zu leben”, lacht der 85-jährige Pfarrer, der die Bruderschaft aus Sanlúcar de Barrameda schon seit Jahrzehnten begleitet und täglich die Messe unter freiem Himmel hält. Die Pilger schlafen unter den Kutschen, in Zelten und unter Bäumen.

Etwas verkatert wachen am nächsten Morgen die Pilger auf, die bis tief in die Nacht gefeiert haben. Frühmorgens, sobald der Nebel sich lichtet, geht es weiter. In der Morgenluft liegt der Duft von wildem Rosmarin und Heidekraut. Spuren von Wildschweinen verraten, wer nachts versucht hat, die Essensvorräte zu stehlen. Am zweiten Tag werden die schattigen Pinienwälder lichter und machen einer wunderschönen Dünenlandschaft Platz, die den Weg aber auch beschwerlicher macht. Diejenigen, die noch Kraft haben, besteigen die bis zu 40 Meter hohen Sanddünen, von denen man einen herrlichen Blick auf den blauen Atlantik hat.

Bei der Ankunft gleicht das Dörfchen El Rocío der Kulisse eines Western-Films: Vor den Veranden der einstöckigen Stein- und Holzhäuser stehen Holzpflöcke, an denen die Pferde angebunden werden können. Autos sind verboten, die Straßen sind aus Sand. Wer nicht läuft, sitzt in der Kutsche oder auf dem Pferd. Die Bruderschaft hat ihr Haus direkt neben der Ermita. Ein riesiges, altes Steinhaus aus dem Jahre 1660. Doch erst einmal besuchen alle die Blanca Paloma, die Jungfrau von El Rocío.

Wer dachte, bereits während der Wallfahrt ein Höchstmaß an religiöser Verzückung erlebt zu haben, wird sich nun wundern. Junge Mädchen, pubertierende Jungen, aber auch alte Männer fallen vor der vergoldeten Jungfrau auf die Knie. Sie weinen vor Ergriffenheit. Spontan beginnt immer wieder jemand einen Lobesgesang. Die Masse antwortet mit „Viva la Virgen del Rocío”. Rudolf ist beeindruckt von der religiösen Inbrunst. „Ich glaube, dass es in Europa wenige Orte gibt, wo du solch eine Emotion erleben kannst.” Das Schöne daran: „Man merkt, dass diese Gefühle echt sind und nicht gespielt”, sagt der Mainzer.

Und nun geht es in El Rocío erst richtig los. In der Bruderschaft von Sanlúcar stehen die Tische voll mit köstlichen Tapas, es wird schon wieder kräftig getrunken, gesungen und getanzt. Doch können die Rocieros von einem Moment auf den anderen wieder umschalten und spirituellen Ritualen folgen. Es gibt Messen und nächtliche Fackelumzüge. Am nächsten Tag ziehen die Bruderschaften mit ihren Wappen und Standarten an der offenen Kirchentür vorbei, um der Blanca Paloma ihre Ehre zu erweisen.

Der Höhepunkt der Festlichkeiten ist der Auszug der Heiligen Jungfrau in der Nacht von Pfingstsonntag auf Pfingstmontag. Gegen 3.00 Uhr springen die Mitglieder der Mutter-Bruderschaft von Almonte über die Altar-Absperrung und tragen die Marienstatue nach draußen, wo sich Hunderttausende Gläubige drängen. Die ganze Nacht durch bewegt sich die Marienstatue auf den Schultern der Träger wie ein schwankendes Schiff durch die Menschenmassen. Erschöpft, heiser, aber glücklich beladen Pepi und ihre Bruderschaft am nächsten Tag ihre Karren, Kutschen und Geländewagen und verschwinden wieder in den unermesslichen Pinienwäldern des Doñana-Parks. Es geht zurück nach Sanlúcar de Barrameda.

(dpa)