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Wernigerode/Goslar: Mit der Dampflok durch den Harz auf den winterlichen Brocken

Wernigerode/Goslar : Mit der Dampflok durch den Harz auf den winterlichen Brocken

Manche Fahrgäste haben heiße Ohren, legen Schal und Mantel ab. Der Heizer auf der betagten Dampflok schaufelt und schaufelt.

In den Holzabteilen des Traditionszuges der Harzer Schmalspurbahn von Wernigerode ist es wohlig warm. Er fährt auf den nahen, 1141 Meter hohen Brocken in Sachsen-Anhalt. Grog, Kaffee und Glühwein aus Thermoskannen lassen die Körpertemperatur steigen.

Gebannt blicken die weihnachtlich gestimmten Ausflügler aus dem Fenster. Verschneite, dichte Nadelwälder mit Ästen, die sich unter der weißen Last biegen, wechseln sich mit schneeverwehten Hochflächen ab - je höher, desto weißer und kälter. Der erste Schnee fiel 2011 im Oberharz und auf dem höchsten Berg im Norden Deutschlands schon am 8. Oktober. Eine Woche davor waren es noch warme 22 Grad.

Längerer Halt am Bahnhof Drei Annen Hohne in 542 Meter Höhe: Im Schneetreiben bunkern zwei Dampflokomotiven nochmals Wasser. Fahrgäste lockt die Gaststätte „Harzquerbahn”. Täglich halten hier fünf und mehr reguläre Züge - alle Ein-Meter-Schmalspur und mit Dampflok.

Die schnauft nun mächtig die nächsten 50 Minuten auf dem steilsten, 19 Kilometer langen Teilstück bis zum Gipfel. Das weiße Panorama ist grandios. Zugführer Rolf Apel prüft Tickets, hält ein paar Schwätzchen und mahnt eine Mutter mit Kleinkind draußen auf der Waggon-Plattform bei eisigem Wind zur Vorsicht.

Der Bahnenthusiast sagt: „Ich genieße jede Fahrt - bei jedem Wetter.” Er hat zu DDR-Zeiten bei der Reichsbahn gearbeitet, seit Jahren ist er nun mit Leib und Seele bei der Harzer Schmalspurbahnen GmbH tätig. Beim Halt in Schierke erzählt der 57-Jährige von früher: „Hier endeten fast drei Jahrzehnte lang die Züge. Alle mussten aussteigen.”

Während der Zeit des Mauerbaus sperrte die DDR den Brocken - von 1961 bis Ende 1989. Er war militärisches Gebiet, Lausch- und Spähanlage. Etliche Fahrgäste nutzen heute den Halt zur Stärkung in der „Schierker Hexenbaude” am Bahnhof und begutachten den wartenden Gegenzug.

Unweit des Gipfels wird der Baumbestand spärlich. Etliche vom Wind gebeugte und von Schnee und Eis modellierte kleinwüchsige Fichten und Ziersträucher erinnern an Gnome, Hexen und andere Fabelwesen. An guten Tagen kommen bis zu 15.000 Menschen auf den Gipfel, im Schnitt gut 4000 täglich. Heute ist die Sicht, die bei klarem Wetter über 100 Kilometer weit reicht, äußerst mäßig.

Dennoch scheinen die meisten Besucher happy. Der Schnee ist tief, die Hinweisschilder sind voller Eiszapfen. Zwischen vereisten Gewächsen, an denen Kristalle glitzern, toben Kinder mit Schlitten und Schneebällen. Skifahrer auf Langlaufbrettern fachsimpeln. Wanderer machen Rast, packen Brote, Christstollen und heiße Getränke aus dem Rucksack.

Auch im Winter ist die Brockengastronomie mit Imbiss, Gaststätte und Hotel gefragt. „Nur bei heftigem Schneesturm ist geschlossen. Das ist selten”, sagt Juniorchef Daniel Steinhoff. „Wir haben das ganze Jahr zwischen 10 und gut 3000 Gäste am Tag, das hängt vom Wetter ab.” Im März 1991 startete die Familie klein mit Gulaschkanone und Trabi.

Die Schmalspurbahn steuert auch Orte mit Weihnachtsmärkten an, zum Beispiel Wernigerode, Quedlinburg und Nordhausen. Ein ausgedehnter Christmarktbummel kann zur Drei-Länder-Tour werden. Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen teilen sich den Harz. Die Entfernungen sind überschaubar.

Der Harzer Tourismusverband listet über 30 Gemeinden auf, die mit Christmärkten locken: Auch Aschersleben und Altenau, Sangerhausen, Thale und Wildemann gehören dazu. Etliche starten im November, manche öffnen bis Anfang 2012, Braunlage bis zum 4. und der Bad Harzburger Winterzauber bis 8. Januar, zwei Tage nach Heilige Drei Könige.

Manche Gemeinden feiern mehrfach. Vielerorts ergänzen Handwerkliches und weihnachtliche Traditionen den reinen Budenzauber. Manchen Besuchern ist der schmucke Weihnachtsmarkt in Wernigerodes Altstadt mit vielen Verkaufsständen zu kommerziell. Kreativ gibt sich der 1. Wernigeröder Schlosswinter (17. Dezember bis 7. Januar) auf dem Schloss über der Stadt mit Herolden, Dudelsackspielern, Märchenfee und Weihnachtsmann.

Beim „Advent in den Höfen” (3./4. und 10./11. Dezember) im nahen Quedlinburg, der Stadt der 1200 Fachwerkhäuser und Weltkulturerbe, verzaubert ein Engel mit Sternenstaub die Besucher. Lebkuchenbäcker und Kerzenzieher erwecken verborgene, sonst verschlossene Höfe zum Christfest. Der traditionelle Weihnachtsmarkt ist vor dem Rathaus.

Ein Spaziergang durch einen kleinen Weihnachtswald mit 40 hohen, illuminierten Fichten gehört zum Weihnachtsmarkt in Goslar in Niedersachsen (bis 29. Dezember). Zwischen historischen Gebäuden stehen rund 80 Stände mit Gastronomie und Kunsthandwerk. Das Theater in Nordhausen in Thürigen verwandelt sich 24 Tage in einen großen Adventskalender.

Kinderaugen leuchten, wenn der Theaterengel täglich um 17.00 Uhr eine Tür öffnet. Den traditionellen Weihnachtsmarkt mit Lichterbogen, kleinem Märchenwald und Lebkuchen finden Besucher der Stadt vor der Blasiikirche.