Jungfraujoch: „Memmen haben hier oben nichts zu suchen”: 100 Jahre Jungfraubahn

Jungfraujoch: „Memmen haben hier oben nichts zu suchen”: 100 Jahre Jungfraubahn

Zugführer Thomas Lanz muss für alles gewappnet sein. Triebfahrzeuge muss er unterwegs reparieren können, nach Schneefällen wird er im Schneeräumdienst eingesetzt, seine Kenntnisse in Erster Hilfe sind genauso gefragt wie Fingerspitzengefühl bei der psychologischen Betreuung von Fahrgästen - wenn wieder einmal Touristen aus Asien die lange Tunnelfahrt unheimlich wurde. „Memmen haben hier oben nichts zu suchen”, meint er mit einem Lachen.

765 000 Touristen kamen im vergangenen Jahr mit der Zahnradbahn zum Jungfraujoch, Europas höchstgelegenem Bahnhof auf 3454 Metern über dem Meer. Die Eröffnung der Jungfraubahn am 1. August 1912 markierte endgültig den Beginn des Massentourismus im Berner Oberland. Die eisenbahntechnische Pionierleistung hat das markante Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau erst weltberühmt gemacht.

50 Minuten dauert die Fahrt vom Ausgangspunkt auf der Kleinen Scheidegg auf 2061 Metern hinauf an den Ursprung des Großen Aletschgletschers. Auf der zwölf Kilometer langen Strecke überwindet die Zahnradbahn rund 1400 Höhenmeter. Mehr als die Hälfte liegt im Tunnel. Den Vergleich mit einem U-Bahn-Fahrer will Thomas Lanz aber gar nicht hören.

Auf 2865 Höhenmetern legt der rote Zug im Tunnel an der Station Eigerwand den ersten Zwischenstopp ein. Für fünf Minuten können die Fahrgäste sich die Beine vertreten. Der Blick schweift aus einem der drei Panoramafenster mitten in der Eiger-Nordwand hinab ins Tal bis nach Grindelwald und weiter nach Interlaken.

Beim nächsten Tunnel-Stopp auf 3160 Meter Höhe an der Station Eismeer hat man freien Blick auf die bizarre Eis- und Gletscherwelt auf der Rückseite von Eiger, Mönch und Jungfrau. Noch bevor der Stollen der Jungfraubahn bis zum Jungfraujoch getrieben wurde, diente die Station Eismeer ab dem 25. Juli 1905 als vorläufige Endstation.

Die bis dahin verschlossene Glitzerwelt aus Eis und Schnee öffnete sich für immer mehr Touristen. Mit einheimischen Bergführern unternahmen die Wagemutigen kleine Gletschertouren. Erfahrene Alpinisten brachen vom Eismeer auf zu berühmten Bergtouren, wie der Eiger-Ostroute. Tourenskifahrer starteten zu den legendären Eismeer-Skiabfahrten hinab nach Grindelwald.

Doch all diese Eindrücke sind nur ein Vorspiel für den eigentlichen Höhepunkt der Zugreise mit der Jungfraubahn. Nach der Ankunft auf Europas höchstem Bahnhof auf dem ganzjährig mit Schnee bedeckten Jungfraujoch streben die Fahrgäste sofort auf die Aussichtsplattformen.

Bei gutem Wetter haben sie einen Panoramablick auf 200 Alpengipfel. Nach Süden hin erstreckt sich der Große Aletschgletscher - mit 22 Kilometern der längste Gletscher in den Alpen. An klaren Tagen reicht die Sicht gen Norden bis in die Vogesen und zum Schwarzwald.

Zwei Drittel der jährlich bis zu 765 000 Fahrgäste kommen aus Asien. Tendenz steigend. Sie alle wollen sich vor der majestätischen Kulisse der Jungfrau ablichten lassen.

Obwohl Lokführer Lanz fließend Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch spricht, reicht das heute nicht mehr aus. „Immer mehr Inder, Chinesen und Russen fahren mit uns. Da muss ich wohl bald weitere Sprachen lernen”, feixt der Eidgenosse.

Als „Top of Europe” vermarktet - was eigentlich auf das Mont-Blanc-Massiv mit seinen 4810 Metern zutrifft - ist das Jungfraujoch längst eines der bedeutendsten Reiseziele der Schweiz. Wegen der ganzjährigen Schneegarantie auf fast 3500 Höhenmetern legen vor allem die Touristen aus Asien, Russland und aus arabischen Ländern während ihrer Europa-Rundreise auf dem Jungfraujoch einen Zwischenstopp ein.

Der bequeme und schnelle Aufstieg mit der Jungfraubahn hinauf zum Unesco-Weltnaturerbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch lockt aber auch immer mehr unerfahrene Bergsteiger an. Nicht wenige Extremsportler ohne alpine Klettererfahrung suchen den ultimativen Kick auf einem Hochgebirgsgipfel.

Leichtsinnige Abenteurer glauben, mit dem Mönch (4107 m) einen vermeintlich einfachen Viertausender so ganz nebenbei auf einem Tagesausflug mitnehmen zu können. Mit fatalen Folgen. Gleich fünf Bergsteiger verunglückten im vergangenen Jahr beim Auf- oder Abstieg auf den Mönch tödlich.

„Auf keinem anderen Gipfel der Schweizer Alpen gab es 2011 so viele Todesopfer zu beklagen”, erzählt Bruno Durrer aus Lauterbrunnen. Seit fast 25 Jahren ist er als Notarzt bei den Rettungsflügen in der Jungfrauregion im Einsatz und schreibt für den Schweizer Alpen Club SAC die Einsatzstatistik fort. „Alle Opfer waren nicht angeseilt.”

„Viele Fahrgäste kommen mit der Bahn schlecht akklimatisiert auf dem Jungfraujoch an”, sagt Durrer, der als „Hausarzt der Jungfrau” bei seinen Einsätzen gleich hinter seiner Dorfpraxis in Lauterbrunnnen die Helikopter der Air Glaciers (SAC-Rettungsflieger) besteigt.

„Von vielen ungeübten Alpinisten und waghalsigen Extremsportlern werden die Risiken beim Aufstieg unterschätzt. Der sichere Umgang mit dem Seil, Trittsicherheit und alpine Vorerfahrung sind auch auf dem Mönch zwingend erforderlich.”

Anreise: Die Anreise erfolgt am besten mit der Bahn bis Interlaken Ost. Von dort geht es mit der Berner Oberland-Bahn (BOB) über Zweilütschinen nach Lauterbrunnen oder nach Grindelwald. Die beiden Orte werden über die Station Kleine Scheidegg mit der Wengernalpbahn (WAB) verbunden. Von der Kleinen Scheidegg starten die Züge der Jungfraubahn auf das Jungfraujoch.

Preis: Ab Kleine Scheidegg kostet die einfache Fahrt auf das Jungfraujoch 58 Schweizer Franken (rund 48 Euro). Viele Tickets sind im Internet unter www.jungfrau.ch erhältlich.

Informationen: Jungfraubahnen, Harderstraße 14, 3800 Interlaken, Schweiz, Tel.: 0041/33/828 72 33.

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