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Berlin: Kreuzfahrt statt Kururlaub: So reist die Generation 60+

Berlin : Kreuzfahrt statt Kururlaub: So reist die Generation 60+

Es gibt sie noch, die Gruppenfahrten in den Schwarzwald, Busreisen mit Abholservice von der Haustür oder Kuraufenthalte in Thermen und Bädern. Doch obwohl die Bevölkerung allen demografischen Prognosen nach immer weiter altert, besteht der Reisemarkt für Ältere keineswegs nur aus Spazierfahrten für Fußkranke.

„Senioren wollen nicht anders verreisen als andere und auch in der Werbung nicht unbedingt auf ihr Alter angesprochen werden”, erklärt Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband (DRV). „Die Zielgruppe hat sich geändert”, bestätigt Dirk Schmücker, Tourismusforscher bei der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR).

„Senioren sind fit, haben wahnsinnig viel Reiseerfahrung und sind es gewohnt, mobil zu sein.” Laut der aktuellen Reiseanalyse der FUR bevorzugt die ältere Generation Reisen im eigenen Land, fast die Hälfe (44 Prozent) war 2014 innerhalb von Deutschland unterwegs. Gruppenreisen sowie Bus- und Kreuzfahrten sind weiterhin beliebt. „Das Interesse an Gesundheitsurlauben und Kuranwendungen hat aber nachgelassen. Dafür geht das Interesse an Wellnessurlauben hoch”, berichtet Schmücker.

Für die Reisebranche ist die Generation 60+ eine wichtige Zielgruppe. Der Anteil der Senioren am Reisemarkt lag 2014 laut Reiseanalyse bei gut einem Viertel (27 Prozent). Den Prognosen der Forscher nach wird diese Zahl weiter steigen. Außerdem geben Senioren durchschnittlich etwas mehr Geld aus als ihre jüngeren Reisegenossen.

Doch ansonsten verschwinden die Unterschiede: Ein überwiegender Teil der Reisenden aus der Zielgruppe 60+ ist in guter körperlicher Verfassung und unterscheidet sich in seinen Ansprüchen an das Reiseangebot nur wenig von jüngeren Reisenden - so die Einschätzung der FUR.

Veranstalter setzen daher auf Zusatzangebote. „Es gibt zwar auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnittene Angebote”, erklärt DRV-Sprecher Schäfer. „Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass man das eher vermischt betrachten muss.” Das heißt: Zusätzlich zum normalen Menü gibt es in vielen Hotels spezielles Seniorenessen, Hotelanlagen werden im Hinblick auf Barrierefreiheit umgebaut, und immer mehr Veranstalter bieten Sonderleistungen wie ärztliche Betreuung, einen Abholservice oder Begleitung durch Pflegekräfte an.

Ein einheitliches Informationsangebot für Seniorenreisen gibt es bisher nicht, obwohl fast alle Veranstalter entsprechende Angebote im Portfolio haben. Spezielle Gruppenreisen für Senioren bietet zum Beispiel das Deutsche Rote Kreuz (DRK) oder die Arbeiterwohlfahrt (AWO) an. Auch einige Reiseunternehmen haben sich ganz auf die Zielgruppe spezialisiert. Im Vordergrund steht bei solchen Angeboten das Reisen mit Gleichaltrigen. Außerdem sind Zielorte und Transport auf die Bedürfnisse von älteren Menschen abgestimmt.

So gibt es zum Beispiel auf Busreisen häufigere Pausen, um sich die Beine zu vertreten, oder die Teilnehmer werden direkt von zu Hause abgeholt. Einige Veranstalter bieten auch Urlaub speziell für Demenzkranke, Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Multipler Sklerose an. Die Nachfrage ist da: „In den vergangenen drei Jahren haben sich die Teilnehmerzahlen verdoppelt”, berichtet Rebecca Hechinger vom Deutschen Roten Kreuz in Stuttgart.

Viele Teilnehmer seien mehrmals im Jahr dabei. Wichtig für die Reise ist eine gute Abstimmmung: „Wir klären vorher sehr viel mit Angehörigen oder Ärzten ab”, sagt Hechinger. In Einzelfällen könne man dann gegen entsprechenden Aufpreis zum Beispiel einen Pflegedienst ins Hotel bestellen.

Inzwischen gibt es auch ein Kennzeichnungssystem, das die Suche nach dem passenden Urlaubsziel erleichtert. Das Siegel „Reisen für Alle” wurde vom Deutschen Seminar für Tourismus (DSFT) und dem Verein Tourismus für Alle Deutschland (NatKo) entwickelt und kennzeichnet barrierefreie Angebote.

„Hauptziel ist, die vorhandenen Angebote besser an die betreffenden Personengruppen heranzuführen”, erklärt Rolf Schrader, Geschäftsführer des DSFT. Denn Senioren reisen zwar viel - aber in der Generation 70+, in der mehr Menschen körperliche Einschränkungen haben, lässt die Zahl der Reisenden nach. „Bisher gab es keine verlässliche Kennzeichnung, barrierefreie Angebote waren schwer zu finden”, sagt Schrader.

Das einheitliche Siegel, das in Kooperation mit verschiedenen Tourismusverbänden vergeben wird, soll das ändern. Bisher sind etwa 1000 Betriebe zertifiziert: Hotels, Museen oder auch der Münchner Flughafen. Das Siegel, ein schwarzes „V” mit schwarz-rot-goldener Seite, wird durch ein Piktogramm ergänzt. Dieses zeigt, ob sich die Barrierefreiheit auf eine Geh-, Seh- oder Hörbehinderung bezieht.

Informationen zu Seniorenreisen finden Interessenten ansonsten entweder im Internet oder im Reisebüro. „Für die Beratung ist es wichtig, zu erklären, welche körperlichen Einschränkungen existieren und welche zusätzlichen Services benötigt werden, beispielsweise Unterstützung beim Einstieg in das Flugzeug oder die Bahn”, erklärt DRV-Sprecher Schäfer. Außerdem empfiehlt er Reisenden, im Vorfeld bei der eigenen Krankenkasse nachzufragen. Teilweise unterstützen die Kassen nämlich bestimmte Reiseangebote, etwa zur Gesundheitsvorsorge.

(dpa)