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Hamn: Insel Senja: Norwegen in der Nussschale

Hamn : Insel Senja: Norwegen in der Nussschale

„Willkommen in unserer Karibik”, sagt Bootsführer Jan Trane. Rund um die winzige Insel schimmert das Meer türkis, sanft spülen Wellen auf den blütenweißen Sandstrand. Fasziniert betrachten die Ausflügler die Kulisse auf Færøya, eine von genau 98 kleinen und kleinsten Inseln im Bergfjord an der rauen Nordwestküste der großen Insel Senja.

Stille ringsum, nur das immerwährende Kreischen hungriger Möwen begleitet die Ausflügler bei ihrem kurzen Landgang während der Tour im Schlauchboot. Nach einer Viertelstunde heißt es Abschied nehmen von der Idylle, es geht zurück durch den Fjord nach Hamn. Geschickt umkurvt Trane, 67, tückische Untiefen und schroffe Felsenriffe, auf denen sich Kormorane angesiedelt haben.

Klares, türkises Wasser auf Senja - aufgrund seiner Temperatur lädt das Nordmeer aber eher nicht zum Baden ein.
Klares, türkises Wasser auf Senja - aufgrund seiner Temperatur lädt das Nordmeer aber eher nicht zum Baden ein. Foto: Bernd F. Meier

Die Sommer sind kurz auf Norwegens zweitgrößter Insel. Sie liegt 350 Kilometer nördlich des Polarkreises auf 69 Grad nördlicher Breite im Europäischen Nordmeer. Das Eiland mit seinen 8000 Bewohnern ist längst nicht so bekannt wie die südlicheren Lofoten, zu denen es viele Norwegen-Reisende zieht. Größere Touristenströme kommen selten nach Senja, nur wenige Busgruppen auf dem Weg zum Nordkap legen hier einen Zwischenstopp ein. Mit etwa 300 Hotelbetten ist die Insel ein Ziel für Naturliebhaber und Ruhesuchende in der Region Tromsø.

Von Juni bis in den September hinein kommen die meisten Urlauber auf die Insel, die auf ihren 1600 Quadratkilometern alle Landschaften Norwegens vereint - Norwegen in Miniatur. Inselkennerin Elisabeth Müller sagt es so: „Senja ist ganz Norwegen in einer Nussschale.” Die Deutsche lebt seit Jahren in der Gegend, in Målselv bei Bardufoss.

Im Südosten an der Meerenge Gisund zeigt sich Senja lieblich mit Kuhwiesen und Kartoffeläckern, im Nordwesten stürzen die Berge in den Nordatlantik. Zerklüftete Gipfel umrahmen dort die elf Meeresarme mit den abgelegenen Fischerdörfern Mefjordvær, Senjahopen und Husøy. 984 Meter ragt die höchste Erhebung Breidtinden über dem Mefjord auf.

Norwegen in Miniatur ist am besten während einer Fahrt auf der Senja-Landschaftsroute zu erleben, die abwechslungsreiche und spektakuläre Naturbilder bietet. Sie zählt zu den 18 norwegischen Touristenstraßen und verbindet über eine Distanz von 102 Kilometern die beiden Fährhäfen Gryllefjord und Botnhamn.

„Die meisten Urlauber rauschen bei uns allerdings in nur einem Tag durch”, bedauert Müller. Ihr Rat: anhalten, aussteigen, Rast machen, Kultur wie Kurioses erleben. Ein Kapitel Industriekultur wurde in dem kleinen Flecken Hamn geschrieben: „Nikkelverk” steht dort auf einem unscheinbaren Schild am Straßenrand. „Ab 1872 existierte hier 14 Jahre lang ein Bergwerk. Unten haben sie in der Mine geschuftet, 450 Arbeiter werden es wohl gewesen sein”, sagt Naturführer Mogens Wium, ein Däne. Nickel war damals begehrt, etwa als Material für Geldmünzen.

Das Dorf zählte damals 650 Bewohner - Kirche, Schule, Gasthof, ein Lebensmittelladen. In den ersten zehn Jahren sei die Arbeit besonders schwer und voller Gefahren gewesen, erzählt Wium. Öllampen spendeten unter Tage nur funzeliges Licht. Heute ist nur die mit Wasser voll gelaufene Mine zu sehen, ein Kulturdenkmal.

Kultur oder Kuriosität? Eine haushohe Trollfigur taucht plötzlich hinter einer Straßenbiegung auf. „Der Senjatroll wurde zu Wasser und zu Land gesehen”, sagt Leif Rubach voller Überzeugung. Der 70 Jahre alte Trollvater hat sein gesamtes Leben der norwegischen Sagengestalt gewidmet und in den 1990er Jahren einen Märchenpark mit dem größten, begehbaren Troll der Welt gebaut: Fast 18 Meter hoch und 125 Tonnen schwer, schaffte es der grimmig dreinschauende Kerl 1997 sogar bis ins „Guinessbuch der Rekorde”.

Der Trollmann kann nicht alleine leben, sagte sich Rubach - und baute ihm eine Trollfrau zur Seite. „Der Sage nach hat sie früher über den Andfjord geschaut und wurde von den Fischern in der Hoffnung auf einen guten Fang respektvoll gegrüßt. Nun hat sie ihren Platz neben dem Trollmann gefunden”, erklärt Rubach. Beide sind nun ein Ehepaar, 2007 wurde in Rubachs Park eine märchenhafte Hochzeit gefeiert.

Was aber treibt Trollvater Rubach heutzutage, nach dem Abschluss aller Bauarbeiten? In sommerlichen Juliwochen lädt der Trollfan kleine und große Sagenfreunde zur lustigen Trollshow ein, bei der im Bauch des Trolls getanzt wird. Zu Troll-Liedern natürlich, gespielt von der Band mit dem passenden Namen - The Trolling Stones.

Wem das bereits zu viel Rummel ist, der findet als Wanderer Ruhe in der Natur. Insgesamt 26 ausgeschilderte Routen verschiedener Schwierigkeitsgrade sind in der deutschsprachigen Broschüre „Wandern auf Senja” zusammengefasst, farblich sind sie unterschieden in grüne leichte Touren bis rote schwere Routen.

Naturführer Mogens Wium weiß aus Erfahrung: „Senja ist nicht überlaufen, meistens hast du sogar den Berg ganz alleine für dich. Doch man darf sich nicht überschätzen, an der Nordwestküste sind die Trails anspruchsvoll und nur für geübte Wanderer geeignet.” Eine der leichteren Routen beginnt in Skaland an der Kirche von Berg und führt über sieben Kilometer auf den 632 Meter hohen Husfjellet.

Von dort überblicken die Wanderer den äußeren Bergsfjord mit dem Kråkeslottet, das mit dem kleinen Leuchtturm wie ein Wachposten im türkisfarbenen Meer vor dem Örtchen Bovær steht. Nur die wenigsten Reisenden auf der Landschaftsroute kommen bis hierhin. Vom Abzweig in Skaland wird die kurvige Küstenstraße dorthin von Kilometer zu Kilometer schmaler - das Ende der Welt scheint nahe.

„Wir sind nicht das Ende, sondern das Kulturzentrum der Welt”, betont dagegen Georg Blikfeld. Der Kulturmanager hat die ehemalige Fischfabrik und Trankocherei zu einem bedeutenden Treffpunkt der internationalen Musik- und Kunstszene entwickelt. Beim Musikfestival am ersten Wochenende im Juni ertönt sowohl Klassisches als auch Poppiges am Kråkeslottet. Bis zu 1500 Besucher sollen kommen, das Festival findet 2016 schon zum 14. Mal statt. Außerdem präsentieren Künstler aus aller Welt Jahr für Jahr beim Festival Artijuli - auf Deutsch Kunst im Juli - vier Wochen lang ihre Arbeiten.

Auch die Kunst der Straßenbauer gibt es auf Senja zu bestaunen. An der Landschaftsroute entlang der Straßen 86/862 laden drei ungewöhnliche Rastplätze zu längerem Verweilen ein: Auf der schwebenden Aussichtsrampe Bergsbotn zücken die Urlauber Fotoapparate, Handys und Tablets, um die beeindruckende Rundumsicht auf Fjord und Fels festzuhalten. Kurve um Kurve windet sich die Route an der rauen Nordwestkante Senjas entlang. „Zähne des Teufels” werden die Gipfelspitzen der majestätischen Bergwelt auch genannt.

Am Rastplatz Tungeneset hat Helmut aus Ostwestfalen-Lippe sein Wohnmobil abgestellt und meint: „Senja entschleunigt total, hier gibt es keine Eile.” Ein verwitterter Laufsteg aus Sibirischer Lärche führt vom Parkplatz hinunter zu blanken Klippen, die von der tosenden Brandung umspült werden. Hier schweift der Blick über den wilden Nordatlantik auf die Felszacken des 559 Meter hohen Okshornan.

Eine Herausforderung für Wohnmobilfahrer stellen lediglich die 13 Straßentunnel auf Senja dar. Einige der älteren Röhren aus den 1970er Jahren sind eng, kurvig und kaum beleuchtet. Doch mit den Tunneln endete für die Menschen im Nordwesten der Insel auch ihre totale Abgeschiedenheit - einige Flecken wie etwa das Fischernest Fjordgård waren bis dahin über viele Generationen nur über das Meer erreichbar. Für die Einwohner von Senjahopen verkürzte sich der Weg zur Gemeindeverwaltung in Skaland durch den 2004 eröffneten Geitskartunnel um mehr als 90 Kilometer.

Fahrradwanderer folgen auf Senja der nationalen Fahrradroute 1, der Kystruta. Die Strecke folgt meist der Landschaftsroute. An einigen steilen Anstiegen müssen die Radler kräftig in die Pedale treten - Kondition ist gefragt. Oder man schiebt das Fahrrad, etwa vom Örtchen Huselv über mehrere Kilometer bis zur Passhöhe vor Husøy. Das einsame Fischerdorf auf der Felseninsel scheint wie ein dunkler Klecks ins tiefblaue Nordmeer gefallen zu sein und ist nur durch einen schmalen Damm mit Senja verbunden. Die Plackerei ist jedoch lohnend, die Aussicht auf Husøy atemberaubend.

Kunst am Bau oder eine Kuriosität? Auf jeden Fall einmalig ist das Goldene Toilettenhaus am Rastplatz Ersfjordstrand. Mit vergoldeten Aluminiumschindeln umkleidet, glänzt das dreieckige Bauwerk schon von Ferne und lädt zu stilvollen Sitzungen inmitten des knallroten Inneren ein. Um die 3,5 Millionen Kronen - etwa 387 000 Euro - soll der norwegische Staat für das güldene Häuschen hingeblättert haben, erzählen sich die Einheimischen. Für diese stolze Summe verfügt das stille Örtchen allerdings auch über eine Außendusche, mit der sich hart gesottene Badegäste nach kurzem Sprung ins kalte Nordmeer des Salzwassers entledigen können.

(dpa)