Wagrain: Harter Kern, weiche Schale: Wie Pisten entstehen

Wagrain: Harter Kern, weiche Schale: Wie Pisten entstehen

Josef Ellmer dreht den Zündschlüssel, und 440 PS fangen an zu beben. Vor dem Schild am Bug seines Pistenbullys türmen sich weiße Brocken. Tritt Ellmer aufs Gas, setzen sich 13.000 Kilo in Bewegung, werden pro Stunde 30 bis 40 Liter Diesel verbraucht.

Mit Hilfe eines Hebels schwenkt und kippt der Pistenraupenfahrer den Schild, um den Schnee zu verteilen. Die Schneeklumpen werden vom Gewicht der Raupe platt gedrückt, am hinteren Ende von einer Fräse umgegraben und mit einer Gummilippe am Heck in griffige Rillenform gebracht. So präpariert Josef Ellmer jeden Abend Pisten. Doch bis er fahren kann, müssen die Abfahrten erst Schritt für Schritt aufgebaut werden.

„Mir ist es egal, wenn jemand abends über meine frisch gemachte Spur fährt”, sagt Ellmer. „Am nächsten Abend wird ja wieder gewalzt.” Seit 1985 ist Ellmer an den Winterabenden im Skigebiet von Wagrain im Salzburger Land unterwegs. Wenn es schneit, müssen er und seine Kollegen nicht nur abends, sondern auch am frühen Morgen auf dem Berg ihre Bahnen ziehen. „Die Mehrheit der Skifahrer will halt die glatte Piste.”

Österreichs Skigebiete investieren viel Geld, um diesen Wunsch zu erfüllen - und eine ausreichend dicke Schneeauflage zu schaffen. Im Winter 2008/2009 steckten die Betreiber 203 Millionen Euro in den Neubau und die Modernisierung von Beschneiungsanlagen. „Der Bau solcher Anlagen ist aufwendig - unter anderem, weil die Leitungen eingegraben werden müssen”, erklärt Ernst Berger, Betriebsleiter der Bergbahnen Wagrain. Laut dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos wurden im Herbst 2008 in der Österreich rund 50 Prozent aller Skipistenflächen technisch beschneit. In der Schweiz waren es 19 Prozent.

Kunstschnee - Experten sprechen von technischem Schnee - eigne sich besser als Naturschnee, um Pisten zu bauen, erklärt Hansueli Rhyner vom SLF. Grund sei die höhere Dichte des technischen Schnees. Da die Schneekörner kleiner sind, würden sie sich besser verbinden. Auch die Temperatur spiele eine Rolle. Je näher sie am Gefrierpunkt liegt, desto besser sei die Bindung. Genau das sei bei technischem Schnee der Fall, erklärt der Leiter der Forschungsgruppe Industrieprojekte und Skisport. „Naturschnee muss öfter von Maschinen verdichtet werden, bis eine gute Piste entsteht.”

Wie die optimale Beschneiung aussieht, da gebe es unterschiedliche Ansichten, sagt Leo Schuster, Technischer Leiter der Skigebiete Walmendinger Horn und Ifen im Kleinwalsertal. „Wir machen zuerst feuchten, dann trockenen Schnee.” Wie feucht der Kunstschnee wird, hängt vom Wasserdurchsatz ab - viel Wasser gibt feuchten, weniger Wasser trockenen Schnee - und kann an den Maschinen eingestellt werden. Liegt der Schnee einen knappen halben Meter hoch, wird er zum ersten Mal festgewalzt. Kommen neue Schichten dazu, fahren wieder die Pistengeräte drüber und komprimieren den Schnee.

Die Fundamentschicht werde in der Regel sehr hart gebaut, die obere Schicht - auf der gefahren wird - sei dann weicher, erklärt Rhyner. Wichtig sei, dass genug Schnee produziert wird. Denn das schütze die Grasnarbe. Es gibt noch einen weiteren Grund: Gewöhnlich betrage die Bodentemperatur unter der Schneedecke null Grad. Sehr verdichteter Schnee leite Kälte jedoch besser zum Boden, unter einer Piste könne es durchaus bis zu minus sieben Grad kalt werden. „Das hat Einfluss auf bestimmte Pflanzen”, erklärt Rhyner. Ist die Schneedecke jedoch mehr als 60 Zentimeter dick, gehe die Kälte nicht mehr durch - was besser für die Vegetation ist und für eine dicke Pistendecke spricht.

Allerdings hat der Kunstschnee auch Tücken. „Durch die hohe Dichte und die hohe Temperatur besteht die Gefahr, dass man Eis produziert”, sagt Rhyner. Um das zu vermeiden, müsse der technische Schnee Zeit haben, auszukristallisieren. „Geht man zu früh mit der Maschine darauf, entsteht Eis.” Das passiere häufig bei Talabfahrten. Weil dort bis zum Abend Wintersportler unterwegs sind, müssten die Pistenraupen zeitnah fahren. „Dann werden die Abfahrten etwas eisig.”

Das Problem, dass zu wenig Schnee liegt, haben die Pistenbetreiber mit Beschneiungsanlagen ganz gut in den Griff bekommen. Aber gibt es auch zu viel Schnee? „Für die Piste selbst nicht”, sagt Schuster. „Wenn viel Schnee fällt, sind natürlich Lawinen ein Problem, aber da arbeiten wir mit verschiedenen Methoden des Sprengens. Die Pisten sind sicher.”

Vorsicht vor Pistenraupen am Abend

Viele Skifahrer haben zu wenig Respekt vor Pistengeräten, sagt Josef Ellmer, Pistenraupenfahrer in Wagrain im Salzburger Land. „Vor allem alkoholisierte Fahrer fahren oft noch runter, wenn die Piste schon gesperrt ist.” Das ist gefährlich - vor allem, wenn ein Pistengerät mit Seilwinde im Einsatz ist. Gerade in der Dämmerung sei das Seil kaum zu erkennen.