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Bremen: Handel und Wandel in Bremen: Hansestadt mit Tradition

Bremen : Handel und Wandel in Bremen: Hansestadt mit Tradition

Bremen ist stolz auf seine Kaufmanns- und Industrietradition. Doch die Stadt hat sich über die Jahrhunderte gewaltig gewandelt. Wo früher der Hafen war, vergnügt man sich heute in Biergärten. Wo einst Werftenlärm dröhnte, steht heute ein Einkaufscenter.

Nicht mehr Schiffe, sondern Satelliten und Autos sind die Bremer Exportschlager. Handel ist das durchgehende Markenzeichen der Stadt an der Weser. Strukturwandel und Krieg haben nicht alle Zeugnisse der stolzen Tradition zerstört.

Sieht zwar älter aus, stammt aber zum größten Teil aus den Jahren 1922 und 1931: die Böttcherstraße in Bremen.
Sieht zwar älter aus, stammt aber zum größten Teil aus den Jahren 1922 und 1931: die Böttcherstraße in Bremen. Foto: dpa

Jörn Brinkhus vom Staatsarchiv fasst seine Vorschläge für einen Tag in Bremen so zusammen: „Erkunden Sie auf eigene Faust die Bremer Handelshäfen. Erleben Sie eine markante Industriearchitektur wie den Speicher XI, das Kaffee-HAG-Ensemble oder die Tabakbörse.” Aber auch imposante Wohnungsneubauten und die abwechslungsreiche Nachnutzung alter Hafenbauten sollten sich Besucher ansehen. Beides - Wohnen und Industrie - verrate viel über die Bremer Wirtschaftsgeschichte und die Stadtplanung der Gegenwart.

Bei einer Tour durch Bremen erfahren Besucher viel über alte Schiffe, neue Flaniermeilen und guten Kaffee.
Bei einer Tour durch Bremen erfahren Besucher viel über alte Schiffe, neue Flaniermeilen und guten Kaffee. Foto: dpa

Der Reihe nach: Start der Entdeckungstour ist der Marktplatz mit dem Welterbe Rathaus und dem Roland. „Das ist als ein Zeichen des Selbstbewusstseins gebaut worden”, sagt der Bremer Tourismus-Chef Peter Siemering über das Rathaus mit seiner Fassade im Stil der Weserrenaissance. Der Roland ist das Symbol für Bremens Handelsrechte. „Unser Mister Liberty”, wie Siemering sagt.

In den gemütlichen, historischen Häusern des Schnoorviertels sind heute viele kleine Geschäfte.
In den gemütlichen, historischen Häusern des Schnoorviertels sind heute viele kleine Geschäfte. Foto: dpa

Eine Spur aus glänzenden Nagelköpfen im Boden führt durch die Innenstadt, wo sich auch das wirtschaftliche Zentrum der Hansezeit befand. Hier hatte Bremen seinen ersten bescheidenen Hafen. Die Balge, ein längst zugeschütteter Nebenarm der Weser, führte fast bis zum Marktplatz. Für die Nagelkopf-Route gibt es einen Audioguide.

Das Haus Schütting (gebaut 1537), heute Handelskammer, gehört ebenso zu den historischen Schätzen wie das Haus Spitzer Giebel (um 1400), das letzte mittelalterliche Bürgerhaus Bremens. Auch die Stadtwaage (1586) ist einen Besuch wert. Lüder von Bentheim entwarf das Haus, er gab auch dem ehemals gotische Rathaus seine heutige Fassade. Neu im Angebot der Bremen Touristik ist ein 4,5 Kilometer langer Architekturrundgang mit 35 Gebäuden. Tafeln mit QR-Codes für Smartphones bieten Erklärungen.

Die sehenswerte Böttcherstraße, die zur Weser führt und in der einst die Fassmacher arbeiteten, sieht zwar historisch aus, ist es aber zum größten Teil nicht. Die Häusergruppe entstand zwischen 1922 und 1931. An der Schlachte (das Wort stammt von eingeschlagenen Pfählen) legten jahrhundertelang Kähne an. 1962 wurden ein Stück flussabwärts die Reste einer nicht ganz fertiggestellten Hansekogge von 1380 gefunden.

Sie ist heute im Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven zu sehen. Ein Nachbau liegt an der Schlachte, die zur Jahrtausendwende vom Parklatz zur Freizeitmeile aufgewertet wurde. „Man kann hier nachvollziehen, mit welchen Schiffen auf den nordischen Meeren der bremische Handel überhaupt so groß geworden ist - zuerst mit Bier, Korn und Fisch”, sagt Siemering.

Wer sich links hält, gelangt in den Schnoor, ein mittelalterliches Gängeviertel mit alten Häusern, in dem einst vor allem Fischer und Seeleute lebten. Der Teerhof am anderen Weserufer, heute recht steril mit Wohnblocks bebaut, diente der Schiffsausrüstung. Weil die Rümpfe der oft eilig gezimmerten Koggen nicht wasserdicht waren, wurden die Fugen zwischen den Planken mit Fasern und Teer abgedichtet.

Weserabwärts liegen die Schauplätze des Industriezeitalters: riesige Hafenbecken, die kläglichen Reste der Großwerften und die alten Speicher. Von der AG Weser ist kaum mehr geblieben als der Straßenname „Use Akschen”, unsere Aktiengesellschaft, wie die Bremer ihre Werft nannten. „Das Wahrzeichen der Werftenzeit, der große Kran der AG Weser, ist nicht mehr”, bedauert Siemering.

Das auf dem Gelände gebaute Space-Center wurde ein Millionengrab für Steuergeld. Das dazugehörige Einkaufszentrum mit Weserblick hat sich berappelt und ist heute ein Anziehungspunkt für Zehntausende. Auch in Vegesack, wo die Bremer Vulkan Werft einst Schiffe baute, ist nicht mehr viel von der großen Zeit zu sehen. Die Maritime Meile dort mit Museumshafen und Ausstellung ist aber einen Besuch wert.

Bremen ist seit 75 Jahren ein Zentrum des Automobilbaus. Wo einst in Sebaldsbrück die legendäre Borgward Isabella gefertigt wurde, laufen jetzt jährlich mehr als 300.000 Mercedes-Benz vom Band. Die Stadt ist auch führend in der Luft- und Raumfahrt. „Wir erfinden uns irgendwie immer wieder neu”, sagt der Tourismus-Chef. „Bremen gibt nicht auf” - trotz hoher Schulden und immer noch überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit.

Was ist aus Bremens Häfen geworden, die noch bis in die 70er Jahre voller Frachter lagen? Die „Fairland” brachte 1966 den ersten Container in den Bremer Überseehafen, der inzwischen zugeschüttet und Teil der Überseestadt ist. Mehr als fünf Millionen Standardcontainer werden heute im Land Bremen umgeschlagen - allerdings in Bremerhaven an der Wesermündung. „Der Container hat alles revolutioniert”, erklärt Siemering und empfiehlt einen Besuch im Hafenmuseum. Das riesige Gelände entwickelt sich gerade zu einer Mischung aus Wirtschaft, Wohnen und Freizeit mit Marina, Kultur und Gastronomie.

Gleich nebenan im Holzhafen bietet sich noch ein Bild wie in der Blütezeit der 50er und 60er Jahre. Das Be- und Entladen der Frachtschiffe lässt sich von der alten Feuerwache am Ende des Hafenbeckens aus beobachten, die heute Café und Restaurant beherbergt.

Wer sich für die Geschichte des Kaffeehandels interessiert, findet in Bremen nicht nur die großen Röstereien wie Jacobs und Melitta, sondern kann im Kaffeequartier auf Eduschos Spuren wandeln. Sogar das alte Geschäftszimmer von Kaffee-HAG-Gründer Ludwig Roselius existiert noch.

(dpa)