1. Leben
  2. Reisen

Rotterdam: Gigant mit Schwerenöter: Die „Norwegian Breakaway” legt ab

Rotterdam : Gigant mit Schwerenöter: Die „Norwegian Breakaway” legt ab

Würde nicht ab und zu der Wein im Glas zittern, vergäßen die Passagiere das Meer manchmal einfach. Aber selbst die „Norwegian Breakaway” bringen Bugwellen hier und da aus der Ruhe. Sonst erinnert sie eher an eine schwimmende Stadt als an ein Kreuzfahrtschiff. Es ist das größte Schiff, das je in Deutschland gebaut wurde.

Ein Basketballplatz, ein Minigolfplatz und ein Hochseilgarten mit Kletterwand fahren mit. Oben lädt der größte Aquapark zum Baden ein, den es auf See gibt. In zwei Freefall-Rutschen stellen sich die Schwimmer auf eine Klappe, die sich öffnet, sobald sie grünes Licht geben. Dann geht es im freien Fall abwärts. In 27 Restaurants und Snackbars essen 4000 Passagiere. Inklusive Crew sind pro Tour mehr als 5600 Menschen an Bord des 324 Meter langen Schiffes.

Am ersten Abend der Premierenfahrt ab Rotterdam kämpft sich ein Passagier Stufe um Stufe hoch und tritt schließlich erschöpft aber glücklich aus einer der eleganten Glastüren an Deck, bereit, den Giganten von oben zu betrachten. „Ach du meine Güte, das ist ja unfassbar”, stellt er entsetzt fest. „Ich dachte, wir seien schon oben!” Er ist auf Deck 8. Insgesamt gibt es 18.

Dass die Gäste vorschnell glauben, sie seien schon ganz oben, ist auch dem neuen Konzept geschuldet, das die Reederei erstmals in der „Breakaway” umgesetzt hat. „Viele der großen Schiffe sind eher nach innen gerichtet”, sagt Kevin Bubolz von Norwegian Cruise Line (NCL). Er meint die große Halle in der Mitte, um die herum sich alles dreht. Gastronomie und Events spielen sich hauptsächlich innen ab.

Das neueste Mitglied der Flotte sollte anders sein. „Wir wollten die Gäste näher ans Wasser bringen, eine Verbindung mit dem Ozean schaffen.” Deshalb gelangen die Passagiere an vielen Stellen nach draußen, sie sollen möglichst viel Zugang zum Deck haben. Es gebe auch mehr Fenster als in anderen Schiffen, sagt Bubolz. Vier Restaurants haben nicht nur innen Sitzplätze, sondern auch außen, auf kleinen Veranden außen an Deck - eine Neuheit auf See. Windbrecher schützen die Gäste vor allzu frischer Brise, die Lage der Restaurants mit Veranda ist so berechnet, dass die Gäste zwar draußen sitzen, aber möglichst wenig Wind abbekommen.

Im Gegensatz zu vielen anderen US-amerikanischen Schiffen, setzt die „Breakaway” in Sachen Design auf Understatement. Böden, Stoffe und Dekor sind hauptsächlich in Braun, Beige und Türkis gehalten. In der Lobby und in vielen Bars und Restaurants sind die Wände mit dunklem Holz beschlagen, Ohrensessel erinnern an den Schick New Yorker Kneipen.

„Wer von Ihnen war gestern vor ein Uhr morgens im Bett?”, fragt NCL-Chef Kevin Sheehan am ersten Morgen der Tour in großer Runde. Alle lachen. Die Frage war ein Witz. Es ist zu viel los in einer Nacht auf der „Breakaway”, um früh ins Bett zu gehen. Sheehan wollte mit der „Breakaway” ein Stück New York City aufs Meer bringen. „With a sizzling nightlife.” Mit einem brodelnden Nachtleben also. „Es gibt hier einfach mehr Möglichkeiten, Spaß zu haben - und Geld auszugeben”, gibt er zu. New York wird auch der Heimathafen sein.

Rund 780 Euro kostet das günstigste Ticket für eine Sieben-Tage-Tour in einer Innenkabine. Essen und Trinken in bestimmten Restaurants sind inklusive. Viele andere Angebote, etwa Alkohol, Dinner in Spezialitätenrestaurants oder Wellnessbehandlungen, kosten extra. 20 Dollar geben Passagiere für eine halbe Stunde und zwei Drinks in der Ice-Bar aus. Silberne Thermocapes schützen sie vor der minus acht Grad kalten Luft. Nach 30 Minuten müssen alle raus, die Schlange vor der Bar ist immer lang.

Umsonst dürfen Passagiere ins „Fat Cats”. Fette Katzen heißt der Blues- und Jazz-Club übersetzt, der wie eine Spelunke in New Yorks Untergrund aussehen soll. So ganz mag das auf der nagelneuen „Breakaway” noch nicht gelingen. Musikalischer Herr des Clubs ist der New Yorker Blues-Musiker Slam Allen, der wie kein anderer an Bord das Sizzling Nightlife befeuert. Selbst die Crew-Mitglieder drücken sich nach Ende ihrer Abendschicht mit dem Rücken an die Wand des Clubs, um seine Jamsessions zu hören.

„Er ist Vollblut-Musiker, aber noch viel mehr ist er Entertainer”, sagt Seth aus Connecticut. Seth spielt zum Abendessen den Bass in einer Jazz-Kombo im Hauptrestaurant, dem Manhattan-Room im Heck des Schiffes. Während er das erzählt, liegt Allen auf beiden Knien vor einer blonden Schönheit im Publikum. Die Gitarre hat er auf der Bühne gelassen, um inbrünstig mit gefalteten Händen singen zu können, dass er sie liebt und heiraten möchte. Als sie gerührt und amüsiert ablehnt, sagt er: „Dann tu mir nur einen letzten Gefallen - hilfst du mir wieder hoch?” Das Publikum tobt. „Er ist unglaublich”, sagt Seth.

Ein Deck tiefer bietet die Bliss-Lounge das Gegenprogramm. Hinter dem DJ-Pult steht ein Mann mit auffälliger Brille: Seine Kopfhörer sitzen nicht auf, sondern über den Ohren, der Bügel geht quer über die Stirn. Er schreckt nicht davor zurück, von Shakira bis Lady Gaga alles in Elektro-Beats umzuwandeln, was ihm in die Finger kommt. Auch hier tobt das Publikum. Drei Broadwayshows, ein Casino, eine kleine Bowlingbahn und viele Bars tragen außerdem ihren Teil zum Sizzling Nightlife bei.

„Es sind schon auch Herausforderungen dabei”, sagt Bubolz und meint die 4000 Menschen, die ungefähr zur gleichen Zeit essen wollen oder in dieselbe Show. NCL hat dafür das Freestyle Cruising erfunden, erklärt Bubolz. Passagiere können anders als auf vielen anderen Kreuzfahrtschiffen frei wählen, wann und wo sie essen wollen. Das entzerrt. „Vieles liegt an Kleinigkeiten.” Die Lage der Restaurants, die Uhrzeiten der Shows: Damit lenke die NCL Gästeströme. Wer zu lange auf einen Tisch warten muss, bekommt einen Pieper, darf sich an die Bar verziehen und wird herbeigepiept, wenn etwas frei wird.

Sehr viel größere Schiffe als die „Breakaway” und die 4200 Gästen fassende „Epic” wolle NCL dennoch nicht mehr bauen, antwortete Sheehan auf die Frage nach seinem Limit in Sachen Passagierzahl. „Ich denke, dies dürfte eine gute Größe sein.”

(dpa)