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Berlin: Gebucht ist gebucht: Pauschalreisen lassen sich nur teuer stornieren

Berlin : Gebucht ist gebucht: Pauschalreisen lassen sich nur teuer stornieren

Die Deutschen verreisen gerne - und sie haben es gerne bequem: Mehr als 45 Millionen Reisen wurden laut Deutschem Reiseverband (DRV) im Jahr 2015 bei Veranstaltern gebucht, ein großer Teil davon Pauschalreisen. Doch längst nicht jeder tritt sie auch an.

Krankheit, Terminprobleme, Terrorgefahr - die Liste der Gründe ist lang. Schätzungen zufolge werden Jahr für Jahr bis zu 12 Prozent der Reisen storniert - für die Verbraucher oft ein teures Vergnügen.

Umstrittene Stornogebühren

Einmal gebucht, lassen sich Pauschalreisen nur selten kostenlos stornieren, nämlich bei höherer Gewalt. In solchen Fällen muss beispielsweise eine Naturkatastrophe die Reise erheblich beeinträchtigen. Auch Terror oder Krieg zählen dazu. Allerdings: Nichts davon dürfe zum Zeitpunkt der Buchung absehbar gewesen sein, heißt es beim Verbraucherportal Finanztip. Und: „Einzelne Terroranschläge zählen nicht dazu, die gehören zum normalen Lebensrisiko.”

Bei allen anderen Gründen - Krankheit, Trennung, Todesfall in der Familie - werden Gebühren fällig. Die meisten Reiseveranstalter regeln die Stornogebühren in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Allerdings seien die nicht immer gültig, sagt Reiserechtsanwältin Grit Andersch. Auf ihrem Schreibtisch landen immer wieder Streitigkeiten um Stornogebühren.

Denn: Deren genaue Höhe sei nicht gesetzlich geregelt, sondern werde nach einem recht komplexen System berechnet, sagt Andersch. Das lautet: „Reisepreis abzüglich der ersparten Aufwendungen”. Im Klartext: Dem Veranstalter stehen die tatsächlich entstandenen Kosten zu. Was er aber spart - beispielsweise das Essen -, muss er dem Kunden erstatten. Den vollen Reisepreis darf er nicht behalten.

In der Regel orientieren sich die Stornogebühren an Entscheidungen des Bundesgerichtshofs. Demnach werden normalerweise bis 30 Tage vor Reisebeginn rund 30 Prozent des Reisepreises fällig, danach erhöhen sich die Gebühren stufenweise auf 70 bis 80, manchmal sogar auf 90 Prozent. Finanztip rät jedoch, sich nicht auf diese Sätze zu verlassen: „Die Gerichte orientieren sich zwar an BGH-Urteilen, am Ende wird aber im Einzelfall entschieden, wie hoch die tatsächlichen Kosten des Veranstalters waren.” Und die können bei besonders aufwendigen Reisen auch höher sein.

Zurücktreten - aber wie?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass der Rücktritt nachweisbar ist, sagt Eva Klaar von der Verbraucherzentrale Berlin. „Natürlich kann man vorab telefonisch oder per E-Mail zurücktreten, aber man sollte immer ein Einschreiben hinterherschicken.” Darin sollte man seine Forderungen klar formulieren und eine Frist setzen. Wichtig sei außerdem, so früh wie möglich zurückzutreten. Je später die Stornierung, desto höher die Kosten.

Sollte sich der Veranstalter nicht zurückmelden oder es zum Streit kommen, kann man sich an die Verbraucherzentralen oder die neu eingerichtete Allgemeine Verbraucherschlichtungsstelle wenden. Sollte all das scheitern, bleibt nur noch der Gang zum Anwalt und vor Gericht.

Überschreiben statt stornieren?

Prinzipiell kann man seine Reise gegen eine geringe Gebühr auf andere Personen überschreiben. Das ist gesetzlich geregelt. Allerdings sollte man sich vorher beim Veranstalter erkundigen, ob noch weitere Kosten anfallen, rät Rechtsanwältin Andersch. „Manche Fluggesellschaften berechnen in solchen Fällen den ganzen Flug neu - und das kann ganz schön teuer werden.” Wer im Bekanntenkreis keinen Ersatz findet, kann auch versuchen, seine Reise auf speziellen Internetportalen zu verkaufen. In der Regel findet man Käufer aber nur mit erheblichen Preisnachlässen. Man sollte sich also genau informieren, was am Ende günstiger ist: Verkauf oder Stornierung.

Reiserücktrittsversicherung abschließen?

Reiserücktrittversicherungen springen unter Umständen im Stornierungsfall ein und übernehmen die Gebühren. Allerdings lohnen sie sich nicht für jeden, sagt Verbraucherschützerin Klaar: „Reiserücktrittsversicherungen eignen sich für Familien mit kleinen Kindern, ältere Menschen und lange im Voraus gebuchte Reisen.” Auch bei sehr teuren Reisen können sie sinnvoll sein. Finanztip rät: „Schließen Sie eine Reiserücktrittversicherung immer separat ab, nie direkt beim Veranstalter oder bei der Buchung auf der Website. Oft stimmt da das Preis-Leistungsverhältnis nicht.”

Außerdem sollte man sich mit dem Kleingedruckten befassen, denn nicht alles ist abgedeckt. Normalerweise greift die Versicherung bei einem Todesfall in der Familie oder dem unerwarteten Verlust des Arbeitsplatzes. Bei Krankheiten wird es schon schwieriger: Die dürfen bei Buchung der Reise nicht bestanden haben und nicht vorhersehbar gewesen sein, sagt Klaar. Außerdem wichtig: Es zählt der Zeitpunkt der Erkrankung. Wartet man erst noch ein wenig ab und erhöhen sich in der Zeit die Stornogebühren, kann es sein, dass die Versicherung nicht die gesamten Kosten trägt.

Stornokosten vermeiden

„Stellen Sie sicher, dass Sie wirklich fahren können und buchen Sie nicht allzu lange im Voraus„, sagt Rechtsanwältin Andersch. „Und informieren Sie sich vor der Buchung über Veranstalter, Hotel und Angebot.” Denn gebucht ist gebucht. „Es gibt kein Widerrufsrecht, auch nicht bei Internetbuchungen. Das ist vielen nicht klar”, so Andersch.

Auch Klaar rät: „Haben Sie keine Eile bei der Buchung.” Außerdem sollte man genau darauf achten, was der Veranstalter zusichert, denn nur zugesicherte Leistungen müssen erbracht werden. „Lassen Sie sich bei der Buchung den Katalog zeigen oder machen Sie bei Onlinebuchungen einen Screenshot von der Angebotsseite”, sagt die Verbraucherschützerin. Nur wer Beweise hat, kann später reklamieren.

Und: Achten Sie darauf, dass Sie den Reisesicherungsschein erhalten. Dieser weist nach, dass der Veranstalter im Falle einer Insolvenz oder Zahlungsunfähigkeit versichert ist. „Ohne Reisesicherungsschein können Sie von der Reise zurücktreten”, sagt Anwältin Andersch. Ohne Stornogebühren.

(dpa)