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Lenzen: Faule Burgsäue und Fluglärm der besonderen Art: Tour in der Prignitz

Lenzen : Faule Burgsäue und Fluglärm der besonderen Art: Tour in der Prignitz

Der Kutscher mag es gemütlich. Mit zwei PS steuert er gemächlich über die Brandenburgische Dorfstraße mit Kopfsteinpflaster und biegt dann auf den Hof der Plattenburg ab. Die Anlage mit ihrem roten Backsteinturm ist eine der letzten in der Prignitz, früher gab es mal gut zwei Dutzend. Auch die Plattenburg hat zwischenzeitlich gelitten. Von 1995 bis 2002 wurde sie aufwendig renoviert. Heute können Touristen hier einen Stopp einlegen. Oder sogar heiraten. Der Rittersaal mit Original-Kamin und einer schweren Holztür von 1609 ist eine Außenstelle des Standesamtes.

Burgherr René Günther führt die Gäste in den Burgkeller. Holztische und -bänke stehen hier. „Fleisch von der faulen Burgsau und vom geflügelt Tier” kündigt er an. Gegessen wird vom Holzteller. Die Messer sind so, dass man sie auch zur Selbstverteidigung benutzen könnte. Das Bier braut der Burgherr selbst. Vier Sorten gibt es - von Rittergold bis Schwarzer Magd.

Viele Besucher kommen mit dem Fahrrad. Gleich fünf Radwege führen an der Burg vorbei - die Prignitz ist zum Radfahren ideal. Auf dem Deich in der Nähe von Lenzen, mitten im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg, haben die Radler den Fluss durchgehend im Blick. Am Rand des alten Elbdeichs steht ein Schild mit schwarzer Eule auf gelbem Hintergrund: Naturschutzgebiet.

Hinterm Deich weiden mal Kühe und mal Schafe oder sogar eine Herde Wildpferde. Die Region gilt außerdem als storchenreichste in Deutschland. Darunter sind sogar viele Schwarzstörche, die noch seltener sind als ihre weißen Verwandten. Wer hier Urlaub macht, kommt der Natur sehr nahe.

Heute teilt die Elbe in der Prignitz nur Brandenburg und Niedersachsen, 40 Jahre lang war sie Grenzfluss zwischen den beiden deutschen Staaten. Während andere Flüsse in dieser Zeit weiter eingedeicht und begradigt wurden, hatte die Elbe ihre Ruhe. Nach der Wende haben Umweltschützer für eine Rückverlegung des Elbdeichs gekämpft. Dadurch hat der Fluss 2011 immerhin 420 Hektar Überschwemmungsfläche zurückbekommen.

Manchmal gibt es in der Prignitz Augenblicke, die sind fast unwirklich schön: Wenn es am Elbdeich zu dämmern beginnt, Schwalben über den Radlern den Weg kreuzen und Grillen so laut zirpen, dass man misstrauisch wird: „Kommt das vielleicht vom Band?” Je dunkler es wird, umso mehr erscheint die Elbe als helles Band - eine Landschaft wie aus einem Bild holländischer Meister.

Dirk Wolters sitzt dann manchmal am Deich und hört der „Elbphilharmonie der Natur” zu, wie er sagt - dem „Fluglärm der Prignitz”. Er meint Zugvögel wie Gänse, die den Fluss ansteuern. „Das sind genau die Momente, für die wir hierhergezogen sind.” Der Koch ist mit seiner Frau Annett Senst in Unbesandten im „Alten Hof am Elbdeich” zu Hause, in dem Hotel und Restaurant untergekommen sind.

Diese Momente, die Wolters am Elbdeich so schätzt, kennt Horst Oppenhäuser auch. Er wohnt im nahen Dorf Breetz und ist ebenfalls ein Zugezogener, stammt aus dem Bergischen Land bei Köln und kam mit seiner Frau zufällig hierher. „Wir haben uns in die Gegend verliebt und leben jetzt schon mehr als fünf Jahre hier”, erzählt er. Breetz ist 1813 fast vollständig abgebrannt. Die meisten Häuser an der einzigen Straße wurden in den Jahren unmittelbar danach gebaut.

Ende der 1990er Jahre war das Dorf erneut akut vom Aussterben bedroht. „Heute lebt es wieder”, sagt Oppenhäuser, der sich im Verein Apropos Breetz engagiert. 22 Menschen wohnen dort. In den alten Häusern gibt es inzwischen auch eine Reihe Ferienwohnungen. Der Grafiker und Maler hat für sich selbst eine alte Scheune als Galerie und Wohnhaus umgebaut. Direkt vor seinem Garten fließt die Löcknitz lang. Im Sommer kann man darin baden oder mit dem Kanu lospaddeln.

In die eine Richtung geht es nach Lenzen, in die andere nach Dömitz. Das liegt schon in Mecklenburg-Vorpommern. Und direkt vor Dömitz liegt Klein Schmölen. Das muss man nicht kennen, aber es ist mit seiner Dünenlandschaft sehr schön da. Horst Jäger würde das sofort bestätigen. Er trägt Cargo-Hose und Trekking-Schuhe. Jäger war 42 Jahre lang Biologielehrer, inzwischen ist er pensioniert.

„Ich bin in den Dünen groß geworden”, sagt er bei einer Führung durch die Dünenberge. Der höchste Punkt erreicht 43 Meter. Die Landschaft wirkt schon deshalb ungewöhnlich, weil die Kiefern hier bis zur Krone im Dünensand stecken - der Rest des Baums ist zugeweht. „Hier stoßen ein Trocken- und ein Feuchtgebiet aufeinander”, erklärt Jäger. „Das macht die große Artenvielfalt aus.”

Rohrweihe, Heidelerche und Rotmilan hat er hier schon beobachtet, im Winter Saat-, Grau- und Kanadagänse. Kraniche sowieso. Die Greifvögel, die über der Düne kreisen, identifiziert er mit geübtem Blick als Bussarde. Und als sich am Boden etwas bewegt, biegt Jäger schnell das Gras zur Seite: Eine Kröte versteckt sich da.

Oben auf den Dünen bietet sich ein weiter Blick. Die deutsch-deutsche Grenze war von hier aus zu sehen. „An die Elbe durften wir nicht ran”, erinnert sich Jäger. „Bis zur Öffnung im Herbst 89.” Der Fluss ist von der Düne aus gut zu erkennen. „Bei Hochwasser ist die Fläche, auf die wir gucken, komplett überflutet.” Dann sind oft Tausende von Wasservögeln zu beobachten. Für den früheren Bio-Lehrer gibt es nichts Schöneres: „Wenn man bei Sonnenaufgang in den Dünen ist, alles still, und dann wachen die Vögel auf.”

(dpa)