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Alpbach: Doggln und Prügeltorte: Altes Handwerk im Alpbachtal

Alpbach : Doggln und Prügeltorte: Altes Handwerk im Alpbachtal

Dunkelbraune Holzfassaden und Balkone mit Blumenschmuck prägen das Ortsbild. In Alpbach werden Tiroler Traditionen bewahrt und alte Handwerke gepflegt: Federkielsticker und Dogglschuster, Bierbrauer und Säger lassen sich bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Bei so viel Tradition wundert es nicht, dass sich in Alpbach und den umliegenden Orten alte Handwerke erhalten haben. Für Besucher sperren die Handwerker ihre Werkstätten auf und zeigen ihre Arbeit. Eine Auswahl.

Ein Kerl wie ein Baum: „So arbeitet vermutlich keiner mehr”, sagt Sägemeister Andreas Moser. Schon Vater und Großvater waren die Säger von Inneralpbach, und Sohn Andreas nutzt die gleichen Gerätschaften wie damals. Die Sägepresse ist Jahrgang 1867. Sägeblatt einspannen, stutzen, die Zacken abschleifen und schon ist das Werkzeug wieder einsatzbereit. Früher hat Andreas Moser pro Jahr bis zu 20 Dachstühle geliefert, heute ist es einer. Er sägt jetzt eher Zäune und Balkone zurecht oder Interieur für Pensionen und Nobelwohnungen. „Manches geht bis in die Schweiz. Da spielt Geld angeblich keine Rolle”, sagt der 46 Jahre alte Chef des Einmann-Betriebs. (Sägerei Moser, Inneralpbach 362, A-6236 Alpbach)

Zierliches Zickzack: Der Federkielsticker Georg Leitner führt einen winzigen Faden geschickt durchs Leder. Ungefähr 200 Stunden wird es dauern, bis das Stück fertig ist: ein kohlschwarzer Trachtengürtel mit feiner Stickerei, auch Ranzen genannt. Leitner ist einer der letzten Federkielsticker in Österreich. Das Handwerk erlernte der 49-Jährige vom Vater. Heutzutage kommen Kunden und Besucher aus dem gesamten Alpenraum in Leitners kleine Werkstatt und lassen sich die kostbare Kunst erläutern.

„Zum Federkielsticken werden gespaltene Pfauenfedern und pflanzlich gegerbtes Rindsleder verwendet”, erklärt Leitner. Sorgen um die berufliche Zukunft muss sich der Handwerker nicht machen: Gürtel mit Federkielstickereien gelten heute als wertvolle Prestigeobjekte, die je nach Aufwand bis zu 3000 Euro kosten können. Zu den gestickten Motiven gehören Blüten, Zunftzeichen und Familienwappen. Hohe Handwerkskunst statt Massenware mit Kunststofffäden. Dafür braucht es neben Geld auch Geduld: Auf eine Leitnersche Stickerei warten Kunden etwa ein Jahr. (Federkielstickerei Georg Leitner, Neudorf 27, A-6235 Reith im Alpbachtal)

Trucker und Tüftler: Der Händedruck von Bierbrauer Jos Moser ist kräftig. Der 53-Jährige hat in seinem Leben schon viel gemacht: Sattelanhänger für Lkws konstruieren, mit dem Truck von Duisburg nach Italien fahren, jede Woche eine Tour. Mit Malz fuhr er zu Brauereien, wo er seine Leidenschaft entdeckte - er drückte die Schulbank und wurde Braumeister. „Gleich danach habe ich 2006 in der Garage meines Bruders mit dem Baggern begonnen, nur zwei Monate später stand die Brauerei”, erzählt Moser. Leitungen, Kessel und Abfüllanlage - alles selbst entworfen.

Seit diesen Tagen kommen aus der Alpbacher „Kristallbrauerei” fünf untergärige Biere, etwa süffiges Helles, Dunkles und dazu klassisches Weizen. Mit 4,5 Prozent Alkoholgehalt sind es leichte Biere mit viel Geschmack. Und die liefert der Brauer unter anderem für VIP-Partys nach Kitzbühel. Oder nach Sylt, in die „Sansibar”. (Kristall-Brauerei Jos Moser, Inneralpbach 431, A-6236 Alpbach)

Filz und Leder: Drei Stufen hinab, dann stehen die Gäste in der winzigen Schusterwerkstatt von Otto Marksteiner. Flipflops oder derlei modisches Zeug stellt der 86-jährige Meister nicht her - sondern Doggln, das sind typische Tiroler Hausschuhe. Bis zu sieben Stunden benötigt der Schuster für ein Paar, vier Varianten gibt es. „Niemand macht die Doggln so aufwendig wie ich”, findet der Meister. Die Brandsohle ist nämlich aus Filz und die zusätzliche Zwischensohle aus Leder. Meistens schustere man dort einfach Pappe hinein. „Die Touristen lieben Doggln, die halten die Füße im Winter richtig warm.” (Schauwerkstatt Monis Schuhe, Dorf 70a, A-6234 Brandenberg)

Der rechte Dreh: Wann sie zum ersten Mal gebacken wurde, das weiß niemand genau. Die Prügeltorte ist die Spezialität in Brandenberg, einem der Orte im Alpbachtal-Seenland. Mit Gewalt hat die dem Baumkuchen ähnliche Torte gar nichts zu tun. Bloß die konische, mit Pergament umwickelte Walze, die nennen sie hier Prügel.

Jeden Donnerstag zünden die Alpbacher Wirtsleute Angelika und Hannes Larch das Buchenholzfeuer an. Bei ihrem urigen Gasthof „Kaiserhaus” führen sie den Touristen vor, wie die Prügeltorte über den Flammen gebacken wird: Aus Eiern, Zucker und Mehl wird der Eischwerteig zubereitet. Die Brandenberger nennen ihn so, weil jede Zutat genauso viel wiegt wie die Eier. Mehr als eine Stunde dauert das Backen über dem Feuer, gefühlvolles Drehen und gleichmäßiges Beträufeln sind wichtig. Nur auf diese Weise wächst die Torte Schicht für Schicht, und die typischen Teigspitzen entstehen. „Traditionell wurde die Prügeltorte früher bei allen Familienfeiern aufgetragen, von der Geburt, über die Taufe und die Hochzeitsfeier bis zum Totenschmaus”, erzählt Angelika Larch. „Heute gilt sie an allen Tagen als Genuss.” (Gasthof Kaiserhaus, Aschau 81, A-6234 Brandenberg)

Kunst mit der Kettensäge: Übermannshoch sind die Skulpturen, die Erich Ruprechter erschafft. „Es sind Darstellungen der zehn Todsünden. Ein Auftrag aus Alpbach für eine private Gedenkstätte”, sagt er. Mit der Kettensäge bearbeitet Ruprechter den Baumstamm aus Zirbenholz. Da fliegen die Späne, der Lärm ist ohrenbetäubend. Immer wieder setzt der 58 Jahre alte Künstler die Säge ab und nimmt aus den Augenwinkeln heraus Maß an einer kleinen Figur, die als modellhafte Vorlage nebenan auf einem Bock steht. „Das wird die Darstellung der Habgier”, sagt der Bildhauer und Bauer.

Weil es mit der Landwirtschaft immer weiter bergab ging, gab der Vater dem Sohn einen Rat: „Geh doch auf die Schnitzerschule! Da kannst du Herrgottsschnitzer werden und hast dein Auskommen.” 1977 ist Ruprechter junior fertiggeworden mit der Schule und arbeite seitdem auf dem elterlichen Nebenerwerbshof als freier Künstler, schafft Sakralkunst und Plastiken - beides vor allem mit der Kettensäge. Feiner gearbeitet sind seine urigen Masken für das Peaschtln, einem Breitenbacher Winterbrauch aus heidnischer Zeit. Aus Zirbenholz schnitzt er dann düstere Fratzen, montiert Hörner und Holzzähne. (Ruprechter Bildhauerei, Glatzham 33, A-6252 Breitenbach am Inn)

(dpa)