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Berlin: Die neue Unsicherheit: Ausblick auf die Reisemesse ITB

Berlin : Die neue Unsicherheit: Ausblick auf die Reisemesse ITB

Die Deutschen lieben das Reisen, daran hat sich nichts geändert. Doch spätestens seit den Terroranschlägen von Paris konkurriert die Vorfreude auf die schönste Zeit des Jahres mit einer fundamentalen Verunsicherung. So ist die Stimmung vor der weltgrößten Reisemesse ITB, die Anfang März in Berlin stattfindet, zum ersten Mal seit Jahren ziemlich verhalten.

„Die ungebrochene Euphorie, die es bisher immer gegeben hat, ist in keiner Form durch die Wirklichkeit gedeckt”, gibt Martin Buck zu, der die ITB verantwortet. „Angesichts der globalen Entwicklung ist die Situation alles andere als positiv.”

Prof. Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen sieht das ähnlich: „Die wichtigste Voraussetzung für den Urlaub steht in Frage: die Sicherheit.” Natürlich, ganz ruhig war es auf der Welt noch nie. Doch gleich zwei Terrorattacken in Tunesien vergangenes Jahr, das Massaker von Paris im Herbst und zuletzt der Anschlag in Istanbul haben das Vertrauen der Reisenden besonders stark auf die Probe gestellt. Der Terror scheint so nah wie nie.

Die Verunsicherung hat drastische Auswirkungen - vor allem für die Türkei, eines der beliebtesten Reiseländer der Deutschen. Bei Tui liegen die Buchungen 40 Prozent unter dem Vorjahr. Thomas Cook hat sein Angebot für den Sommer zurückgefahren. DER Touristik bezifferte das Minus Ende Januar auf 25 Prozent. Und auch Ägypten lockt seit dem mutmaßlichen Abschuss eines russischen Passagierflugzeugs durch IS-Terroristen deutlich weniger Urlauber an. Tunesien fällt nach dem Schock im vergangenen Jahr für viele als Urlaubsland sowieso aus.

Insgesamt lief das Geschäft im traditionell stärksten Buchungsmonat Januar verhalten. Gut möglich natürlich, dass sich die Urlauber in diesem Jahr einfach später für ein Urlaubsziel entscheiden - und abwarten, wo es ruhig bleibt. Viele Veranstalter bieten jetzt die Möglichkeit, bis 30 Tage vor Abreise ohne Gebühren auf ein anderes Ziel umzubuchen. Die Kalkulation: Der Urlauber soll erst einmal buchen - und kann sich dann immer noch umentscheiden.

Die Entwicklung lässt die ITB nicht unberührt, bei der es sonst darum geht, die schöne Welt des Reisens und immer neue Rekorde zu feiern. „Das Thema Sicherheit wird einen großen Stellenwert einnehmen. Es hat an Brisanz und Aktualität gewonnen”, räumt Norbert Fiebig ein, der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV). Die Branche will und muss zeigen, dass sie Krisenmanagement kann.

Und auch die Krisenländer selbst dürften auf der ITB die Chance nutzen, für sich zu werben: Die Türkei nimmt die komplette Halle 3.2 ein und reist mit 15 neuen Ausstellern nach Berlin, berichtet Buck. Die Preise in dem Land dürften durch die schwache Nachfrage kräftig sinken - man hofft auf ein starkes Last-Minute-Geschäft. Bis dahin profitieren vor allem Spanien, Italien, Portugal und Deutschland. Diese Länder dürften für den Sommer schnell ausgebucht sein.

Die Aussteller aus Deutschland sind auf der ITB wie üblich stark vertreten, etwa Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Bayern. „Das wird in voller Pracht stattfinden”, sagt Buck. Doch auch die heile Urlaubswelt zu Hause hat kleine Risse - zumindest aus Sicht von Besuchern aus dem Ausland. Buck nennt sowohl Pegida und die Fremdenfeindlichkeit im Osten als auch die Übergriffe von Köln an Silvester als Beispiele.

Es sind vor allem die Fernziele, die mit ungetrübten Urlaubswelten locken: die Karibik, der Indische Ozean, Asien. Dazu passt, dass die Malediven in diesem Jahr Partnerland der ITB sind. „Die Fernreise hat schon vergangenes Jahr gepunktet, 2016 deutet sich weiteres Wachstum an”, prognostiziert DRV-Präsident Fiebig.

Ein wichtiger Schwerpunkt der ITB ist nicht zum ersten Mal die Rolle des Internets. „Die Digitalisierung ist ein Thema, das die Branche weiter beschäftigen wird”, sagt Fiebig. Flugportale, Hotelwebseiten, Privatvermieter: Neue Angebote gibt es hier vor allem außerhalb der klassischen Reiseindustrie und werden von den Urlaubern verstärkt genutzt. Die Reiseveranstalter wollen mithalten. Über eigenen Apps unterwegs Ausflüge, Eintrittskarten oder einen Mietwagen anbieten - „das wird die Zukunft sein”, glaubt Fiebig.

Als Problem bei Reiseangeboten im Internet sieht Buck die große Intransparenz beim Preis. Deshalb wird es auf der ITB am Samstag und Sonntag einen Workshop geben. Das Thema: Wie benutze ich das Netz richtig, um den bestmöglichen Preis zu bekommen? „Wir glauben, dass es da ein großes Defizit gibt.”

Zum ersten Mal wird auch über Roboter im Tourismus breit diskutiert. In Japan kommen sie bereits in Hotels zum Einsatz. Und Aida und Costa haben zuletzt einen Service-Roboter vorgestellt, der Passagieren auf den Kreuzfahrtschiffen zur Seite stehen soll. „Über das Thema wird schon lange gesprochen, aber ich sehe eine neue Phase”, erklärt Buck. Zugegeben, das klingt leicht albern: „Roboter sind ein Kuriosum, weil sie bis dato noch nicht unseren Alltag bestimmen”, räumt Buck ein. Doch bei aller getrübter Stimmung muss auch Raum für Abseitiges sein.

Dafür ist die ITB generell ein guter Anlaufpunkt. So sind aus Afrika wieder so exotische Länder wie Simbabwe und Kamerun dabei. Auch Rajasthan ist auf der Messe wieder vertreten, ebenso wie Nepal, das sich von dem Erdbeben 2015 langsam erholt. Aus Mittelamerika hat sich erstmals St. Lucia angekündigt. Und ein anderer Aussteller ist zum ersten Mal dabei, der Messechef Buck trotz Terror und Krisen zu Optimismus verleitet: der Vatikan. „Wenn der Papst auf die ITB kommt, dann ist das doch bestimmt getrieben von einer großen Zuversicht.”

(dpa)