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Krasno: Der Weg des Ingenieurs: Wandern im kroatischen Velebit-Gebirge

Krasno : Der Weg des Ingenieurs: Wandern im kroatischen Velebit-Gebirge

Der Mann, der seine Berge so liebte, schaut finster drein. Mit zusammengekniffenen Augen starrt Ante Premužić von einem Schwarzweiß-Foto, der Schnauzer ist korrekt getrimmt, das Kinn vorgereckt. Das Porträt hängt an der Wand der Berghütte Zavižan. Hier beginnt das Meisterwerk des Forstingenieurs, das heute seinen Namen trägt: der Premužićeva staza, ein Fernwanderweg durch den Norden des Velebit-Gebirges, 1933 vollendet und seit 2009 offiziell kroatisches Kulturgut.

„Ante Premužić wanderte oft hier, und dabei kam ihm eine Idee“, erzählt Ante Vukušić, 64, der Wirt der Zavižan-Hütte, in der Stube beim Kachelofen. „Er wollte die Schönheit des Velebit für alle erschließen.“ Der Plan war, einen Weg durch die unzugänglichsten und spektakulärsten Teile des Gebirges zu treiben. Flach und bequem sollte der Pfad auch noch sein. Größere Steigungen und Gefälle wollte Premužić mithilfe von gemauerten Dämmen einebnen.

57 Kilometer misst der Premužićeva staza insgesamt, verteilt auf drei Etappen. An diesem Tag werden wir mindestens fünf Stunden gehen bis zur Alan-Hütte. So sagt es Irena Glavičić Sertić, die als Guide und Marketingfrau für den Nationalpark Nördlicher Velebit arbeitet. Es wäre allerdings dumm, übereilt loszulaufen. Denn rings um die Hütte auf 1594 Metern Höhe gibt es einiges zu sehen. Vor allem das unfassbare Panorama, das uns die kommenden Tage begleiten wird: die bewaldeten Berge, die Blumenwiesen und dahinter, weit unten, das glitzernde Meer und die Inseln in der Kvarner Bucht.

Zunächst laufen wir an Buchen und Kiefern vorbei. Der Herr Forstingenieur hat vorzüglich gearbeitet. Der Pfad ist breit und flach, zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkt liegen nur 200 Höhenmeter. „Genusswandern“, wie es die Tourismus-Werber nennen.

Bald lichtet sich der Wald, wir wandern an bleichen, geriffelten Karstfelsen entlang, aus deren tausendfachen Karren und Ritzen Grün sprießt. Links fällt der Hang steil ab, weit überblicken wir Wälder und Hügel. Nur Menschen sind nicht zu sehen. Der Premužićeva staza wirkt wie eine Autobahn, auf der keiner fährt. „Wir Kroaten sind keine großen Wanderer“, sagt Irena Sertić. „Und die ausländischen Gäste fahren alle zu den Stränden und auf die Inseln.“

Sertićs Landsleute und all die Strandurlauber wissen nicht, was sie verpassen. Sertić schlägt einen Abstecher auf den Gromovača vor. Der Weg zum Gipfel ist eine leichte Kraxelei über Felsen. „Sei vorsichtig, wo du hingreifst“, sagt Sertić, „Hornvipern legen sich am liebsten auf Felsen in die Sonne.“ Die Schlange gehört zu den giftigsten in Europa. Aber das Risiko lohnt sich. Auf dem Gipfel haben wir eine 360-Grad-Aussicht über das Gebirge bis zu den Inseln.

Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir die Rossis-Hütte, ein Steinhäuschen auf einem Vorsprung unter eine Felswand. Im Innern bieten ein Holzofen und Plattformen zum Schlafen einen Minimalkomfort. Die Bank vor der Hütte ist perfekt für die Mittagspause.

Viele Wanderer drehen hier um — und verpassen so den schönsten Teil des Wegs. Nur einen Kilometer weiter beginnt das Karst-Zauberland der Hajdučki und Rožanski kukovi. Tiefe Dolinen haben sich in den weißen Karst gebohrt, auf ihrem Grund liegt im Frühsommer noch Schnee. Im Boden verbergen sich 300 Höhlen.

Die Alan-Hütte ist, gelinde gesagt, urig. Sie hat noch nicht mal Strom. Ein freundlicher Alter bringt Radler, seine Frau kocht Eintopf. Nachtschwärze legt sich über die Berge. Und natürlich möchte man nun nirgendwo anders sein als hier unter den Sternen.

Der nächste Tag beginnt mit einem Mordsschreck. Neben dem Weg liegt jenes schöne Tier, das sie auf der Zavižan-Hütte in der Flasche verwahren: eine Hornviper. Zum Glück ist die Schlange in grundentspannter Stimmung.

Myriaden von bunten Blumen sprenkeln die Wiesenhänge, über die Felsbrocken gewürfelt sind. Schmetterlinge flattern umher, eine Fähre pflügt durchs tiefblaue Meer. Wir wandern weiter, immer die Küste entlang. Und sind uns einig, dass Herr Premužić durchaus stolz lächeln dürfte.

(dpa)