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Berlin: Der Kampf um die Camper

Berlin : Der Kampf um die Camper

Campen ist auch nicht mehr das, was es mal war. Wer am Templiner See einen Platz für sein Zelt reserviert, kann gleich sein persönliches Badezimmmer mitbuchen. Es gibt ein Restaurant, Hundebetreuung und WLAN. „Bei uns wird sogar der Wald gefegt”, wirbt der Campingplatz bei Potsdam. Deutschlands Campingplätze haben sich gemausert und locken immer mehr Gäste.

Das haben auch Industrie und Handel bemerkt: Der Urlaub in Zelt und Wohnwagen ist zum Milliardenmarkt geworden. Doch es gibt auch Anzeichen, dass für den Handel die fetten Jahre vorbei sein könnten.

Die Campingplätze in Deutschland können sich nicht beschweren - ihre Zahlen liegen auf Rekordniveau: Jeweils 7,5 Millionen Urlauber steuerten in den vergangenen zwei Jahren einen der Plätze an, was zu insgesamt 26 Millionen Nächten in Zelt und Wohnwagen führte, fast so viele Übernachtungen wie in der boomenden Touristenstadt Berlin.

Wo mancher nur an Mücken und an versiffte Duschen denkt, sehen immer mehr Menschen naturnahes Abenteuer. „Es ist ein anderes Gefühl, wenn ich das Zelt öffne und schon auf dem Rasen stehe - das kann ich im Hotel nicht”, sagt Erwin Oberascher, der auf einem Campingplatz aufwuchs und die Website camping.info betreibt.

Der Österreicher hat bemerkt, dass die Plätze in Deutschland stark an der Qualität gearbeitet haben - etwa mit neuen Duschen, Toiletten und Sportplätzen. Viele deutsche Caravan-Touristen führen nicht mehr ins Ausland. „Sie haben gesehen, dass man auch zu Hause gut campen kann.” Dort nähmen sie zum Teil die Plätze der Niederländer ein, die wegen der schwierigen Wirtschaftslage nicht mehr ganz so zahlreich kämen.

Die Nachfrage macht sich bemerkbar: Es gibt gut zehn Prozent mehr Campingplätze als noch vor zehn Jahren - knapp 2600 waren es laut Statistischem Bundesamt bundesweit Ende 2013, zwei Drittel davon in Süddeutschland und entlang der Küsten. Jeder zwanzigste Urlauber verschmähte im vergangenen Jahr Hotelbett und Schlafsofa zugunsten von Wohnmobil oder Luftmatratze.

„Früher war das ein Billigurlaub”, sagt Dirk Dunkelberg vom Deutschen Tourismusverband. Das habe sich geändert. „Camper verfügen über ein gutes Haushaltseinkommen und sind bereit, Geld auszugeben.” Das zeigen schon die Zulassungszahlen, bei denen die meist teureren Wohnmobile den Wohnwagen inzwischen den Rang ablaufen.

Ließ ein Urlauber nach einer Regierungsstudie noch vor zehn Jahren durchschnittlich knapp 27 Euro am Tag auf dem Campingplatz, waren es 2010 knapp 46 Euro. Das führte zu einem Umsatz von mehr als 2,1 Milliarden Euro, Dauercamper noch nicht eingerechnet. Für Ausrüstung wurden demnach weitere drei Milliarden Euro fällig.

Inzwischen kämpfen die Handelsriesen erbittert um dieses Geld - etwa mit Zwei-Personen-Zelten ab 14,99 Euro. Lidl betont, die Camping-Aktionswochen seien bei den Kunden sehr beliebt, schweigt aber zu Verkaufszahlen. Ebenso Aldi Nord, wo von zunehmender Nachfrage die Rede ist. Auch im nächsten Frühjahr will der Discounter wieder Zelte, Campingstühle und Kühlboxen anbieten.

Das macht Fachhändlern wie etwa Globetrotter zu schaffen. Sie haben am Outdoor-Trend lange gut verdient, nun müssen sie sich gewaltiger Konkurrenz erwehren. „Online herrscht ein Preiskrieg, der uns alle neue Sitten lehrt”, sagt Globetrotter-Einkäuferin Anny Cardinahl. Taschen, Rucksäcke, Zelte und Schlafsäcke gingen noch gut, eine Marktsättigung zeichne sich aber ab. „Wir werden vielleicht noch ein leichtes Wachstum haben, aber wir sind schon auf einem sehr hohen Niveau.”

Auf manchem Campingplatz muss man schon gar keine Zelte mehr mitbringen - sie stehen dort bereit. Es gibt auch Whirlpools, Kochnischen, ja ganze Lodges und Bungalows - Glamping nennt sich das, eine Kreuzung aus Glamour und Camping.

Wer selbst das ungemütlich findet, kann es mit „Indoor-Camping” probieren - etwa in einer ehemaligen Fabrik in Berlin-Neukölln. Darin stehen Hütten und alte Wohnwagen mit 50er- bis 70er-Jahre-Charme und bezogenen Betten. Die Initiatoren reimen: „Wir parodieren liebevoll das urdeutsche Schrebergartenglück und schenken euch - auch im Winter - ein bisschen Sommergefühl und Retroglück.”

(dpa)