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Berlin: Daumen hoch: Trampen wieder im Trend

Berlin : Daumen hoch: Trampen wieder im Trend

Daumen raus und los: Vor allem in den 60er und 70er Jahren gehörten Tramper mit Rucksack und Pappschild zum Straßenbild. Mit der steigenden Zahl der Autos und dem Wunsch nach einem eigenen Wagen wurden die Autostopper weniger. Jetzt erlebt das Trampen offenbar eine Renaissance. Projekte wie der Verein Abgefahren verzeichnen steigende Besucherzahlen bei Veranstaltungen. Und im Internet ist die Tramper-Gemeinde bestens organisiert.

Ganz praktische Gründe, warum der Autostopp beliebt ist, sieht der Abgefahren-Vorsitzende Jona Redslob: „Regional betrachtet ist das Trampen für viele nach wie vor eine sehr gute und schnelle Möglichkeit, von A nach B zu kommen - etwa in ländlichen Gebieten, wo es kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt.” Teure Bus- und Bahntickets sowie hohe Spritpreise führten ebenfalls dazu, dass wieder mehr Menschen trampen.

Für den Verkehrsclub Deutschland (VCD) passt das Trampen zu Carsharing oder Mitfahrangeboten, die ebenfalls beliebter werden. „Das eigene Auto ist nicht mehr so wichtig wie noch vor ein paar Jahren”, sagt Pressesprecherin Anja Smetanin. Vor allem junge Verkehrsteilnehmer würden zunehmend ökologisch denken und das Trampen in Betracht ziehen - aber nicht als ernsthafte Alternative zu anderen Mitfahrangeboten: „Es ist ja sehr unsicher, wann und für wie weit man eine Mitfahrt bekommt.

Tatsächlich spielt die Abenteuerlust beim Trampen eine große Rolle. „Es ist eine eigene Art der Fortbewegung, ohne Abhängigkeiten. Man lernt viele Menschen kennen und lernt auch viel über Menschen”, umschreibt Redslob das Lebensgefühl der Tramper. Der 24-Jährige ist seit Jahren per Daumenexpress unterwegs und hat seine längste Strecke am Stück in Russland zurückgelegt: knapp 4000 Kilometer von Krasnojarsk nach Moskau.

Hierzulande gibt es seit ein paar Jahren Deutsche Meisterschaften im Trampen, bei denen die Teilnehmer möglichst schnell sein müssen. 2014 etwa galt es, die Strecke von Aachen nach Ambleteuse in Frankreich zu absolvieren. Das Siegerduo schaffte die 370 Kilometer am Pfingstsonntag in 4 Stunden und 44 Minuten.

Generell kann man laut Redslob in Deutschland sehr gut trampen: „Es gibt viele Autos und ein gut ausgebautes Straßennetz.” Erfahrene Tramper stellen sich aber nicht einfach irgendwo an die Straße, sondern suchen sich Punkte, an denen Pkw gut anhalten können. Ein Verzeichnis geeigneter Tramper-Standorte hält das Online-Portal Hitchbase bereit, wo Tramper beschreiben. Zahlreiche Tipps rund ums Trampen sind auf der Seite Anhalterfreunde.de zusammengestellt.

Wer letztlich anhält, ist kaum vorhersehbar: „Ich bin auch schon in einem Bentley oder Porsche mitgenommen worden”, erzählt Redslob. Lkw hingegen meidet der Tramper eher, denn die seien in ihren Routen sehr festgelegt und vergleichsweise langsam unterwegs.

Klare Regeln gibt es beim Thema Versicherungsschutz für Tramper: „Das ist genau so, als ob Sie bei einem Freund mitfahren”, erklärt Stephan Schweda vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Hier sichert die Kfz-Haftpflichtversicherung des Fahrers auch die Mitfahrer ab.” Was jedoch fehle, sei die soziale Kontrolle, wie sie beispielsweise eine organisierte Mitfahrt über eine Mitfahrzentrale bietet, sagt VCD-Sprecherin Smetanin.

Kritisch betrachtet die Polizei das Thema Trampen und rät davon ab. Wer dennoch per Anhalter unterwegs sei, sollte sich gut anschauen, bei wem er mitfährt. „Nutzen Sie Mitfahrgelegenheiten bei Frauen, hier sind kaum Straftaten bekannt”, sagt Kriminaloberrat Harald Schmidt von der Polizeilichen Kriminalprävention. Daneben empfiehlt die Polizei, zur Sicherheit das Autokennzeichnen per SMS an die Familie oder Freunde zu schicken.

Auch die Autofahrer sollten sich ihre Mitfahrer gut anschauen, das Fahrziel vorab festlegen und den Tramper bevorzugt an belebten Orten wieder absetzen. Daneben sei vor allem bei Fahrten über die Grenze Vorsicht geboten: „Nimmt ein argloser Fahrer Geschleuste oder illegal Eingereiste über eine Staatsgrenze mit, gerät er bei einer Kontrolle schnell unter Verdacht”, warnt Schmidt.

Eine polizeiliche Statistik zu Straftaten beim Trampen gibt es nicht, und Vereinen wie Abgefahren sind keine Straftaten bekannt. Redslob glaubt aber, dass durch die gute Vernetzung und Möglichkeiten wie Handy-Fotos zumindest das Sicherheitsgefühl heute höher ist als in den 70ern.

(dpa)