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Hoyos del Espino: Das steinerne Herz Spaniens: Wandern in der Sierra de Gredos

Hoyos del Espino : Das steinerne Herz Spaniens: Wandern in der Sierra de Gredos

Ausnahmsweise gibt mal nicht der Mensch den Ton an. Die Sierra de Gredos ist das Reich der Steinböcke. Es fängt bereits wenige Kilometer nach einem Plataforma genannten Parkplatz an. Dort endet die Landstraße vom Dorf Hoyos del Espino aus kommend abrupt auf 1780 Metern Höhe vor gigantischen Granitfelsen.

Zunächst führt der Weg aber kurzzeitig ins Reich der Kröten. Sie beherrschen die grüne Hochebene Prado de las Pozas - zumindest akustisch. Die grüne Almenlandschaft ist durchzogen von kleinen Gebirgsbächen und Teichen.

Nach dem Brunnen Fuente de los Cavadores wird die Gegend steiniger, schroffer, unzugänglicher. Nicht selten muss man bis in den Juni hinein Schnee- und Eisfelder überqueren. Majestätisch überragt der 2592 Meter Almanzor die Landschaft aus Stein und Eis. Es ist der höchste Gipfel der Sierra de Gredos.

Ein kräftiger Knall durchbricht plötzlich die Stille der Gebirgswelt. Erika und Wilfried bleiben stehen. „Was war das denn?”, fragt sich das Ehepaar aus dem norddeutschen Friesoythe, das einen Madrid-Besuch mit ein paar Wandertagen in der nahen Sierra de Gredos verbinden möchte. Sie schauen in alle Himmelsrichtungen. Zunächst ist nichts zu sehen. Doch dann gucken zwei Steinböcke von einem Felsvorsprung, der sich nur wenige Meter über dem Wanderpfad befindet.

Immer wieder schmettern die beiden ausgewachsenen Steinböcke mit einem gewaltigen Knall ihre Hörner gegeneinander. Plötzlich steht eine ganze Herde von Steinböcken am Weg Spalier. Bedroht fühlen sie sich von Menschen offenbar nicht.

Das war vor 100 Jahren noch anders, als der spanische Steinbock im königlichen Jagdrevier der Sierra de Gredos nahezu ausgerottet war. Als es 1905 nur noch einen Bock, sieben Weibchen und vier Jungen gab, verbot Spaniens König Alfonso den Abschuss. Nicht, dass er plötzlich zum Tierschützer geworden wäre. Vielmehr versuchte er sich seinen eigenen Jagdbestand für die Zukunft zu sichern. Heute springen wieder fast 10 000 Steinböcke durch die Felslandschaft.

Angesichts der allgegenwärtigen Steinböcke hätten Erika und Wilfried beinahe den eiszeitlichen Bergsee übersehen. Die Laguna Grande ist einer von fünf großen Bergseen in der Region. Bevor es zurück nach Hoyos del Espino geht, einem typisch zentralspanischen Bergdorf auf 1500 Metern Höhe, kühlt Erika ihre Füße im eiskalten Gebirgsee ab. Die knapp sechsstündige Tour ist mit Sicherheit eine der schönsten Wanderungen in der Sierra de Gredos, aber längst nicht die einzige.

Wanderungen von Navacepada de Tormes über den Barbellido-Gletscher zum Puerto de Candeleda sind im Norden der Sierra de Gredos ebenso spektakulär wie im südlichen Teil der Weg vom Gebirgsdorf El Raso auf den Almanzor-Gipfel. Vom mittelalterlich geprägten Arenas de San Pedro, wo sich das sehenswerte Schloss der „traurigen Gräfin” befindet, führt eine wunderschöne Wanderung zum vertikalen Granitfelsen von Los Galayos, ein Paradies für Kletterer.

Das Zentralmassiv zerschneidet die Ebene Kastiliens nicht nur in einen nördlichen und einen südlichen Teil, sondern teilt die Region auch klimatisch: Der Norden ist rau. An den südlichen Hängen herrscht mit Palmen, Feigen, Orangen und Oliven hingegen ein eher mediterranes Flair. Die nur dünn besiedelte, von Viehwirtschaft geprägte Nordseite des Gebirges steigt relativ flach an und ist ideal für leichtere Wanderungen. Der südliche Teil der Sierra de Gredos ist eher etwas für erfahrene Wanderer und Kletterer.

Die Wege führen durch Obstplantagen mit Feigen- und Kirschbäumen sowie durch dichte Pinien-, Kastanien- und Eichenwälder. Wege, auf denen schon Kelten, Römer, Araber und Könige und Kaiser wie Karl V. gingen. Der deutsche Herrscher liegt ganz in der Nähe im Kloster von Yuste begraben. Unter den historischen Bergdörfern ist besonders sehenswert das mittelalterliche Städtchen El Barco de Ávila mit seiner gotischen Kirche aus dem 14. Jh., der Burg Valdecorneja und seiner alte Brücke über dem Fluss Tormes.

Die Zahl prachtvoller Burgen, Kirchen und Dörfer verwundert in dieser abgeschiedenen Region. Doch einst war die Sierra de Gredos von enormer strategischer Bedeutung. Hier kämpften bereits Kelten gegen Römer. Von Cuevas del Valle aus führt ein wunderschöner Wanderweg sogar noch auf einer der am besten erhaltenen Römerstraßen Spaniens zum Gebirgspass Puerto del Pico. Sie wurde im zweiten Jahrhundert vor Christus für die Truppenbewegungen des römischen Heeres durch die Sierra de Gredos gebaut.

Der spanische Schriftsteller und Philosoph Miguel de Unamuno bezeichnete die Sierra de Gredos als das „Dach Kastiliens und steinerne Herz Spaniens”. Für viele Spanier ist der heutige Naturpark also nicht nur ein Wanderparadies, sondern auch ein Ort nationaler Gefühle.

(dpa)