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Palma de Mallorca: Das Schiff schläft nie: Unterwegs auf einer Full Metal Cruise

Palma de Mallorca : Das Schiff schläft nie: Unterwegs auf einer Full Metal Cruise

Der Duty-Free-Shop am Hafen von Palma de Mallorca macht ein gutes Geschäft. Immer wieder verlassen schwarz gekleidete Männer die Check-in-Schlange, um Biernachschub zu kaufen. Vorausschauende Terminalmitarbeiter haben alle paar Meter Mülltüten aufgehängt, die sich rasch mit leeren Dosen füllen.

Die Gäste der Full Metal Cruise haben Durst - und das bereits vor Betreten des Alles-inklusive-Schiffes.

Viele tragen Shirts der ersten Heavy-Metal-Kreuzfahrt, die 2013 auf der Nordsee stattfand. Rund ein Drittel der Passagiere war damals schon dabei. Ein Metaller erinnert sich: „Allein schon die Ausfahrt aus dem Hamburger Hafen bei Sonnenuntergang, ich hatte Tränen in den Augen, dabei war ich doch eigentlich nur am trinken. Ich weiß auch nicht, wieso.” Es herrscht gute Stimmung, keiner beschwert sich über etwa eine Stunde Wartezeit, bis das Festivalbändchen am Handgelenk befestigt wird und der Weg zur „Mein Schiff 1” frei ist.

Auf dem Pooldeck wird unterdessen fleißig aufgebaut. Rund 80 Tonnen Technik kommen an Bord. Boxentürme wachsen in den Himmel. Unterdessen wandern 32.000 Liter Bier in den Bauch des Schiffes, zusätzlich zum normalen Vorrat. Väter und Söhne, Brüder und Freunde finden rasch den Weg zu den offenen Bars. Eine abreisenden Passagierin, die das Schiff verlässt, raunt: „Die machen mir ja schon ein wenig Angst, wenn ich die so sehe.” Aber dann lässt sie sich auf ein Gespräch ein und stellt verwundert fest: „Das sind eigentlich ganz liebe Menschen.”

In der Kabine liegt eine Willkommenstasche. Der Inhalt: Sonnenbrille, Regenponcho, Gehörschutz, Halstabletten, Kondome, ein Aufnäher für die Metal-Kutte und eine Notfalltasche für Seekrankheit. Mit klaren Instruktionen: „Calm Down - Fill Up - Bang On!” Die obligatorische Sicherheitsübung wird zur Party: Während der Wartezeiten ertönen Sprechchöre: „Wir müssen aufhören weniger zu trinken und brauchen viel mehr Alkohol.” Zum Schluss noch eine Polonaise zum Rettungsboot. „Endlich wieder normale Leute”, freut sich ein junges Crewmitglied.

Die Full Metal Cruise ist eine gemeinsame Veranstaltung der Reederei Tui Cruises und der Veranstalter des Wacken Open Air, eines seit 25 Jahren etablierten Heavy-Metal-Festivals. Dabei kommen nicht nur E-Gitarren zum Einsatz. Den ersten Auftritt am Pool bestreitet Mambo Kurt. Im weißen Anzug sitzt der Alleinunterhalter an seiner Heimorgel und spielt sich quer durch die Genres: Von Dr. Alban bis „Dancing Queen” ist alles dabei. Das Publikum feiert mit.

Nach dem Abendessen begrüßt die Metal-Institution Hammerfall die Passagiere. Zu „Hearts on Fire” kreisen aufblasbare Plastikhammer im Publikum. Das Theater bebt, verstärkt von den Vibrationen der Motoren. „Lets rock and roll” sagt der Kapitän durch die Lautsprecher. Das Schiff legt ab zu sechs Tagen Ausnahmezustand.

Auf drei Bühnen finden täglich mindestens zehn Konzerte statt. Die Crew ist perfekt organisiert und öffnet den ganzen Tag über einhändig Bierdosen und schenkt Wein aus. Spirituosen sind erst ab 18.00 Uhr im Reisepreis enthalten - eine Sonderregel der Reederei zum Schutz der feierfreudigen Meute. Trotz regen Betriebs an den abends eigens aufgebauten Longdrinkständen gibt es kaum alkoholbedingte Ausfälle.

Der letzte Programmpunkt beginnt um 2.30 Uhr nachts. Dennoch ist morgens schon wieder Leben an Bord. Die Metaller machen ihre Betten selbst und genießen gerne mal das À-la-carte-Frühstück statt ans Buffet zu gehen. Bis mittags herrscht entspanntes Treiben an Bord. Dann starten die ersten Konzerte. Die 19-jährige Sängerin der Metal-Newcomerband Beyond the Black will es wissen.

Obwohl Windstärke fünf aus der Nacht noch nachwirken, steht sie um 14.00 Uhr hinter der Bühne am Pool. Ein wenig seekrank sei sie schon, gibt sie zu. Aber der Auftritt wird professionell durchgezogen. Es dauert nicht lange, bis sich das Wasser im Pool mit Bier mischt. Lange Haare fliegen durch die Luft. Der Gitarrist von Dragonforce steigt während seines Solos in den Pool und spielt sein Instrument oberhalb der Wasseroberfläche weiter, während er untertaucht.

„Die Show ist ein wichtiges Element des Metal”, weiß Jörg Sonntag, der im Kino über „Die Geburt des Krachs” referiert. „Im Prinzip waren es nur vier bis fünf Leute, die dafür gesorgt haben, dass es richtig laut geworden ist”, erklärt der Zeitzeuge. Dazu zählt auch die Musikerin Suzie Quatro - eine Vertreterin der linken Szene, was kaum jemand weiß. Dave Davies erfand mit „You Really Got Me” das erste Gitarren-Metalriff. Die erste Metal-Hymne war „Whole Lotta Love” von Led Zeppelin, 1970 im Bremer Beat Club gespielt. Seitdem sei der Metal vielfältiger geworden, erklärt Sonntag. Und die Fans offener.

Eine bunte musikalische Mischung zeigt sich auch auf der Full Metal Cruise. Von lustiger Turbo-Polka, vertreten durch Russkaja, bis hin zu Black Metal der Band Endstille. Am Pool steht Andreas Geremia auf der Bühne, das T-Shirt mit der Aufschrift „Sex Beer Murder” hat den Kampf gegen den Bauch verloren. Seine Band Tankard lässt sich in den Thrash-Metal-Bereich einordnen, bezeichnet ihren Stil aufgrund ihres thematischen Schwerpunktes aber auch als Alcoholic Metal.

Nach 24 Stunden haben die 2150 Passagiere bereits 9800 Liter Bier, 2400 Liter Wein, 41 Liter Bacardi und 35 Liter Wodka vernichtet. Der Whisky geht zur Neige, beim ersten Hafenstopp in Barcelona wird nachgeladen. Viele Passagiere bleiben an Bord, um kein Konzert zu verpassen. Ein Gast wird kurzfristig ausgeschifft, um seine gebrochene Speiche im Krankenhaus schienen zu lassen. Der Sprung in den Pool ist für ihn nicht gut ausgegangen. Parallel dazu gibt es im Hauptrestaurant an diesem Abend den ersten Heiratsantrag.

Mitternacht im Kasino - Zeit für eine Jamsession. Barbara steht eigentlich gar nicht auf Metal. Trotzdem gefällt es ihr sehr gut an Bord. „Die Stimmung ist prima, man kommt schnell in Kontakt”, erklärt die mehrfache Großmutter. Beim Voraufenthalt im Hotel habe sie andere Gäste in ihrem Alter getroffen, die schnell das Weite gesucht hätten. „Die waren so spießig”, erzählt die 63-jährige. „Das würde hier nicht passieren.” Während für sie eine normale Kreuzfahrt nicht in Frage käme, gibt so mancher Metal-Cruisader auch zu, bereits weitere Reisen bei Tui Cruises gebucht zu haben, auch ohne musikalisches Motto.

Mit den Themenreisen spricht Wybcke Meier, Geschäftsführerin der Reederei, vor allem eine Zielgruppe an: Erstkreuzfahrer. Viele denken bei einer Kreuzfahrt immer noch an Langeweile und Senioren. Eine Metal Cruise zeigt, dass es auch anders geht. Der Altersschnitt liegt bei 41 Jahren. Die Crew darf ausnahmsweise ihre Gäste duzen.

Zur Farewell-Party auf dem Pool versammelt sich die Crew stolz in den Themenshirts zur Kreuzfahrt und hebt die Hände zum Metalgruß. „Unsere Mitarbeiter haben sich wahnsinnig auf die Reise gefreut”, erklärt Miriam Stadler, General Managerin der „Mein Schiff 1”. „Sie haben sich regelrecht überboten mit Ideen, wie sie das Thema an Bord umsetzen können.” Und so entstanden Melonen in Form von Totenköpfen und Käseräder mit Wacken-Logo. „Bei der ersten Full Metal Cruise hatten wir noch unsere Bedenken”, erinnert sich Stadler. „Aber die Fans sind so friedlich, und es gab keine Schäden am Schiff.”

Abgesehen vom Rahmenprogramm gibt es eigentlich nur wenige Unterschiede zu einer normalen Kreuzfahrt: Es muss mehr auf die Einhaltung der Raucherzonen geachtet werden, und das Housekeeping kann seinen Dienst erst um 9.00 Uhr statt um 7.00 Uhr beginnen.

Ein weiterer Unterschied ist im Spabereich zu finden. Der wichtigste Behandlungsraum ist für Tätowiererin Catharina von der ältesten Tätowierstube Deutschlands auf Sankt Pauli reserviert. Die 25-Jährige verziert auf der Reise 18 Passagiere. Ist es schwierig bei leichtem Seegang zu arbeiten? „Nein, eigentlich nicht, mir wird höchstens ein wenig schummrig, da ich mich auf das Motiv konzentriere.”

Wer keine bleibende Erinnerung mit nach Hause nehmen möchte, für den gibt es alternative Wellnessbehandlungen: Wacken-Schlamm-Packung oder eine Gesichtsanwendung namens „Wellenbrecher”, speziell für die männliche Haut. 64 Prozent der Passagiere sind männlich. Und nicht wenige nehmen das Angebot wahr.

„Betreutes Feiern und Saufen”, so bringt Peter aus Leer das Konzept auf den Punkt. Er reist mit Frau und Kleinkind. Insgesamt sind 15 Kinder an Bord. Bei den Konzerten tragen sie Lärmschutz-Kopfhörer, „Mickeymäuse” genannt. Abends wechseln sich die Eltern in der Betreuung ab. Richtige Betten statt Luftmatratzen, ein eigenes Bad statt Duschcontainern: Die Metal-Kreuzfahrt bietet gegenüber dem Festival einen Komfort, den insbesondere die etwas älteren Metalfans zu schätzen wissen.

Vor allem aber genießen die Passagiere die Nähe zu den Musikern, die sich nicht in riesige Backstage-Areale zurückziehen können. Auf dem begrenzten Raum des Schiffes rücken alle zusammen. „Es ist ein wenig „Back to the roots””, erklärt Eric Fish, Sänger von Subway to Sally. „Alle Bands nutzen dasselbe Equipment, da wird wieder klar, dass Metal eine Community ist.” Und durch die Atmosphäre verhielten sich die Fans stilvoll und begegneten den Künstlern mit Respekt.

Auch die internationale Verständigung funktioniert tadellos. Auf Ibiza holen die alternativen Händler in der Calle Virgen alle nur erdenklichen Waren mit Totenköpfen oder Lederapplikationen aus dem Lager - und veranstalten in der Vorsaison ein kleines Straßenfest.

Zum abendlichen Konzert auf dem Kastell von Dalt Vila kommen auch spanische Metalfans und -bands, um mit den Passagieren zu feiern. Die Gitarren beschallen die gesamte Bucht bis hinüber zum Schiff. Als Headliner spielen U.D.O., eine Instanz der Szene. Und doch freuen sich die Fans, als sie wieder aufs Schiff zurückkehren. Der Comedian Bembe sorgt auf dem Pooldeck für gute Stimmung. Und die Drinks sind wieder kostenlos.

(dpa)