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Gaienhofen: Bülle dick und Bülle dünn: Im Herbst auf die Höri

Gaienhofen : Bülle dick und Bülle dünn: Im Herbst auf die Höri

Schon im Spätsommer stellen die Bauern wieder ihre Tische heraus: Wenn die Apfel- und Zwetschgenbäume übervoll hängen, packen sie Tüten mit dem Obst zur Selbstbedienung ab, die Kasse daneben wartet auf ehrliche Kunden. Die Höri ist ein Gartenbauland. Die Halbinsel liegt im Untersee, der stillen Ecke des Bodensees.

Der besondere Stolz wächst aber nicht auf den Bäumen, sondern wird mit den Händen aus der Erde gebuddelt: Die Höri Bülle, eine flache, bauchige Zwiebel mit einer feinen roten Schale. Innen ist sie weiß und mild. Die Vereinigung Slow-Food setzte sich für die Bülle ein - und die Anbauer der Halbinsel sowieso. In diesem Jahr gelang es endlich, die Höri Bülle bekam den Ritterschlag: Das Gütezeichen der EU für eine „geschützte geografische Angabe”. Damit steht die Höri Bülle in einer Reihe mit dem Schwarzwälder Schinken, der Spreewaldgurke und dem Nürnberger Lebkuchen.

Das traditionelle Büllefest wird immer am ersten Oktobersonntag in der Gemeinde Moos gefeiert. Es gibt Büllebrot, eine Scheibe Bauernbrot, üppig mit rohen Zwiebelringen belegt, Bülledünne, eine Art Flammkuchen, und die Büllesuppe vom „Club der kochenden Männer”. Dazu Most von den einheimischen Streuobstwiesen oder den Traubenmost Suser von den nahen Rebhängen. Freunde der Zwiebel können hier schlemmen. Wer sich allerdings despektierlich über das Agrarprodukt äußert oder gar die weiße und die echte Bülle verwechselt, kann sich schnell den Unmut der Einheimischen zuziehen.

Ganz so genau nahm man es vor hundert Jahren wohl noch nicht mit der Zwiebel - mit dem Gartenanbau aber schon. Maria Bernoulli, Fotografin aus Basel, kam 1904 auf die Halbinsel, um ein Domizil für sich und ihren bald Angetrauten, Hermann Hesse, zu suchen. Beseelt von den Ideen der Lebensreform wollte man naturnah und frei von bürgerlichen Zwängen leben. Eigenanbau war Teil des Konzepts, und so widmete sich der junge Schriftsteller Hesse, ab 1907 im eigenen Haus hoch über Gaienhofen, tatsächlich der Anlage und Pflege eines großen Gartens.

Eva Eberwein, Diplom-Biologin und heutige Besitzerin des Anwesens, hat die Quellen gesichtet und den Garten akribisch rekonstruiert. Bei Führungen zeigt sie die Feinheiten des Hauses - und der Gemüsebeete im Garten. „Die dunklere Schicht unter dem Hauptweg konnte als verrottete Schicht von Büchern nachgewiesen werden”, erzählt sie. „Mangels Pflastersteinen vergrub Hesse unverlangt zugesandte Rezensionsexemplare einfach unter dem Weg.”

Während das Ehepaar Hesse aus freien Stücken auf die Halbinsel Höri zog, kamen in den 1930er Jahren zunehmend Künstler, die den Repressionen des Nazi-Regimes zu entkommen suchten. Ihre Lebenswege kann man am besten im Hermann-Hesse-Höri-Museum in Gaienhofen studieren. Es verfügt auch über die größte Sammlung an Originalgemälden der Höri-Künstler.

Ute Hübner, Leiterin des Museums, sagt: „Eine Künstlerkolonie war das hier nie, eher ein locker zusammengesetzter Kreis sehr individueller Künstlertemperamente. Sie kamen aus unterschiedlichen Regionen, vielleicht mit einem leichten Überhang der Rheinländer.” Letzteres ist Walter Kaesbach zu verdanken, bis zu seiner fristlosen Entlassung durch die Nationalsozialisten Direktor der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. An den See kam er auf Vorschlag von Helmuth Macke, der bereits in Hemmenhofen wohnte.

Kaesbach kannte diesen und jenen, er vermittelte Otto Dix 1936 das Baugrundstück in Hemmenhofen, er besorgte hier eine Wohnung und dort eine Unterkunft. So wurde die Höri auch später zur Zuflucht für heimatlos gewordene Künstler: 1942 kam Ferdinand Macketanz, 1943 Curth Georg Becker, 1944 Hans Kindermann und Erich Heckel. Kaesbach schrieb von sich, er sei „seit 1933 Gärtner am Untersee”.

Natürlich war das eine ironische Untertreibung, vielleicht auch Sarkasmus, denn seine Liebe zur Kunst hat er nie aufgegeben: In den 1950er Jahren wurde sein Haus in Hemmenhofen wieder ein beliebter Treffpunkt für Künstler und Schriftsteller, für Kunstsammler und Kunsthändler.

Im vergangenen Jahr wurde die Villa von Otto Dix, nun unter der Regie des Kunstmuseums in Stuttgart, nach einjähriger Renovierung wieder eröffnet. Mit einem Audio Guide lässt sie sich am besten erkunden. Aber allein die Rast auf der Terrasse, die schon von der Familie Dix belebt wurde, ist den Besuch wert: Zu fantastisch ist der Blick über den schmaler werdenden Untersee hinüber zur Schweiz.

Weiter über die kurvige Straße Richtung Stein am Rhein passiert man in Kattenhorn eine unscheinbare Kirche. Im Advent 1959 wurde die Petruskirche eingeweiht, als erste evangelische Kirche auf der Höri. Selbst im Winter hat sie geöffnet, birgt sie doch einen großen Schatz: Glasfenster von Otto Dix.

In Öhningen wiederum lohnt es sich, nach rechts abzubiegen und hinauf auf den Berg zu fahren, nach Schienen. Von hier haben Besucher bei Spaziergängen Ausblick auf die Hegau-Vulkane und nach Süden auf die nahe Bergkette der Alpen. Im Dorf wartet die Wallfahrtskirche St. Genesius, eine romanische Basilika aus dem 10. Jahrhundert. Genau gegenüber finden die Reisenden „S Lädele”, den Dorfladen, der frischen Kaffee und Brötchen bereithält, dazu den ganzen Gemüsegarten der Halbinsel inklusive - wie kann es anders sein - der Bülle.

(dpa)