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Banda Neira: Besuch auf den Bandas: Die Gewürzinseln am Ende der Welt

Banda Neira : Besuch auf den Bandas: Die Gewürzinseln am Ende der Welt

An einer Wand im „Hotel Maulana” hängt ein gezeichnetes Portrait von Lady Diana mit Widmung. Man glaubt kaum, dass die Prinzessin wirklich hier war, genauso wie Mick Jagger und der legendäre Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau. Dass Diana auf der Terrasse des pseudokolonialen Hotels saß und über die Bucht hinüber zum Vulkan Gunungapi blickte. Dass sie die Reise um die halbe Erde auf sich nahm, um diese einst weltberühmten, vergessenen Inseln zu sehen. Wahrscheinlich hat sie es nicht bereut.

Die Bandas sind eine der schönsten und faszinierendsten Inselgruppen Indonesiens. Auf der Landkarte sind sie nur ein Punkt inmitten des Archipels der Molukken. Doch vor 500 Jahren kämpften Portugiesen, Niederländer und Engländer um die zehn Eilande. Denn sie waren der einzige Ort auf der Welt, wo Muskatbäume wuchsen. Und deren Nüsse waren damals eines der wertvollsten Handelsgüter der Welt.

Die Bandas sind ein beliebtes Tauchrevier - die Korallenriffe dort gehören zu den gesündesten der Welt.
Die Bandas sind ein beliebtes Tauchrevier - die Korallenriffe dort gehören zu den gesündesten der Welt. Foto: Visit Indonesia Tourism Office

Mit Muskat wurden Aphrodisiaka gemischt, schale Biere aufgepeppt und natürlich Speisen gewürzt. Im Mittelalter lag der Preis bei einer halben Kuh pro Nuss. Die Gewürze wurden auf den Schiffen javanischer, arabischer und venezianischer Händler und auf dem Rücken von Kamelen nach Europa gebracht. Und jedes Mal, wenn die Fracht umgeladen wurde, wollte ein Zwischenhändler gut daran verdienen. Das Geld strichen vor allem muslimische Händler ein. Auch deshalb waren die christlichen Herrscher Europas so begierig darauf, den direkten Weg zu den sagenhaften Gewürzinseln zu finden.

Ferdinand Magellan, Bartolomeu Dias, Vasco da Gama - sie alle segelten los, um die Molukken zu finden. Ein bisschen dürfen sich auch heutige Reisende als Entdecker fühlen, wenn sie morgens an die Reling treten und die sagenhaften Inseln zum ersten Mal am blassblauen Horizont sehen. Wenn die Fähre in die Meerenge zwischen der Hauptinsel Banda Neira und dem Vulkan Gunungapi biegt, hat man das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein.

Durch die engen Gassen Banda Neiras schlendern tiefenentspannte, freundliche Bandanesen. Kanonen rosten am Straßenrand vor den verfallenden Kolonialvillen. Die meisten sind verschlossen oder leer wie die marmorgefliesten Säle des Gouverneurspalasts.

Die flinke Tropennatur hat längst die Festungen der Portugiesen und Niederländer gestürmt. Auf der Brüstung von Fort Nassau grasen Kühe, im Innenhof spielen Jungs Fußball. Treppen führen durch blühende Frangipani und Bougainvillea hinauf zum Fort Belgica, das als einzige Festung renoviert wurde. Der Ausblick von den Mauern ist eine einzige Pirateninsel-Fantasie: Kanonen zielen hinaus auf die Bucht, wo früher Dreimaster ankerten und heute bunte Fischerboote tuckern.

„Hier möchte ich irgendwann abends Dinner geben, mit Fackeln und Musik“, sagt Abba, der eigentlich Rizal Bahalwan heißt. „Aber Abba können sich die Touristen leichter merken.“ Abba ist Besitzer eines Guesthouses und so etwas wie der oberste Tourismus-Botschafter der Bandas. Er hat als Fremdenführer gearbeitet, seit er 15 Jahre alt war. „Von 1990 bis 1998 kamen viele Touristen“, erzählt er. „Eine Airline flog dreimal pro Woche von Ambon zu den Bandas.“ Auch damals erlebten die beschaulichen Inseln keinen Massentourismus, in den besten Jahren kamen 1500 Besucher. Dann brach der Bürgerkrieg aus.

Von 1999 bis 2002 massakrierten sich Muslime und Christen auf den Molukken zu Tausenden. Musilimische Fanatiker brannten eine Kirche aus der Kolonialzeit nieder, die christlichen Bandanesen flohen. Als der Spuk vorbei war, traute sich jahrelang kein Tourist mehr auf die Bandas.

Abba setzte trotzdem auf den Tourismus. 2007 eröffnete er das „Mutiara Guesthouse“, das mit Antiquitäten und Büchern voll gestopft ist „Anfangs kam ein Gast pro Monat“, erzählt Abba. Jetzt ist der Tisch jeden Abend voll. Die Gäste laden sich Barrakuda, Thunfisch-Buletten und Gemüse mit Erdnusssoße auf die Teller. Dazu säuselt traditionelle Molukken-Musik. Mehr Nachtleben gibt es auf den Bandas nicht.

Heute scheinen die Wunden des Bürgerkriegs verheilt. Die Kirche ist wieder aufgebaut, jeden Sonntag versammelt sich hier eine Handvoll Christen zur Messe. Im Rumah Budaya ahnt man, wie die einstigen Kolonialherren lebten. Das kleine Museum ist meist geschlossen, aber Abba hat den Schlüssel aufgetrieben. In der früheren Moschee wurde alles zusammengetragen, was mit der Geschichte der Bandas zu tun hat: niederländische Silbermünzen, Säbel und Musketen, Möbel aus dunklem Tropenholz, ein Grammophon und eine der Glocken, mit denen die Plantagenarbeiter zum Essen gerufen wurden.

Auch das angebliche Schwert von Jan Pieterszoon Coen liegt in einer Vitrine. Er war verantwortlich für den Völkermord an den Bandanesen im Jahr 1621. Die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) hatte viele Jahre erfolglos versucht, ein Monopol auf den Muskathandel durchzusetzen. Coen nahm dann eine angebliche Verschwörung als Vorwand, um seinen Plan umzusetzen: die renitenten Bandanesen deportieren und durch Pflanzer und Sklaven zu ersetzen. Er ließ Dörfer niederbrennen und die Flüchtlinge als Sklaven nach Batavia verschiffen, das heute Jakarta heißt. Tausende verhungerten.

Die heutigen Bewohner der Bandas sind eine Mischgesellschaft. Sie stammen von niederländischen Pflanzern und Beamten ab, von Händlern, Arbeitern und Sklaven aus Sulawesi, Java, Arabien, Indien, Persien, China und Afrika. Abbas Vorfahren kamen aus dem Jemen. Er möchte die Lebensweise auf den Bandas den Touristen vorführen.

Bisher sind die Kulturtouristen allerdings eine Minderheit an seinem Tisch. Die meisten Besucher sind Taucher. Denn die Korallenriffe der Bandas gehören zu den schönsten und gesündesten auf der ganzen Welt. Riesige Fächerkorallen und Schwämme wachsen auf den Steilhängen unter Wasser. Selbst der Lavafluss vom letzten Ausbruch des Gunungapi im Jahr 1988 ist schon wieder lückenlos von Korallen überwuchert. Zu verdanken ist die intakte Unterwasserwelt vor allem jenem Mann, den sie „König von Banda” nannten.

„Ohne Des Alwi wären die Bandas heute nicht, was sie sind“, sagt Abba. Der Diplomat und Geschäftsmann hatte zwar kein offizielles Amt, aber großen Einfluss auf seinen Heimatinseln. Des Alwi baute in den Siebzigerjahren das „Hotel Maulana“, er beschaffte die öffentlichen Gelder zum Bau des Flughafens und setzte eine regelmäßige Fährverbindung mit Ambon durch. Und er verbot das Dynamitfischen. Die Bandanesen halten sich selbst nach seinem Tod daran. Dabei leben auf den Inseln mehr als 5000 Fischer.

Dennoch sollen noch in diesem Jahr strenge Regeln aufgestellt werden, die in bestimmten Gegenden nur noch das Fischen mit Handleinen erlauben oder es komplett verbieten. Theoretisch wurde bereits 1977 ein Meeresnationalpark um die Inseln Banda Neira und Banda Besar eingerichtet. „Aber die bisherigen Schutzzonen sind nichtig“, sagt Guido Weißenfeld. Denn sie würden nicht überwacht. Der 42-Jährige hat vor drei Jahren die Tauchschule im „Hotel Maulana” übernommen. Seitdem sei die Zahl der Taucher konstant gestiegen, sagt er. ”Viele erzählen, dass sie seit Jahren oder gar Jahrzehnten von den Bandas geträumt haben.“

Wer die Unterwasserwelt sehen will, braucht aber keinen Tauchschein. Es genügt, die 11-Uhr-Fähre nach Pulau Ai zu nehmen. Wenn man vorher eine SMS geschickt hat, wartet Yusuf Madja am Pier und führt zu seiner Pension. Anrufen kann man den hageren 65-Jährigen nicht. Es gibt kein Handynetz auf Ai. Nur an der Spitze des Piers leuchtet auf dem Display ein Balken. Also geht Madja zweimal pro Tag hinaus und schaut, ob sich Gäste angekündigt haben.

Ai ist so ruhig, dass es mancher Besucher nicht erträgt und nach einem Tag wieder abreist. Laut sind hier nur die Hähne, die über den schmalen Betonweg staksen, über die Hauptstraße des einzigen Dorfs. Und die Schulkinder in Uniformen, die unermüdlich „Hallo Mister“ rufen. Frauen sitzen auf den Veranden vor den pastellbunten Bungalows und hacken mit Macheten Kenari, die indonesischen Mandeln. Auf Matten am Wegesrand trocknen Muskatnüsse in der Sonne. Wer lange genug spazieren geht, kommt auf Ai immer an einen Strand.

Der schönste ist der Pantai Sebila oder Long Beach. Der Strand ist schmal und menschenleer. Weißer Sand, Palmen, tropisch dichtes Grün - und unter Wasser Korallen-Kathedralen, um die Schwärme von Fischen strömen. Ein Napoleon-Lippfisch taucht aus der Tiefe auf, von links kommt ein zweiter hinzu, dann ein dritter und vierter. An der Riffkante paddelt eine Schildkröte vorbei, kurz darauf gleitet ein Adlerrochen in die Gegenrichtung.

Über Wasser geht derweil die Sonne hinter Pulau Run unter. Auf der Insel hatten die Engländer einst eine Festung. Bis sie Run mit den Niederländern gegen eine andere Insel tauschten: Manhattan. Schlechter Deal, denkt man in diesem Moment.

(dpa)