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Berlin: Austern und Fallschirmspringen: Die Kreuzfahrt wird 125 Jahre

Berlin : Austern und Fallschirmspringen: Die Kreuzfahrt wird 125 Jahre

Es war eine illustre und vor allem betuchte Gesellschaft, die am 22. Januar 1891 in Cuxhaven an Bord der „Augusta Victoria” ging: Rittergutsbesitzer, Kommerzienräte, Konsuln, Bankiers. Kein Wunder: Der Preis für die bevorstehende Fahrt überstieg mit bis zu 2400 Goldmark das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Arbeiterhaushalts um das Dreifache.

Dafür wurden die 174 Passagiere allerdings auch Zeugen eines historischen Ereignisses: der ersten Kreuzfahrt der Welt. Bei der Abfahrt schaute sogar Kaiser Wilhelm II. vorbei.

Bis dato war der Zweck von Schiffen, Passagiere und Fracht möglichst schnell von A nach B zu bringen. So war das auch bei der „Augusta Victoria” von Hapag, die normalerweise auf der Route von Hamburg nach New York fuhr. Doch in den Wintermonaten wagte sich kaum jemand auf die stürmische Reise. So hatte Reeder Albert Ballin eine Idee: Warum nicht mit dem Schiff im Winter in wärmere Gewässer fahren - nur so zum Vergnügen?

„Mit dieser Idee stand er damals ganz alleine da”, erzählt Karl J. Pojer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten und damit so etwas wie der Nachfolger von Ballin. „Zur See fuhr man damals einfach nicht freiwillig.” Als 57-tägige „Exkursion” war die Fahrt mit der „Augusta Victoria” ausgeschrieben. Von „Kreuzfahrt” sprach damals noch niemand, „Lustreise” oder „Vergnügungsreise zur See” waren neben „Exkursion” die gängigen Bezeichnungen. Von Cuxhaven ging es unter anderem nach Alexandria, Beirut und Konstantinopel.

Die ersten Tage an Bord waren wenig angenehm: In Cuxhaven gab es schon beim Auslaufen Probleme, das Meer war rau. Der Maler Christian Wilhelm Allers, der ein kleines Büchlein über die Reise schrieb, notierte: „Faulenzen auf See ist doch riesig angenehm, nur wird man dabei leichter seekrank.” An den ersten Abenden war der Speisesaal wohl ziemlich leer. Als Entschädigung ließ Ballin, der persönlich an Bord war, zum Frühstück Austern servieren. Doch bald wurde es besser - und die Reise zu einem vollen Erfolg mit einigen Abenteuern: So wären vier Passagiere im Libanon beinahe bei einem Schneesturm ums Leben gekommen. Ballin ließ sie mit Maultieren retten.

Wer 125 Jahre nach dem Auslaufen der „Augusta Victoria” auf ein modernes Kreuzfahrtschiff geht, bekommt meist das Kontrastprogramm zu sehen. Statt 174 Passagieren finden auf den größten Ozeanriesen wie der „Harmony of the Seas”, die 2016 in Dienst gestellt wird, weit mehr als 6000 Menschen Platz. Wasserrutschen über zehn Decks, Fallschirmspringen, Wellenreiten, Kletterwand, Autoscooter, Schlittschuhbahn: All das gibt es auf den Kreuzfahrtschiffen von heute. Und für eine Kreuzfahrt muss niemand mehr ein Vielfaches seines Jahreseinkommens ausgeben.

Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg. Nach dem Erfolg der „Augusta-Victoria”-Fahrt stellte Hapag 1900 das erste reine Kreuzfahrtschiff der Welt in Dienst: die „Prinzessin Victoria Luise”. Selbst die Nationalsozialisten waren von der Kreuzfahrt angetan. Auf den sogenannten KdF-Reisen durften verdiente Bürger an Bord.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zunächst einmal keine Kreuzfahrten mehr. Die Schiffe wurden für den Materialtransport benötigt. Erst Ende der 1950er Jahre fand auf der „Ariadne” wieder eine Kreuzfahrt statt, in der DDR waren Kuba-Fahrten mit der MS „Völkerfreundschaft” beliebt. Doch im Grunde blieb lange Zeit vieles den alten Traditionen verhaftet.

Bei Kreuzfahrt dachte man damals an Kapitäns-Dinner, Abendgarderobe und Shuffle-Board - so, wie man es eben jahrelang vom „Traumschiff” gewohnt war. „Viele Vorurteile gegenüber der damaligen Kreuzfahrt waren da nicht ganz unberechtigt”, sagt Helge Grammerstorf, heute National Director des Branchenverbandes Clia Deutschland.

Das änderte sich erst Mitte der 1990er Jahre, als Horst Rahe mit Aida an das Konzept der amerikanischen Spaßschiffe und des damals bereits beliebten Cluburlaubs anknüpfte. „Das Clubschiff” lautete nicht umsonst der Beiname. „Das war ein komplettes Umdenken”, erinnert sich Grammerstorf, der damals gemeinsam mit dem Team Rahe das neue Produkt an den Start brachte. „Wir haben mit dem Schiff Pauschalurlauber zu Kreuzfahrtgästen gemacht.”

Nicht ganz einfach sei die Anfangszeit gewesen. „Alle anderen in der Branche haben gesagt, das wird nie etwas.” Anfangs vermied das junge Unternehmen alles, was es in die Nähe der altbekannten Kreuzfahrt gerückt hätte. „Wir haben den Reisebüros Anweisung gegeben, dass die Aida-Kataloge nicht in der Kreuzfahrt-Ecke stehen durften”, erzählt Grammerstorf. „Heute ist das nicht mehr nötig, weil auch die anderen großen Marken längst ein mindestens ebenso modernes Image haben.”

Letztlich setzte sich das neue Konzept durch - auch weil es gelang, viele Pauschalurlauber davon zu überzeugen, dass eine Kreuzfahrt gegenüber einem Landurlaub gewisse Vorteile hat. „Wer hat das schon, dass das Hotel jeden Tag an einem anderen Ort ist”, so Grammerstorf.

Die Rostocker Reederei ist knapp 20 Jahre später Marktführer in Deutschland, die neue „Aida Prima” (Taufe im Frühjahr 2016) wird das elfte Schiff der Flotte, drei weitere sind bereits bestellt. Daneben sind heute in Deutschland Tui Cruises, Hapag-Lloyd Kreuzfahrten und Phoenix weitere große Mitspieler auf dem Hochseekreuzfahrtmarkt. Und natürlich gibt es Konkurrenz aus dem Ausland: MSC oder Costa aus Italien und amerikanische Reedereien wie Norwegian Cruise Line oder Royal Caribbean.

Bei allen Unterschieden zwischen der „Augusta Victoria” und modernen Kreuzfahrtschiffen sieht Pojer doch viele Gemeinsamkeiten: „Die Kreuzfahrt ist ein ganzheitliches Erlebnis, die Passagiere bekommen exklusive Reiseerlebnisse. Wir haben im Grunde vieles von Ballin und der „Augusta Victoria” weiterentwickelt.” Landausflüge gab es früher wie heute, Ballin erfand daneben die Bordzeitung, auf den Tischen standen Blumenbouquets, Essen war und ist sehr wichtig.

Und die Deutschen lieben die Kreuzfahrt. 2014 verbrachten nach Angaben von Clia 1,77 Millionen Menschen ihren Urlaub auf dem Schiff. Innerhalb von zehn Jahren hat sich diese Zahl verdreifacht. Deutschland ist damit die größte Kreuzfahrtnation in Europa. Die lange führenden Briten sind eingeholt, nur aus den USA kommen mehr Passagiere. Schon 2016 soll die Zwei-Millionen-Mark geknackt sein. „Man packt nur einmal die Koffer aus, dann muss man sich um nichts mehr kümmern, sieht aber doch jeden Tag etwas Neues”, bringt Pojer den wesentlichen Vorzug einer Kreuzfahrt auf den Punkt. „Und nach jedem Landausflug komme ich quasi nach Hause.”

Mit der steigenden Zahl an Passagieren ist auch die Vielfalt der Schiffe gestiegen. Für fast jeden Geschmack ist etwas dabei: vom kleinen Expeditionsschiff, das in die Antarktis fährt, über das klassische Kreuzfahrtschiff bis hin zu den Massenschiffen. Daneben bieten die Reedereien die verschiedensten Themenreisen an: von der Kreuzfahrt für Homosexuelle über die Schlagerreise mit Helene Fischer bis hin zur Golfreise. „Heute gibt es kaum einen Urlaubswunsch, der sich auf oder mit einem Kreuzfahrtschiff nicht erfüllen ließe”, sagt Grammerstorf.

Als Trend für die nächsten Jahre hat Pojer den gemeinsamen Urlaub von Großeltern, Eltern und Kindern ausgemacht. Während in den USA vielfach das Schiff bereits das Ziel ist, sieht Pojer in Europa immer noch die Route und Destination als entscheidend an.

Das Wachstum der Kreuzfahrtbranche hat allerdings auch ihre Schattenseiten offenbart. Zwei Punkte werden dabei immer wieder genannt. Zum einen sind viele Häfen bereits heute überlastet. Durch Städte wie Dubrovnik schieben sich Massen an Kreuzfahrern. Zum anderen ist die Umweltverschmutzung ein Problem. Die meisten Kreuzfahrtschiffe fahren laut Umweltschutzbund Nabu mit billigem Schweröl - eigentlich ein Abfallprodukt. Erst langsam rüsten die Reedereien ihre Schiffe nach. Entweder setzen sie Abgasfilter ein oder gleich Motoren, die mit umweltfreundlicheren Kraftstoffen fahren.

(dpa)