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Kassel: Ausfahrt zur Einkehr: Autobahnkirchen in Deutschland

Kassel : Ausfahrt zur Einkehr: Autobahnkirchen in Deutschland

Auf der Autobahn kam das deutsche Wirtschaftswunder in Schwung: bei Geschäftsreisen in den Schwarzwald, Sonntagsausflügen in die Eifel und ersten Familienreisen an die italienische Adriaküste - nach den düsteren Jahren der Weltkriege befanden sich Bundesbürger plötzlich auf der Überholspur.

Zugleich entstanden aber auch neue Orte der Entschleunigung: 1958 eröffnete im bayerischen Adelsried an der A 8 zwischen München und Stuttgart die erste deutsche Autobahnkirche. Weitere folgten - längst dienen sie nicht mehr nur der inneren Einkehr, sondern sind auch ein beliebtes Ausflugsziel für Liebhaber sakraler Kunst und Architektur.

Das um 45 Grad geneigte Glasdach ist der zentrale Blickfang der Autobahnkirche Medenbach.
Das um 45 Grad geneigte Glasdach ist der zentrale Blickfang der Autobahnkirche Medenbach. Foto: dpa

Erst vor kurzem ist die Zahl der deutschen Autobahnkirchen auf 42 gestiegen: Jüngstes Mitglied in der Gemeinschaft der Gotteshäuser am Wegesrand ist seit dem 22. Juni die Dorfkirche Zeestow am Berliner Ring. Das Gebäude stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Seine jüngere Geschichte ist wechselhaft: In den 1960er Jahren wurde sie umgestaltet und seit Anfang der 1980er nicht mehr als Kirche genutzt. Das änderte sich erst, als 2011 der Beschluss für einen Umbau zur Autobahnkirche fiel.

Die Silhouette der Autobahnkirche Siegerland ist der grafischen Darstellung auf Autobahnschildern nachempfunden.
Die Silhouette der Autobahnkirche Siegerland ist der grafischen Darstellung auf Autobahnschildern nachempfunden. Foto: dpa

Heutiges Prunkstück ist der Bilderzyklus „Die Berufenen“, mit der der Maler Volker Stelzmann den Obdachlosen im Westen der Republik ein Denkmal setzte, in dem er zwölf von ihnen porträtierte. Die Zahl kommt nicht von ungefähr, ist das Werk doch eine Reminiszenz an die Jünger Jesu - und ein guter Grund, die A 10 an der Ausfahrt Brieselang oder Spandau für eine Stippvisite zu verlassen (Autobahnkirche Zeestow, Wustermarker Straße, Ansprechpartner: Pfarrer B. Schmidt, Tel.: 03322/127431).

Mitten im Siegerland, am Autohof Wilnsdorf, klaffte bis 2011 noch eine Lücke. Nicht nur in der Landschaft, sondern auch in dem sonst so engmaschigen Netz der Autobahnkirchen in Deutschland. Das erkannte zuerst das Ehepaar Hanneliese und Hartmut Henning, die sich nach einem Bayernurlaub im Jahr 2009 mit dem Besuch einer Autobahnkirche eine solche für ihre Heimat wünschten. Kurzerhand gründeten sie einen Förderverein, 2011 erfolgte der Spatenstich für die Autobahnkirche Siegerland, und seit vergangenem Jahr dürfen Reisende hier für ein paar Minuten der Stille einkehren - oder auch mal länger.

Es kommen aber auch viele Architekturbegeisterte: Für die schnörkellose Fassade, deren Silhouette der grafischen Darstellung von Kirchen auf Autobahnschildern nachempfunden ist, gewann das verantwortliche Architektenbüro schneider+schumacher den „best architects“-Preis 2014 (Autobahnkirche Siegerland, Ute Pohl, Ansprechpartnerin für Besuchergruppen und Führungen, Tel.: 02736/6716, www.autobahnkirche-siegerland.de).

Von fern wirkt die ökumenische Emmauskapelle in Engen fast wie ein Dampfer auf großer Fahrt, tuckernd durch das Hügelmeer des Konstanzer Lands. Der von einer hohen Betonmauer eingefasste Patio bildet den Rumpf, an den das quadratische, hoch aufragende Hauptgebäude als Brückendeck anschließt. Vorneweg bildet ein 13 Meter hohes Kreuz den Mastbaum des Kirchenschiffs. Der Sakralraum im Innern führt das Spiel der geometrischen Formen fort: Auf der Stirnwand leuchtet Besuchern ein raumhohes und -breites Kreuz entgegen.

Einziges Zugeständnis an die Sehnsucht Reisender nach ein wenig Wärme und Geborgenheit ist eine kleine, bunte Holz-Pieta aus dem 16. Jahrhundert. Ansonsten finden die Besucher hier, an der A 81 zwischen Stuttgart und Singen, vor allem ein Gotteshaus vor, das in seiner Schlichtheit Pilgerstätte für Architekturliebhaber von nah und fern geworden ist (Anfragen für Führungen und Gruppengottesdienste: Bernhard Albrecht, Tel.: 07733/7115, www.autobahnkapelle-hegau.de).

Gleich einer Startrampe zu höheren Sphären ragt das 45-Grad-Glasdach der Autobahnkirche Medenbach in den Himmel über der A 3 zwischen Köln und Frankfurt: Sonne, Mond, Wolken und Sterne würden so in den Kirchenraum mit einbezogen, hieß es in dem vom Architekten Hans Waechter eingereichten Entwurf aus dem Jahr 2000. Die blaue Färbung des Glases, das eine abstrakte Auferstehungsszene des Künstlers Nikolaus Gerhart ziert, tut ein Übriges für die sakrale Wirkung des Ortes. Er ist spürbar der inneren Einkehr, dem Gebet und der Meditation gewidmet.

Die Innenausstattung ist ebenso schlicht wie würdevoll, die Besucher nehmen auf einfachen Holzquadern mit Rückenlehnen Platz, das Kreuz über dem Altar bildet der Raum zwischen vier Kunststeintafeln. Und in der Raummitte symbolisiert ein ausladender Kerzenständer Jesus als Licht des Lebens (Kontaktformular für Anfragen unter www.autobahnkirche-medenbach.de).

Die starken Mauern und kleinen Kirchenfenster der Autobahn- und Gemeindekirche Kavelstorf lassen vermuten, dass sie im 13. Jahrhundert als Wehrkirche und Zufluchtsort der Gemeinde errichtet wurde. Davon sollten sich heutige Reisende nicht abschrecken lassen: Im Innern erweist sich das unweit der A 19 zwischen Berlin und Rostock gelegene Gotteshaus als ein Kleinod norddeutscher Sakralbaukunst.

Hoch aufragende Spitzrundbögen, kunstvoll verziert mit Blumenornamenten, eine antike Holzkanzel und Gemeindebänke machen dieses Gotteshaus auch zu einem lohnenden Ziel für Touristen. Allerdings nur in der Zeit zwischen 8.00 und 20.00 Uhr - danach schließen sich die schweren Kirchentüren wieder (Kontaktformular für Anfragen unter www.autobahnkirche-kavelstorf.de).

Der Augsburger Papierfabrikant Georg Haindl war es, der Deutschland die erste Kirche für Reisende auf der Autobahn stiftete. Am 12. Oktober 1958 empfing das Gotteshaus „Maria, Schutz der Reisenden“ erstmals Gläubige, die auf der A 8 zwischen München und Stuttgart unterwegs waren. Schon damals setzte der Architekt Raimund Freiherr von Doblhoff auf eine Gestaltung, die gewagter war als bei Kirchen der Zeit üblich: Erinnern Silhouette und Grundriss noch an typisch-bayerische Dorfkirchen, muten die grafische Klarheit der Fassade und der großzügige Einsatz von Glas sehr modern an.

Die Reduktion der Form zeigt sich auch im Innenraum: Der Altarbereich, zu dessen Füßen ein Treppensockel einen Großteil des Sakralraums einnimmt, ist schlicht. Das große Hängekreuz mit Jesusfigur zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Mit dieser Kirche begann nicht nur die Geschichte der Autobahnkirchen in Deutschland - sie war auch wegweisend für eine Sakralarchitektur, die abseits der Gemeinden den Raum für neue Perspektiven eröffnet (Kontaktformular für Anfragen unter www.autobahnkirche.org).

(dpa)