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Zossen: Auf leisen Schienen: Mit der Draisine durch den Fläming

Zossen : Auf leisen Schienen: Mit der Draisine durch den Fläming

Es riecht nach Kiefern und nach Moos, wenn man Brandenburg auf Schienen durchquert. Nein, der Duft kommt nicht durch die Klimaanlage ins Zugabteil eines ICEs - er hängt in den Wäldern entlang der Draisinen-Strecke zwischen Zossen und Sperenberg. Züge fahren hier schon seit 1998 nicht mehr, jetzt sind es Draisinen, auf denen Besucher des Flämings über die Schienen rollen.

Der erste Halt auf der Strecke ist der Bahnhof Mellensee. Von Zossen aus sind es fünf Kilometer zu dem denkmalgeschützten Gebäude. Mit der Fahrrad-Draisine ist die Strecke in einer knappen Stunde zu schaffen. Wer ins Schwitzen gekommen ist, den lockt das rot-gelb gestrichene Holzhäuschen an, das neben dem alten Bahnhofsgebäude steht.

„Erfrischungshalle” ist in weißen Buchstaben zu lesen, schon in den 1920er Jahren kamen Ausflügler hierher. Heute betreibt Hans-Peter Schoppe den Kiosk. Nach 15 Jahren als Gastronom in Berlin hatte er die Nase voll von Großstadt-Mief und Hektik: „Die Seen waren es, die es mir hier angetan haben”, sagt er. Der Mellensee ist von seinem Kiosk nur ein paar hundert Meter entfernt. Hier wird im Sommer gebadet - und ganzjährig gefischt. „Dorf der Fischer” wird der Ort auch genannt.

Wer dem Hauptstadtreiben für einige Zeit entkommen möchte, ist hier im brandenburgischen Fläming richtig: Keine 50 Kilometer südlich von Berlin landet man mitten im Grünen. Und auf der Weiterfahrt von Mellensee Richtung Rehagen kommt man der Natur auf der Draisine so richtig nah: Kiefern und Birken bilden ein Blätterdach über den Schienen. Still ist es, außer Vogelgezwitscher und dem gleichmäßigen Kratzen der Draisine-Räder auf den Schienen ist nichts zu hören.

Das war nicht immer so: 1875 wurde die Strecke von der Königlichen Militäreisenbahn in Betrieb genommen. Von Schöneberg über Zossen bis zum damaligen Schießplatz Kummersdorf diente die „Kanonenbahn” für militärische Übungen. Im Oktober 1903 donnerte hier ein Versuchswagen der AEG mit einer Geschwindigkeit von 210 km/h entlang und war damit das schnellste Verkehrsmittel seiner Zeit. Später wurde die Strecke für den Personenverkehr genutzt, bis sie 1998 stillgelegt wurde.

Seit 2003 laufen die Schienen wieder heiß. Jetzt allerdings durch Muskelkraft - und die braucht es wirklich, um eine Fahrrad-Draisine in Gang zu bekommen. Doch zum Glück radeln dabei zwei Personen, während es sich zwei Gäste auf einer Sitzbank in der Mitte bequem machen können. Mit einem sportlichen Partner und ein paar kräftigen Tritten in die Pedale, gleitet die Draisine nach einigen Metern wie von selbst. Gerade so schnell, dass der Fahrtwind die Haare aus dem Gesicht weht - und gerade so langsam, dass man das Moos zwischen den Schiene erkennen kann.

Am Ende des Blättertunnels zwischen Mellensee und Rehagen rollt die Draisine auf eine Lichtung. Auf den ersten Blick gleicht das Bahnhofsgebäude dem in Mellensee. Doch wer vor dem alten Backsteinhaus mit seinen roten Fensterläden zum Stehen kommt, bemerkt schnell, dass hier doch manches anders ist: Seit März weht hier die Trikolore, und Familie Boyer bietet Besuchern französische Gourmet-Küche an.

Ursprünglich kommt Cristophe Boyer aus Bourg-en-Bresse nicht weit von Lyon. Während des Studiums lernte er seine Frau Manja kennen und folgte ihr vor 17 Jahren nach Berlin. Vor ein paar Monaten brachten die beiden die französische Küche nach Rehagen - direkt an die Bahnschienen. „Das Gebäude erzählt eine Geschichte”, sagt Christophe Boyer. Und die wollen die beiden nun weiterschreiben: Wo vor rund 140 Jahren Soldaten Halt machten und Militärausrüstung lagerten, gibt es heute französische Spezialitäten und bald auch Tanzkurse.

Noch mit dem Geschmack von französischem Brie auf der Zunge geht es zurück auf die Draisine. In Richtung Sperenberg geht es unter einer Brücke mit der Aufschrift „Le Bourget” entlang. Der Name des Flughafens in der Nähe von Paris zierte die Brücke schon, bevor Familie Boyer den Bahnhof bezog: Hier wurden 2013 einige Szenen für den Hollywoodstreifen „Monuments Men” gedreht. Auf dem Weg Richtung Sperenberg rollen die Draisinen also über die gleichen Schienen wie die Dampflock im Film von und mit George Clooney - allerdings mit weniger Zuschauern.

Nächster Halt: Bahnhof Sperenberg. Hier weht die niederländische Flagge, seit vier Jahren ist der Bahnhof Werkstatt, Atelier und Wohnhaus des Bildhauerehepaars Spruit. Wer hier vorbeikommt kann die Kunstwerke des Ehepaars oder befreundeter Bildhauer bewundern, sich mit Künstlerbedarf eindecken oder einen Bildhauerkurs besuchen.

Hinter den Mauern von 1907 herrscht heute Kreativität statt militärischem Drill: Wo früher die Wartehalle war, stapeln sich Hammer, Meißel und Holzblöcke in dem Künstler-Laden der Spruits. Im einstigen Zimmer des Bahnhofsvorstehers ist nun das Winteratelier untergebracht, und wo früher das Gepäck der Pioniere lagerte, trinken heute Kursteilnehmer und Atelierbesucher ihren Kaffee - an Tischen, die Wouter Spruit aus den alten Holzdielen gezimmert hat. Ursprünglich hatten die Spruits für ihr Projekt ein Haus im Speckgürtel von Berlin gesucht, erinnert sich Ine Spruit. „Aber wir brauchten ein Gebäude mit Herz”, sagt sie.

Wer länger bleiben möchte als für eine Draisinen-Pause, kann eines der Gästezimmer im Obergeschoss beziehen oder im Garten zelten. Rund um das alte Gebäude gibt es viel zu entdecken: Auf dem Rasen stehen Skulpturen, die Beete sind liebevoll bepflanzt. „Blumen sind das Lächeln der Erde”, ist auf einem Tonschild an der Mauer des Ateliers zu lesen. „Ein Geschenk von einer Kursteilnehmerin”, erinnert sich Ine Spruit. Viele Besucher, die vorbeikommen, hinterlassen ihre Kunstwerke. Auch in Sperenberg lockt ein kulinarisches Angebot aus der Heimat der Gastgeber: Wer die Rückfahrt mit der Draisine antritt, kann sich vorher mit Appeltaart und Poffertjes stärken.

Auf dem Weg zurück nach Zossen geht es noch einmal durch die Idylle. Durch das Grün, das sich Besucher hier draußen im Süden Berlins versprochen haben. Vorbei an den alten Bahnhöfen, die Geschichten längst vergangener Tage erzählen - und hinter deren Türen heute Menschen und Geschichten warten, die man im Fläming vielleicht nicht vermutet hätte.

(dpa)