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Wien/London: Auf der Couch: Mit Sigmund Freud auf der Flucht von Wien nach London

Wien/London : Auf der Couch: Mit Sigmund Freud auf der Flucht von Wien nach London

Es ist das Treppenhaus des mulmigen Magengefühls. Gründerzeitlich ausladend und verschwenderisch verziert, führt es vom Eingang in der Hofzufahrt in Wien hinauf in den ersten Stock. Alle Patienten mussten sich durch dieses Treppenhaus zu ihm emporbemühen. Wie viele mögen in diesen Momenten noch an Umkehr gedacht haben?

Die Tür steht keinesfalls offen, man muss selbst den Klingelknopf drücken. Ein letztes Innehalten - der Ton ist durchdringend schrill. Nun gibt es kein Zurück mehr. Die Tür öffnet sich: „Grüß Gott, Sie werden schon erwartet!“ Wenn man auf das Türschild schaut, könnte man meinen, es wäre immer noch er, der da wartet: „Prof. Dr. Freud“. Der Seelendoktor aus der Berggasse 19.

Seit 43 Jahren ist seine ehemalige Praxis mit angeschlossener Privatwohnung ein Museum, aber bis hierher fühlt es sich nicht an wie ein Museumsbesuch, eher wie ein Gang zum Arzt. Das Wartezimmer ist noch da, es sieht anders aus, als man es heute gewohnt ist: plüschig und fransig wie Omas Wohnzimmer. Statt einer Illustrierten liegt auf dem Tisch eine Gesamtausgabe des „Max-und-Moritz“-Zeichners Wilhelm Busch. In einer Vitrine stehen Figuren antiker Gottheiten - der Professor pflegte seine Grabungsarbeiten in der menschlichen Psyche mit der Archäologie zu vergleichen. Der Blick geht in den Hof mit großen alten Bäumen.

Was die Besucher aber am meisten interessiert, ist das Sofa an der Wand. Ist es die Couch? Die Couch, auf der sie alle gelegen haben: der Wolfsmann, der in seinen Alpträumen weiße Wölfe mit Fuchsschwänzen auf einem Baum sitzen sah. Der Rattenmann, der von der panischen Angst verfolgt wurde, Ratten könnten sich durch ihn hindurchfressen. Der kleine Hans, der sich aus lauter Angst vor Pferden nicht mehr auf die Straße traute. Und auch Freud selbst - allerdings nur, um nach dem Mittagessen ein Nickerchen zu halten.

Aber das Sofa ist wirklich nur ein Sofa, nicht die Behandlungscouch. Hier wartete immer nur ein einziger Patient. Freuds Kunden - allesamt Angehörige der Wiener Oberschicht, andere konnten sich das Honorar von 40 Kronen die Stunde gar nicht leisten - legten größten Wert auf Diskretion. Manche feine Dame kam zur Sicherheit verschleiert. Notfalls konnte Freud einen Patienten noch durch eine Tapetentür hinausschleusen. Eine weitere Tür führte von den Praxisräumen in den Privatbereich. Freuds große Familie pflegte auf die Tür zu deuten und zu sagen: „Dahinter sind die Verrückten.“

Das Wartezimmer war aber auch Schauplatz der sogenannten Mittwochsgesellschaften. Einmal in der Woche versammelte Freud dort seine Weggefährten um sich. „Ein exquisit geselliges Unternehmen“, fand er. Die meist etwa zehn Teilnehmer - Freud nannte sie seine „Bande“ - tranken schwarzen Kaffee und pafften ohne Unterlass. Einmal warf Freuds Sohn Martin spät abends, als sich der Kreis gerade aufgelöst hatte, einen Blick in das völlig verrauchte Zimmer, „und es erschien mir wie ein Wunder, dass darin Menschen stundenlang gelebt, ja gesprochen hatten, ohne zu ersticken“.

Freud selbst rauchte Tag für Tag 20 Havanna-Zigarren, genoss den Rauch „wie einen Strom warmer Milch“. Zwanghafte Ersatzbefriedigung, „verschobene Masturbation“, wie er meinte. Sein Aschenbecher zählt heute zu den Heiligtümern des Museums. Das dunkle Gegenstück dazu ist der kleine Spiegel am Fenster von Freuds Studierzimmer: Dort überprüfte er in späteren Jahren vor jedem Patientenbesuch, ob seine Kieferprothese richtig saß. Während seiner letzten 16 Lebensjahre litt Freud an Oberkieferkrebs. In 33 Operationen mussten immer größere Teile des Knochens entfernt werden. Geklagt hat der alte Stoiker nie.

Hinter dem Wartezimmer befindet sich das Behandlungszimmer. Wer es heute betritt, kann nur enttäuscht sein: Das Zimmer ist leer. Fotos zeigen, wie es in Freuds Tagen ausgesehen hat: Man tauchte ein in die milde Exzentrik des Fin de Siècle - alles bis aufs letzte Fleckchen war zugestellt und vollgehangen. Mittendrin stand die Couch. Aber wo ist sie heute?

Eine Ausstellung in Freuds früheren Wohnräumen gibt Aufschluss. Wie Wäschestücke an der Leine hängen dort die Telegramme, die im Frühjahr 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland zwischen der amerikanischen Botschaft und dem US-Außenministerium hin- und hergingen. Der 81 Jahre alte Freud war damals längst eine Ikone, das strenge Gesicht mit den dunklen forschenden Augen und dem sorgsam gestutzten Bart schon weltweit bekannt. Aber auch das bot ihm als Juden keinen verlässlichen Schutz vor den Nazis. Selbst der abgehackte Telegrammstil spiegelt noch das fassungslose Entsetzen über die Festnahme seiner jüngsten und am meisten geliebten Tochter Anna.

Für den Fall, dass sie gefoltert oder ins KZ verschleppt werden sollte, hatte ihr Freuds Hausarzt Max Schur eine tödliche Medikamentendosis zugesteckt. Die Nacht nach der Festnahme war für Freud die schlimmste seines Lebens. In größter Sorge tigerte er durch die Wohnung. Möglicherweise auf Intervention Mussolinis kam Anna Freud wieder frei.

Amerikaner und Briten setzten nun alle Hebel in Bewegung, um Freuds Ausreise sicherzustellen. Im Museum hängt das Dokument, mit dem ihm die Deutschen eine „Reichsfluchtsteuer“ von 32.000 Reichsmark abpressten, eine Summe, die er nur dank seiner Freundin Prinzessin Marie Bonaparte aufbringen konnte. Als man schon glaubte, nun sei alles geregelt, stand doch wieder die SS vor der Tür: Freud sollte schriftlich bestätigen, dass seine Familie nicht misshandelt worden war. Er bescheinigte: „Ich kann die Gestapo jedermann auf das Beste empfehlen.“

„Wien Westbahnhof“ steht noch auf dem alten Koffer im Museum. Am 4. Juni 1938 verließ Freud mit seiner Familie die Stadt, in der er fast sein ganzes Leben verbracht hatte, 47 Jahre davon allein in der Berggasse. In drei Waggons nahm er die gesamte Einrichtung mit, ausnahmslos alles. Auch die Couch. Was heute noch im Museum steht, hat Anna Freud später als Geschenk nach Wien zurückgegeben. Stock, Hut, Brille, Arzttasche und Griffel sind darunter, die ganze Wartezimmereinrichtung, die Garderobe. Aber nicht die Couch. Nachbauen will man nichts, gerade die Leere erzählt eine Geschichte: „Wir sind ein Museum des Gedenkens an den Holocaust“, sagt Geschäftsführer Peter Nömaier.

Wer die Couch sehen will, muss nach London. Nicht in die Innenstadt, sondern in Londons „schönstes Dorf“, nach Hampstead, den hoch gelegenen Vorort der Cottages und Landhäuser. Viele deutschsprachige Exilanten haben hier im Laufe der Zeit eine Zuflucht gefunden: Karl Marx, Erich Fried, Elias Canetti - und eben auch Freud. Für die letzten zwölf Monate seines Lebens hieß seine Adresse 20 Maresfield Gardens.

Es ist eine ganz andere Welt als die Berggasse. Weiße Fensterrahmen im roten Backstein, Efeuranken, Rosen und rauschende Bäume. „Wir haben es unvergleichlich besser als in der Berggasse“, schrieb Freud. Und dennoch - es war eben nicht Wien: „Man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt.“

Wer die Berggasse kennt, stellt sofort fest, wie luftig und geräumig die Villa in Hampstead ausfällt. In den oberen Räumen ertönt sogar Freuds Stimme: Für die BBC hatte er ein Interview auf Englisch gegeben. „Se straggl is not yet over“, sagt er. Der Kampf geht weiter.

Im Erdgeschoss wurden die Möbel aus der Berggasse wieder aufgebaut: der Schreibtisch, auf dem Haushälterin Paula Fichtl Freuds Lieblingsgötter sorgfältig wieder in der alten Reihenfolge aufstellte. Der schlanke Schreibtischstuhl mit den ausgreifenden Armlehnen. Und die Couch.

Da steht es nun, das Rosshaarsofa, das „mehr Geheimnisse kennt als ein katholischer Beichtstuhl“, wie es Freuds Patientin Hilda Doolittle gesagt hat. Der Anblick ist einigermaßen überraschend, denn die Couch sieht gar nicht aus wie eine Couch, eher wie ein orientalischer Divan. Unförmig ist sie, wulstig und ebenso niedrig wie kurz. Die eigentliche Couch - ein unansehnliches graues Ding, das Freud 1890 geschenkt bekam - ist dabei vollkommen unter einem Perserteppich verborgen. Dicke Samtkissen scheinen eher zum Schlafen einzuladen als zur Seelenerforschung. Am Kopfende liegt eines jener frisch gewaschenen und gebügelten weißen Tücher, das für jeden Patienten neu aufgelegt wurde.

Am Kopfende steht auch der Sessel, in dem Freud saß und zuhörte. Nie nahm er am Fußende Platz, wo der Patient ihn hätte sehen können: „Ich vertrage es nicht, acht Stunden täglich oder länger von anderen angestarrt zu werden.“ Psychotherapeutische Praxen in aller Welt sind nach diesem Prinzip eingerichtet.

In London allerdings hat Freud die Couch kaum noch nutzen können. Die Krankheit verschlimmerte sich schnell, er starb kurz nach Kriegsbeginn am 23. September 1939, bei offenen Verandatüren und mit Blick in den Garten.

Seitdem befindet sich die Hülle seiner Praxis in Wien, der Großteil des Inhalts in London. Man muss zweimal reisen, um es zu sehen, und beides im Kopf selbst zusammensetzen.

(dpa)