Virgen: Auf dem Adlerweg zu den Murmeltieren: Hüttenwandern in Osttirol

Virgen: Auf dem Adlerweg zu den Murmeltieren: Hüttenwandern in Osttirol

Mit dem Auto dauert es nur ein paar Minuten, um von Obermauern nach Hinterbichl zu kommen. Die beiden kleinen Orte im Virgental sind durch eine Straße verbunden, und Staus gibt es in dieser Ecke von Osttirol nur, wenn Erntefahrzeuge mal die Strecke blockieren.

Urlauber können sich für den Weg von Obermauern nach Hinterbichl aber auch zweieinhalb Tage Zeit nehmen - bei einer Tour von Hütte zu Hütte auf dem Osttiroler Ableger des Adlerweges, der seinen Namen vor allem wegen seiner Form auf Tirols Landkarte trägt. Die Strecke im Nationalpark Hohe Tauern führt in Höhen von fast 2800 Meter, bietet sehr gute Ausblicke auf die Dreitausender Lasörling und Großvenediger - und auch vielen Murmeltieren kann man dort begegnen.

TAG 1: Von Obermauern zur Bonn-Matreier-Hütte

Für Walter Zörer ist der Adlerweg eine leichte Trainingsstrecke. Mehr als 60 Mal stand der 38-jährige Bergführer schon am Gipfel des Großglockner, drei Achttausender in Asien und den Aconcagua in den Anden hat er bereits bezwungen. Da sind die fast 1350 Höhenmeter, die es an diesem Tag zu schaffen gilt, keine große Herausforderung - ganz anders sieht es für „Flachlandtiroler” aus, die auch den schweren Rucksack nicht gewohnt sind.

Die Strecke führt zunächst durch einen dichten Lärchenwald, viel Moos wächst an den Bäumen - und es geht richtig steil los. Doch Zörer hat genug Luft, um vom Tiroler Adlerweg zu erzählen, den Touristen in zwei verschiedenen Varianten laufen können: Nah an der Talsohle auf einer „Wanderroute” oder - mit den Hütten-Übernachtungen - auf der „Bergsteigerroute”. Auf einen Führer können sie auch dort zwar in der Regel verzichten - ganz ohne alpine Erfahrung geht es jedoch nicht.

Der Osttiroler Ableger des Fernwanderweges habe im Vergleich zum „großen Bruder” nördlich des Alpenhauptkamms einen Vorteil, sagt der Bergführer: „Im Norden Tirols ist man oft in schroffem Kalkgestein unterwegs. Hier ist die Landschaft lieblicher.” Das beweisen auch die Stopps nach dem ersten Steilstück: An der Allerheiligenkapelle lohnt es sich, auf einen großen Felsbrocken zu klettern und den Blick über die grünen Hänge des Virgentals schweifen zu lassen. 250 Höhenmeter weiter an der Gottschaunalm, wo die Baumgrenze bereits in Sichtweite kommt, breiten sich die Kuhweiden in alle Richtungen aus. In den Brunnen vor der Hütte rinnt eiskaltes Wasser, mit dem der Senner die Milch kühlt - genau die richtige Stärkung vor dem nächsten Anstieg.

In Serpentinen geht es nun bergauf, immer wieder tönt das Pfeifen der Murmeltiere durch die Luft, die jetzt spürbar dünner wird. Oder kommt das dem Wanderer nur so vor? Die Schritte werden jedenfalls langsamer, das Terrain schwieriger - Geröll und große Steinplatten treten an die Stelle des schmalen Erdpfades. Fünf Stunden Gehzeit nennt der elektronische Wanderführer als Richtwert für den Aufstieg zur Bonn-Matreier-Hütte in rund 2750 Metern Höhe. Aber das ist wohl zu optimistisch geschätzt, die Uhr am Handgelenk ist längst weiter.

Die in den 30er Jahren gebaute Bonn-Matreier-Hütte ist die einzige, die eine deutsche und eine österreichische Alpenvereinssektion gemeinsam tragen. In der Stube bullert der Kachelofen. Hüttenwirt Wolfgang Heinz schenkt einen Obstler ein, zum Topfenstrudel mit Sahne serviert er eine heiße Schokolade. „Wenn mindestens 15 Gäste über Nacht bleiben, gibt es das Abendessen als Büfett”, kündigt er an. Schade, heute werden es nicht so viele: Die Auswahl unter den 18 Betten und 50 Matratzenlagern bleibt groß.

Die erste Nacht in einer Berghütte ist für jeden, der bisher nur Tagestouren zu Alpengipfeln unternommen hat, ein besonderes Erlebnis. Wolken sind aufgezogen, ein Blick ins Tal ist nicht mehr möglich. Draußen ist es still, nur der Wind rauscht um die Hütte. Das Gefühl, allein mit sich zu sein und zum Alltag mehr als nur ein paar hundert Höhenmeter Distanz gewonnen zu haben, kommt rasch auf. Sich am „Ende der Welt” zu wähnen, das geht nicht nur auf einer einsamen Insel im Pazifik oder in den Weiten Sibiriens, sondern auch hier zwischen den Stockbetten mit ihren Spannbetttüchern und den karierten Kopfkissen. Dorthin zieht es den Wanderer am Abend ziemlich bald, die Kombination aus müden Beinen und Obstler verhindert einen langen Hüttenabend.

TAG 2: Von der Bonn-Matreier- zur Sajathütte

Der Wind bläst jetzt kräftiger, über Nacht ist auch etwas Schnee gefallen. Heute werden wohl wieder nicht viele Wanderer aufsteigen, schätzt Wolfgang Heinz, „ich werd mir einen gemütlichen Tag vor dem Herd machen”. Walter Zörer packt nach einem Blick aufs Thermometer seine Skimütze und Handschuhe aus dem Rucksack. „So eine Kaltfront kann hier immer kommen”, sagt der Bergführer, „selbst im Juli oder August. Auf den Höhenwegen kann es dann null Grad haben, und wer keine warme Kleidung dabei hat, muss ganz schnell ins Tal absteigen.”

Zwölf Kilometer stehen heute auf dem Programm, im Flachland ein Pensum für drei Stunden. Aber hier auf dem Adlerweg muss man mit etwa dem Doppelten rechnen, schließlich geht es bis zur Sajathütte immer wieder auf und ab: 700 Höhenmeter sind es abwärts und 550 nach oben. Der Weg führt im Zickzackkurs auf den 2663 Meter hohen „Eselsrücken” und weiter ins Timmeltal, ein Seitental des Virgentals, das tief in die Bergflanke einschneidet. Nahe der Eisseehütte teilt er sich dann: Der „Venediger Höhenweg” zieht über die 2945 Meter hohe Zopetscharte nach Westen, auf dem „Prägratener Höhenweg” geht es erstmal nach Süden. Am Aussichtspunkt „Fenster” schweift der Blick weit über das Virgental und den Lasörling hinweg. In der Nähe treiben Hirten gerade ein paar Schafe zusammen, und schon wieder pfeifen die Murmeltiere.

Ein paar Kehren weiter ragt in der Ferne die Rote Säule in die Höhe, ein 2820 Meter hoher Gipfel, auf den ein Klettersteig führt. Er startet am „Schloss in den Bergen”, wie die Sajathütte auch genannt wird. Sie ist eine der jüngsten Schutzhütten in diesem Teil der Alpen. Eine Schneelawine hatte im April 2001 den Vorgängerbau hinweggefegt, das Bruchholz wurde noch im vergangenen Jahr verfeuert. Durch den Wiederaufbau ist die Hütte größer und deutlich komfortabler geworden. Es gibt zum Beispiel eine 8,5 Meter hohe Kletterwand im Treppenhaus und einen Seminarraum. Von den 60 Betten stehen 12 in Zimmern mit eigener Dusche - in 2600 Metern Höhe ein seltener Luxus.

TAG 3: Von der Sajathütte über die Johannishütte nach Hinterbichl

Der Wind ist weg, die Sonne strahlt. Walter Zörer ruft heute zeitig zum Frühstück, Aufbruch ist um 8.15 Uhr. Gleich am Beginn dieser Adlerweg-Etappe steht der schwierigste Teil an, der steile Aufstieg zur Sajatscharte. An einigen Stellen geben Stahlseile, die in den Felsen verankert sind, Halt beim Vorwärtskommen. Aus 2750 Metern Höhe sind ein paar Gämsen zu sehen, die etwas tiefer über die Felsen klettern, und beim Abstieg ins benachbarte Hinterbichler Dorfertal zeigen sich endlich auch die Murmeltiere: Bis auf zehn Meter lassen sie die Wanderer an sich heran.

Die ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen die kleinen Nager aber nicht. Dafür sorgt der 3667 Meter hohe Großvenediger mit seinem vergletscherten Gipfel am Horizont. Durchs Fernglas sind einige Bergsteiger zu erkennen, die noch viel früher am Tag gestartet sind: Eine Fünfer-Seilschaft hat schon fast die höchste Stelle erreicht. Dass der Gletscher am Großvenediger gerade so hell leuchtet, liegt am frischen Schnee, der obenauf liegt. Zusammen mit dem blauen Himmel, an den Flugzeuge im Zehn-Minuten-Takt Kondensstreifen malen, bildet er eine prächtige Kulisse. Im Hochsommer dagegen wirkt das heute nicht mehr ganz so ewige Eis manchmal grau und etwas schmutzig.

Beim Abstieg von der Sajatscharte wird langsam ein Fuß vor den anderen gesetzt. Am Tag drei der Hüttentour ist der richtige Rhythmus gefunden - das Wandern wird fast zum meditativen Erlebnis. Nach drei Stunden ist es deshalb fast schade, in 2121 Metern Höhe vor der Tür der Johannishütte zu stehen. Sie ist eine der ältesten Schutzhütten der Ostalpen, wurde 1857/58 gebaut und zuletzt 1999 renoviert. Hier gabelt sich der Weg erneut: Ein Pfad führt zum Defregger-Haus und zum Venediger, auf dem Adlerweg geht es in ein anderes Seitental, wo mit der Essen-Rostocker-Hütte die nächste Nacht am Berg möglich wäre.

Doch dorthin zieht es Walter Zörer jetzt nicht. Das „Hüttentaxi” - ein Kleintransporter - wartet schon, um ihn auf dem Schotterfahrweg die acht Kilometer ins Tal nach Hinterbichl zu fahren. Weit weg war die Zivilisation also nie, auch wenn es unterwegs manchmal den Anschein hatte. Und so kommt es, dass die Reise von Obermauern nach Hinterbichl doch auf einem Autositz endet - wenn auch zweieinhalb Tage später, als es auf direktem Wege möglich gewesen wäre.

Weitere Informationen: Osttirol Werbung, Albin-Egger-Straße 17, A-9900 Lienz (Tel. von Deutschland: 0043/50/21 22 12); Nationalparkregion Hohe Tauern Osttirol (Tel. von Deutschland: 0043/4875/65 27 10); Virgentaler Hüttentelefon (Tel. von Deutschland: 0043/4877/51 00)

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