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Benediktbeuern: Auch Vögel gehen fremd: Naturbeobachtung am ältesten Kloster Oberbayerns

Benediktbeuern : Auch Vögel gehen fremd: Naturbeobachtung am ältesten Kloster Oberbayerns

Plötzlich steht er mitten in der Gruppe. Er trägt eine moderne Jacke. Nichts, was ihn als Pater ausweist. Karl Geißinger arbeitet im Kloster Benediktbeuern, seit langem geistiges und kulturelles Zentrum des Tölzer Landes.

Seine Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos, die 1930 die älteste und größte oberbayerische Klosteranlage erwarb, kommt ohne Tracht aus.

Wohl schon Jahrhunderte haben die malerisch in den Himmel ragenden markanten Zwiebeltürme der barocken Klosterkirche den Besuchern des Voralpenlandes den Weg gewiesen. „Im Jahre 1250 umfasste unsere Bibliothek rund 250 Handschriften”, schwärmt der Pater.

Die berühmteste sei später hinzugekommen: die größte europäische Sammlung weltlicher und geistlicher Lieder des Mittelalters, „Carmina Burana”, die 1937 durch Carl Orffs Vertonung weltbekannt wurde.

Aber Geißinger liegen mehr die Naturbeobachtungen am Herzen. Er ist Leiter des 1988 gegründeten Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK) und zuständig für naturkundliche Führungen. Etwa 60 Kilometer südlich von München am Rand des mehr als 15.000 Jahre alten und rund 3600 Hektar großen Loisach-Kochelsee-Moores gelegen, gilt der Erholungsort Benediktbeuern als Paradies für Wanderer und Naturfreunde zu jeder Jahreszeit. In der Nähe des Klostergeländes vor der mächtigen Bergkulisse der Benediktenwand (1801 Meter) laden viele Lehrpfade zur aktiven Begegnung mit der Natur ein.

Die Auswahl ist groß - von Kräuterführungen über Schwammerlsuche bis zur Tümpelsafari. Es geht über Wiesen und durch herbstlich bunt gefärbte Wälder. Zunächst führt Geißinger die Gruppe ins Moor. Kein Grund zur Sorge: Über einen Rundweg mit vielen seltenen Pflanzen lassen sich in einem Moorgarten die Unterschiede zwischen Hoch- und Niedermoor erkunden. Ob Orchideen, Schmetterlinge oder Vögel, das Feuchtgebiet sei außerordentlich artenreich, erläutert er.

Gut getarnt und vor jedem Wetter geschützt, lassen sich von der Vogelstation aus heimische und auch seltene Vogelarten beobachten. Den Schlüssel kann sich jeder holen. Dieses Mal öffnet Geißinger die Tür zum Beobachtungshaus und mahnt, die Vögel nicht zu stören. „Sie sind sensibel und haben mitunter Stress. Unter ihnen gibt es Jugendcliquen, Jugendfreundschaften und Seniorenkreise”, erklärt er. Die Besucher sind sichtlich erstaunt über das menschenähnliche Verhalten. Als Geißinger mit den Worten fortfährt, „auch Vögel gehen fremd”, hat er die Lacher auf seiner Seite.

Über vier Kilometer folgt ein Lehrpfad dem Lainbach. Schautafeln erklären, welche Tiere und Pflanzen am Wildbach leben und was das Gewässer so besonders macht. Der Waldlehrpfad hingegen veranschaulicht auf 15 Tafeln die Bedeutung des Waldes, seine Nutzung und seine Probleme. In etwa einer Stunde pro Strecke ist er auch für Familien mit kleineren Kindern bequem zu bewältigen. Etwas kürzer und nicht minder sehenswert ist der Schmetterlingspfad rund um das Klostergelände (2,5 Kilometer).

Im Barfußpark, wo sich der Erdboden mit Füßen begreifen lässt, zeigt Geißinger den Stein, der einst von Malern zerrieben wurde, um türkis-grüne Farbe zu gewinnen. So spannt sich der Bogen zum Franz-Marc-Weg, wo man auf den Spuren der Künstlervereinigung Blauer Reiter radeln, wandern oder Winterspaziergänge machen kann.

Das Kloster selbst hat eine bewegte Geschichte. Zunächst sollte das um 725 durch Karl Martell am Eingang in die Bergwelt gegründete Buron als rein weltliche Station den Weg über den Kesselberg und durch das obere Loisachtal zum Brennerpass und nach Italien kontrollieren. Bald kamen Mönche hinzu, und die Anlage wurde Wallfahrtsort. Über Karl den Großen waren sie in den Besitz der Armreliquie des Heiligen Benedikt gelangt. Das spätere Benedictoburanum wurde 739 geweiht. In der über 1000-jährigen Geschichte des Ortes gab es Brände und Plünderungen. Heute zeigt sich der Klosterkomplex in barockem Gewand.

Es habe schließlich eine Entwicklung vom Zuchthaus zur Bildungsstätte genommen, sagt Geißinger. Das ist kein Witz: Nach der Säkularisation von 1803 beherbergte es eine optische Glashütte, in der zehn Jahre lang der Forscher Joseph von Fraunhofer (1787-1826) arbeitete. Seine Entdeckungen lassen sich heute im gleichnamigen Museum bewundern. Ab 1819 in Staatsbesitz, dienten die Gebäude zeitweise als Kaserne, Invalidenheim und Gefängnis.

Zum Klosterkomplex gehört der Maierhof mit einem Museum des Zentrums für Umwelt und Kultur. Das vor rund 300 Jahren errichtete Wirtschaftsgebäude war Mittelpunkt der umfangreichen klösterlichen Landwirtschaft, die als Modellbetrieb galt. In unseren Tagen bildet es seiner guten Akustik wegen mitunter die Kulisse für Konzerte von Klassik über Hansi Hinterseer bis Deep Purple. Der nächste Höhepunkt im Klosterdorf ist die traditionelle Leonhardiwallfahrt Anfang November - ein Volksfest der ganzen Region.

Dass die Zeit nicht stehen bleibt, zeigt auch die Kirchenuhr über dem Marmoraltar der 1973 vom Papst zur Basilika erhobenen Klosterkirche. Sichtlich beeindruckt notierte Goethe 1786 auf dem Weg nach Italien in sein Tagebuch: „Benediktbeuern liegt köstlich und überrascht bei seinem Anblick.” Heute verschicken die Besucher Postkarten an ihre Lieben.