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Prince Rupert: Anders schön: Unterwegs im Norden von British Columbia

Prince Rupert : Anders schön: Unterwegs im Norden von British Columbia

Ein Gourmet-Restaurant sieht anders aus, zumindest in Europa. Ich stehe vor dem noch verschlossenen „Cow Bay Cafe” in Prince Rupert, einer Kleinstadt im Norden der kanadischen Pazifikprovinz British Columbia. Hier, so verheißen es Reiseführer, soll es das beste Essen der Gegend geben.

Durch die gardinenfreien Fenster sehe ich ein Inventar, das an eine Bahnhofskneipe erinnert: Schlichte Holztische und Stühle, stapelweise Zeitungen, aufgereihte Flaschen und zwei Pinnwände. Der Raum ist klein - wenn überhaupt, dann finden 50 Leute im „Cow Bay Cafe” Platz.

Mit gemischten Gefühlen betrete ich später das Restaurant von Chefin Adrienne Johnston. Spaß scheint hier an erster Stelle zu stehen: Die Inhaberin und ihre Angestellten scherzen mit jedem neuen Gast. Das Lachen ist ansteckend, auch wenn ich nach wie vor etwas skeptisch den Blick schweifen lasse.

Eine Speisekarte ist weit und breit nicht zu entdecken. Die gibt es auch nicht, denn zweimal täglich ändert sich das Angebot. Die gerade aktuellen Menüs, je zwölf Hauptgerichte und Desserts, schreibt Mrs. Johnston auf die Pinnwände.

Langsam begreife ich: Das „Cow Bay Cafe” ist anders. Natürlich entscheide ich mich in der Heilbutt-Hauptstadt Prince Rupert für eines der Plattfisch-Gerichte. Eigentlich müsste man zwar alle zwölf Angebote durchprobieren.

Doch das wird teuer, und es dürfte auch der hungrigste Mann nicht schaffen. Denn die Portionen sind nicht gerade klein. In jedem Fall aber ist der Eintrag als einziges Restaurant im nördlichen British Columbia im Gourmet-Führer gerechtfertigt.

So anders die beste Gaststätte am Platz aus der Sicht eines Mitteleuropäers erscheint, so anders sind auch das ganze Städtchen Prince Rupert und die Region drumherum. Das zeigt sich schon bei der Ankunft.

Eine Stunde benötigt die Propellermaschine von Vancouver. Dabei überfliegt sie eine traumhaft unberührte Natur: Die Gipfel der Rocky Mountains türmen sich auf, durchzogen von Flüssen - es ist kaum vorstellbar, dass jemals Menschen einen Fuß dorthin gesetzt haben.

Der Anflug auf Prince Rupert ist gewöhnungsbedürftig. Der kleine Flughafen liegt auf Digby Island. Von dort aus erreicht man nur per Bus und Fähre die Hauptinsel Kaien Island. Vom Wasser aus reicht der Blick auf die Stadt. Flache, maximal dreistöckige Gebäude prägen den Baustil und lassen den Betrachter vom Wilden Westen träumen.

Das nördliche British Columbia ist besonders von den Ureinwohnern geprägt. Die Tsimshian siedelten nach Angaben des in Prince Rupert ansässigen „Museum of Northern BC” bereits im Jahr 3000 vor Christus hier. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts kamen die ersten Europäer in das Gebiet der Tsimshian, um vom florierenden Pelzhandel und dem großen Fischvorkommen zu profitieren.

Noch heute leben die Tsimshian wie auch andere Ureinwohner aus den Stämmen der Haida und Nisgaas um Prince Rupert und prägen das touristische Angebot - nicht nur durch ihre handwerkliche Holzkunst, die in allen Arten im Museum und in vielen Souvenirshops zu bewundern und natürlich auch zu kaufen ist.

Um traditionelles Leben wirklich begreifen zu können, muss man die Lax-Kwalaams-Inseln in Begleitung eines Ureinwohners bereisen, von denen etwa 10 000 in der Region leben. Staunend folge ich den Spuren einer der ältesten ununterbrochen bewohnten Regionen der Welt. Von den dicht belaubten, jahrhundertealten Bäumen beobachten Seeadler die „Eindringlinge”.

Ruhe ist auf diesem scheinbar unberührten Fleckchen Erde oberstes Gebot. Ein Abweichen von den schmalen Wegen ist hier streng verboten. Der Tsimshian-Häuptling erklärt „sein” Reich, zeigt essbare Früchte und solche, die man lieber nicht anrühren sollte.

Der Weg führt aus dem Dickicht heraus auf den mit großen Wurzeln übersäten Steinstrand. Nichts Ungewöhnliches, geht es mir durch den Kopf, bis mein Begleiter mich auffordert, Zeichen früheren Lebens auf der Insel zu suchen. Natürlich habe ich keine Ahnung, worauf er hinaus will - und deshalb finde ich ohne Hilfe auch nichts.

Doch das Ufer ist eine Fundgrube der kulturellen und religiösen Vergangenheit der Tsimshian. Voller Stolz deutet der Häuptling auf wundervolle Petroglyphen, denen auch nach Hunderten von Jahren Wind und Wasser, Sonne und Kälte nichts anhaben konnten.

In erster Linie sind es Gesichter, die von seinen Vorfahren in die Steine geschlagen wurden. Über die Bedeutung der Gesichter lässt sich wenig sagen. Oft, so wird orakelt, waren sie lediglich Ausdruck von Freud und Leid, von Glücksmomenten und Ängsten.

Plötzlich stehen wir mitten im Inselwald vor einem der traditionellen Tsimshian-Häuser. Es ist ein Langhaus. Die Holzherberge, die in ursprünglicher Form nachgebaut wurde, symbolisiert die Heimstätte einer dominierenden Familie in der streng hierarchisch gegliederten Tsimshian-Ordnung.

Eine Tafel daneben dokumentiert die Dorfgestaltung von einst mit dem Langhaus als Zentrum. Von dort gibt es einen Blick aufs offene Meer, aus dem die Tsimshian einen Teil ihres Lebens bestritten - wie später auch die Europäer, die sich in der Gegend niederließen und ebenso wie die Ureinwohner von den reichen Lachs- und Heilbutt-Vorkommen lebten.

Nur 20 Kilometer von Prince Rupert entfernt ist in Port Edwards die älteste intakte Lachskonservenfabrik an der Westküste Nordamerikas zu finden. Auf Stämmen - sogenannten Pilings - errichtet, gibt die North Pacific Cannery (NPC) einen eindrucksvollen Einblick in das Leben eines pazifischen Fischerdorfes.

Die Wohnhäuser einfacher Fischer und wohlhabender Bürger sind ebenso ein Blickfang wie die Produktionsräume. Von der kleinsten Nadel zum Netze-Flicken bis zu den ersten, noch voll funktionstüchtigen Fließbändern der Konservenherstellung ist alles vorhanden und wird Besuchern gezeigt.

Das nördliche British Columbia lebt von seiner Geschichte und seiner Natur - und dazu gehören auch Wal-Beobachtungen. Entlang der „Inside Passage” springen die Meeressäuger aus dem Wasser und zeigen ihre Positionen schon mit weithin sichtbaren Fontänen an.

Wer lieber festen Boden unter den Füßen hat, kann an Grizzly-Beobachtungstouren teilnehmen: In Nordamerikas erstem Grizzly-Reservat leben etwa 50 der größten Bären in ihrem natürlichen Umfeld.

Mit etwas Glück kann man Bären aber auch bei einer Fahrt von Prince Rupert entlang des Skeena-Flusses nach Terrace sehen. Der Fernzug nach Prince George-Jasper, mit dem Prince Rupert überhaupt erst Anschluss an das übrige Eisenbahnnetz Nordamerikas bekam, gilt als touristische Attraktion ersten Ranges.

Während der 147 Kilometer langen Tour entfaltet sich die komplette Schönheit der Region: Berge, Seen und Wälder wechseln sich ab, Bauernhöfe und Sägemühlen zeugen von der immer noch lebendigen Kleinwirtschaft in diesem Gebiet.

Die Holzindustrie dominierte lange Zeit auch die Geschichte von Terrace, das heute nur noch touristische Bedeutung besitzt. Besonders stolz sind die Einheimischen auf den sogenannten Kermodei Bären. Diese weiße Unterart des Schwarzbären ist als Wappentier überall zu sehen. In freier Natur wäre es aber ein Zufall, ihm zu begegnen.

Möglicherweise trifft man den Kermodei Bären beim Fischen. Überall am Skeena sehe ich in Terrace Angler, die auf Lachsfang sind. Fünf Lachsarten gibt es hier und machen aus der Region ein Paradies für Sportfischer. Bei ausgedehnten Spaziergängen durch die endlos scheinenden Wälder fallen mir aber auch noch andere Dinge auf: Der in Terrace beheimatete Künstler Rick Goyette hat auf einem Pfad auf der „Insel der Gesichter” Köpfe in die Rinde der Bäume geschnitzt - mal größer, mal kleiner.

Um diese rund 55 Kunstwerke tatsächlich zu entdecken, bedarf es größter Aufmerksamkeit - oder eben wieder der Hinweise von Einheimischen, die mit ihrer Gastfreundschaft auch dem ausgelaugtesten Wanderer ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Genau wie die Ureinwohner, die Nisgaas. Deren Schnitzkunst ist sprichwörtlich: Ob Masken, Totempfähle oder traditionelle Instrumente - ein Blick in die Werkstätten und das gerade entstehende neue Museum ist überaus erwünscht und hilft auch ein wenig dabei, die nasse Kleidung zu trocknen.

Denn zum Norden British Columbias gehört Regen. Nur rund 50 niederschlagsfreie Tage zählt man im Jahr. Doch auch das kann schön sein - anders schön eben, wie die ganze Region.

Nördliches British Columbia

Anreise und Formalitäten: Die Lufthansa fliegt von Frankfurt/Main täglich nach Vancouver, die Flugzeit beträgt etwa zehn Stunden. Die kanadische Air Transat steuert Vancouver regelmäßig von Frankfurt und München aus an. Für die Weiterflüge mit der Air Canada von Vancouver nach Prince Rupert sind etwa zwei Stunden zu veranschlagen. Deutsche benötigen zur Einreise nach Kanada einen gültigen Reisepass.

Klima und Freizeit: Die Winter sind mit Temperaturen oft knapp über dem Gefrierpunkt für kanadische Verhältnisse mild, die Sommer mit Tageshöchstwerten fast immer unter 20 Grad eher kühl. Als beste Reisezeit gelten Mai bis August, wenn statistisch gesehen auch der wenigste Niederschlag fällt - ein guter Regenschutz gehört aber auch dann in jedem Fall ins Gepäck.

Geld: Für einen Euro gibt es etwa 1,27 Kanadische Dollar (Stand: Juli 2010).

Zeitverschiebung: Zeit in Deutschland minus neun Stunden.

Mehr Informationen: Tourism British Columbia, c/o Lange Touristik Dienst, Postfach 20 02 47, 63469 Maintal (Tel.: 01805/52 62 32 für 14 Cent/Minute, canada-info@t-online.de