Aland-Inseln: Natururlaub in den Schären

Aland-Inseln: Natururlaub in den Schären

Mariehamn (ddp). Die Saison auf Aland ist kurz - von Mittsommer bis Mitte August. Aber sie hat es in sich. „Natürlich Natur” könnte der Slogan des Ostseearchipels am Eingang zum Bottnischen Meerbusen heißen. Schären, Klippen, Wald und an die 100 Binnenseen prägen das Bild auf den rund 6500 Inseln, von denen nur etwa 60 bewohnt sind. Naturfreunde, Angler und Aktivsportler finden hier aber auch Zeugen einer bewegten Geschichte, die zu einer einzigartigen schwedisch-russisch-finnischen Kultursymbiose führte.

Wir haben uns entschieden, mit dem Fahrrad übers Meer zu fahren. Fähren transportieren unsere Velos kostenlos von Insel zu Insel. Alands Hauptinsel umfasst fast 70 Prozent der Landfläche. Vom Sattel aus können wir die Landschaft am besten genießen: den Blick auf Meer und Schären, den Duft von Wiesenhainen, Nadel- und Mischwald, Vogelgezwitscher, das Rauschen des Wassers oder die Stille.

Kraniche laufen uns über den Weg und die charakteristische Eiderente, deren braun gesprenkeltes Huhn (Ada) seine Brut vehement verteidigt. Im offenen Meer sind Kegelrobbenkolonien zu sehen. Ein guter Schwimmer ist auch der Elch, der sich aber selten zeigt.

Obwohl der höchste Punkt der Inselgruppe nur knapp 130 Meter über dem Meeresspiegel liegt, vermittelt die Schärenlandschaft den Eindruck großer Höhenunterschiede. Die Äcker und Weiden von Kühen, Schafen und Pferden sind oft von bergigen Anhöhen eingerahmt.

Doch die Steigungen können wir leicht meistern. Fahrradwege auf Nebenstrecken ergänzen das gut ausgebaute, vom Aland-typischen Rapakivi-Granit rötlich schimmernde Straßennetz. Und das Meer mit der nächsten Badebucht ist nie weit. Auch die Abstände zwischen unseren Ferienhäusern und Sehenswürdigkeiten sind eher kurz.

Wie die meisten Touristen zieht es uns zum Schloss Kastelholm in der Gemeinde Sund. Die einzige mittelalterliche Burg Alands, die 1388 erstmals schriftlich erwähnt wurde, war bis 1634 Sitz des schwedischen Statthalters.

Im Juli erinnert ein buntes historisches Fest - die Gustav-Wasa-Tage - an die Glanzzeit unter dem schwedischen König, der es zum Jagdschloss machte. Später wird sein erstgeborener Sohn Erik XIV. auf der Festung inhaftiert.

Auf der anderen Straßenseite finden wir mit „Vita Björn” (Weißer Bär) nicht nur ein richtiges, sondern das älteste erhaltene Gefängnis Finnlands von 1784. Seit 1974 der letzte Häftling entlassen wurde, ist es Museum. Aland braucht keine Gefängnisse mehr, wird uns versichert. Kriminalität sei auf den Inseln nahezu unbekannt. Bevor wir weiterradeln, lernen wir im benachbarten Freilichtmuseum Jan Karlsgarden das Leben auf einem Bauernhof des 19. Jahrhunderts kennen mit den typischen Windmühlen und einem Mittsommerbaum.

Mitunter verlaufen die Radwege auf der mit dem gekrönten Posthorn gekennzeichneten königlichen Postroute, die Königin Kristina 1638 einführte. Im Kaiserlichen Zoll- und Posthaus in Eckerö, einem prächtigen Gebäude des Berliner Baumeisters Carl L. Engel (1778-1840), ist zu erfahren, dass Bauern bis 1910 für den Transport der Post von Schweden nach Finnland sorgten und dafür Steuererleichterungen erhielten. Jetzt ist die Post in Aländischer Hand. Seit 1984 gibt die Inselgruppe, die 1920 das Selbstverwaltungsrecht erhielt, eigene Briefmarken heraus.

Als Folge des schwedisch-russischen Krieges 1808/9 wurde Aland Teil des Zarenreichs, das 20 Jahre später den Bau der Festung Bomarsund in Angriff nahm. Sie sollte 5000 Menschen und 500 Kanonen fassen. Die Steinmetze, Maurer und Zimmerleute aus allen Teilen Russlands konnten sie aber nie fertigstellen.

Im Krimkrieg, der 1856 mit der Demilitarisierung Alands endete, wurde sie von der britisch-französischen Flotte zerstört. Nicht nur während der jährlichen Bomarsundtage in den Ruinen wird der russische Einfluss von Sprache, Kultur und Religion wieder lebendig.

Auch die 1861 gegründete Hauptstadt Mariehamn auf schmaler Landzunge zwischen zwei Meeresbuchten, die um 1899 Kurbad wurde, ist ein Zeugnis der russischen Zeit. Sie trägt den Namen der Zarin Maria Alexandrowna und gehört zu unseren Stationen. Fischer bringen gerade ihren Fang zum Hafen. Der größte Lachs wiegt 16 Kilo.

Bevor wir uns ein landestypisches Fischgericht schmecken lassen, gehen wir an Bord der „Pommern”. 1939 war das heutige Museumsschiff auf seiner letzten Segelreise. Dann radeln wir über die Lindenallee, die West- und Osthafen verbindet und der sonnigsten Stadt des Nordens den Beinamen „Stadt der 1000 Linden” einbrachte, zum Alandmuseum. Hier lässt sich die spannende Geschichte des Archipels im Zentrum großpolitischer Ereignisse von der Bronzezeit an nachvollziehen. Heute gehören die Insulaner politisch zu Finnland, bezahlen in Euro, sprechen aber Schwedisch.

Dass sie trotz EU-Beitritt Freihandelszone blieben, kommt Ingmar Erikson zugute, der mitten in der schönen Naturlandschaft der Gemeinde Finström das einzige Weingut Alands betreibt. Die Apfelplantage mit 14 000 Bäumen ist seit 1690 in Familienbesitz, erzählt uns der 72-Jährige später stolz beim Rundgang mit Degustation. Aus den selbst angebauten Früchten und Beeren werden Obstwein und Spirituosen hergestellt. Vielleicht sollten wir nach seinem Apfelschnaps, den er Alvados nennt, weil der Name Calvados geschützt ist, lieber nicht mehr aufs Rad steigen. Aber wir haben nur gekostet.

Da der Staat das Alkoholmonopol besitzt, sind seine besten Abnehmer die Fähren zwischen Stockholm und Helsinki, die Aland ansteuern, auch wenn keiner ein- oder aussteigen will. Die Passagiere, die sich mehr für die zum übrigen Skandinavien vergleichsweise billigen Spirituosen interessieren, wissen nicht, was ihnen auf dem Archipel entgeht.

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