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Aachen: Böse Blicke für „Zinker” im Zeugenstand

Aachen : Böse Blicke für „Zinker” im Zeugenstand

Der Mann hört sehr aufmerksam zu. Er beugt sich nach vorne, spitzt die Ohren, fixiert den anderen, der da auf dem Zeugenstuhl sitzt.

Der Aachener JVA-Ausbrecher Peter Paul Michalski, für den sein Anwalt die Überprüfung seiner Verhandlungsfähigkeit wegen jahrelanger Einzelhaft beantragt hat, scheint an diesem Morgen nicht unter besonderen Konzentrationsstörungen zu leiden.

Aber für ihn und seinen Mitangeklagten Michael Heckhoff ist das ja offensichtlich auch ein sehr interessantes Schauspiel, das sich ihnen in Saal 0.20 des Aachener Justizzentrums präsentiert. Denn vor dem Richter sitzt einer, den man hinter Gittern einen „Zinker” nennt. Damit ist einer gemeint, der seine Knastkumpels verpfeift, der bei Anstaltsleitung und Polizei „singt”. Man braucht nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, welches Ansehen so ein „Verräter” im Gefängnis genießt. Man muss nur Michalski und Heckhoff auf der Anklagebank beobachten. Ihre bösen Blicke sprechen Bände.

Der Mann, der da als Zeuge sitzt, ist von Beruf Kraftfahrer und kommt aus Polen, hat aber zuletzt überwiegend in Deutschland im Knast gesessen. Acht Jahre wegen eines Raubüberfalls, das war das letzte Urteil, das er kassierte. Seit 2006 war er deshalb in der JVA Aachen inhaftiert. Dort lernte er Michalski und Heckhoff kennen und hat sie, um im Knastjargon zu bleiben, schließlich „gezinkt”.

Zwar waren die beiden an jenem 30. November vorigen Jahres, als der Zeuge Kontakt zur Polizei suchte, schon ein paar Tage auf der Flucht beziehungsweise Heckhoff sogar schon wieder gefasst, doch schwebte ihm offenbar ein „Deal” vor. Er könnte einiges erzählen über die Ausbrecher und ihre Pläne, die sie gemeinsam mit dem JVA-Beamten Michael K. geschmiedet hätten, bot er an. Allerdings wollte er auch eine Gegenleistung haben: die möglichst baldige Abschiebung in seine polnische Heimat - „zu meiner Sicherheit”, wie er an diesem Morgen immer wieder betont.

Doch eine solche Abmachung gibt es nicht. Der Häftling sagt aus und wartet vergebens auf eine Gegenleistung. „Man hatte mir zugesagt, dass ich keine Schwierigkeiten kriege und dass man mit der Staatsanwaltschaft über meine Abschiebung spricht”, berichtet er. „Aber man hat mich belogen. Jetzt sitze ich seit sechs Monaten in Einzelhaft. Vielleicht war ich zu dumm.” Statt Sicherheit durch Abschiebung Sicherheit durch Einzelhaft - es ist einer der Momente an diesem Morgen, an dem Heckhoff gar nicht erst versucht, ein breites Grinsen zu verbergen. Kurz vorher ist sein Blick noch höhnisch gewesen. Da ist der Zeuge gefragt worden, warum er denn nicht schon vor dem Ausbruch sein Wissen um die Pläne der beiden Ausbrecher offenbart habe? „Zuerst hatte ich es nicht geglaubt, und später hatte ich dann Angst, etwas zu sagen. Und ich wollte auch nicht als Zinker dastehen.”

Wenn man diesem Zeugen glauben will, dann müssen die Pläne von Michalski und Heckhoff unter den Gefangenen auch kein großes Geheimnis gewesen sein. „Viele werden von der Flucht gewusst haben”, sagt er. „Aber alle werden wohl Angst gehabt haben, etwas zu sagen.” Ohnehin sei der Freiheitsdrang hinter Gittern groß: „Im Knast spricht fast jeder über Flucht, manche sogar über Ballons oder über Helikopter, das ist ein ziemlich beliebtes Thema.”

Weniger beliebt bei dem Zeugen sind jedoch die Themen, die die Verteidiger anschneiden. Der Handel mit Handys, mit Drogen? Die Beteiligung weiterer Beamter? Mit jeder Frage wird er schweigsamer, seine Erinnerung löchriger. Und dann hat Michalski doch „starke Kopfschmerzen” und kann sich nicht mehr konzentrieren. Zwar hat das Gericht für ihn jetzt eine Gutachterin gefunden, aber untersucht wurde er noch nicht. Die Verhandlung wird unterbrochen, der „Zinker” muss noch einmal wiederkommen. Und das Gericht stellt sich auf einen langen Prozess ein.

Eigentlich sollte er am 13. Juli enden, nun ist er bereits bis Oktober terminiert.