Neuss: Voll in Mode: Hippe Flohmärkte mit Mucke, Food-Trucks und Bier

Neuss: Voll in Mode: Hippe Flohmärkte mit Mucke, Food-Trucks und Bier

Halb elf vor einer alten Bahnhofshalle in Neuss: Gestylte Mädels und Frauen stehen Schlange für den begehrten Mädchen-Flohmarkt Weiberkram im Gare Du Neuss. Am Wochenende auf solchen Märkten shoppen zu gehen, gehört inzwischen irgendwie zum Lifestyle dazu.

Von Leipzig über Düsseldorf bis München - Flohmärkte, die weitaus mehr bieten als nur Keller-Ramsch und Händlerware sind hip. Außergewöhnliche Locations, Live-Musik, DJs, Leckereien und lockere Atmosphäre machen den Markt zum Event. Was die Leute antreibt? Schnäppchenjagd, neue Lieblingsstücke und nicht zuletzt der Gedanke, mit dem Kauf alter oder ungenutzter Sachen auch etwas Gutes zu tun.

Kristina Hahn steht ziemlich weit vorne in der Schlange. Das ist hier nicht ganz unwichtig: „Wir möchten natürlich die besten Sachen abgreifen”, erzählt die Düsseldorferin, die mit ihrer Freundin seit anderthalb Jahren auf Mädels- und Nachtflohmärkte geht. „Anstatt was Neues zu kaufen, kann man hierhin gehen”, sagt die Augenoptikerin. „Die Sachen werden weitergegeben und landen nicht auf dem Müll.” Second Hand zu tragen, ist für sie kein Problem. Auch das Wort Flohmarkt sei nicht mehr so abwertend, sagt die 27-Jährige. „Es ist halt hip geworden.”

Nach drei Euro Eintritt geht die Jagd in dem alten Güterbahnhof los. Hunderte Frauen von 15 bis 65 Jahren wuseln, quatschen, probieren Sachen an und handeln. Die wenigen Männer sind meist nur Begleitung. Die Halle ist sehr schnell sehr voll. Über den Feilsch-Tisch gehen viele Markenklamotten, Schuhe, Taschen und Schmuck. Auch Kleinkram und Skurriles findet sich. Verkauft wird nur Privates. Meist stammen die Sachen aus den eigenen Schränken, teils noch mit Etikett. Dort würden sie ein ewig ungetragenes Dasein fristen, hier machen sie andere Frauen glücklich. „Mein Kleiderschrank explodiert”, sagt Verkäuferin Claudia Petersen.

2009 veranstaltete Melanie Schmitz in Wuppertal den ersten Weiberkram. „Einfach mal so”, erzählt die 34-Jährige. Ihren Job als Mode-Designerin bei einem großen Konzern hat sie inzwischen an den Nagel gehängt. Ihre Märkte zählen im Schnitt 1500 bis 3500 Besucher. Für 2016 stünden bereits 85 Events fest. Den Weiberkram gibt es in Städten wie Berlin, Wiesbaden, Mannheim und Mainz. „Der wird ganz doll wachsen”, ist Schmitz überzeugt.

Es gibt bundesweit noch andere Flohmärkte speziell für Mädels. Auch Nachtflohmärkte, die ein breiteres Publikum ansprechen, sind in. „Es ist die nachhaltigste Möglichkeit, etwas zu kaufen, das von jemand anderem nicht mehr genutzt wird”, erklärt der Experte für Nachhaltigen Konsum, Patrik Eisenhauer, vom Wuppertaler Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production. Neben ethischem Konsum spiele auch der soziale Zusammenhalt, das Gemeinschaftliche, eine Rolle. „Das ist kein vorübergehender Hype, es wird weiter beliebt sein”, ist er sicher.

In Leipzig gibt es schon seit 16 Jahren einen Nachtflohmarkt im historischem Kohlrabizirkus. Die modernere Variante, der Nachtkonsum, startete 2007 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, erzählt Florian Liss. „Wir wollten damals das angestaubte Image von Flohmärkten loswerden und sie hipper machen.” Mit einem Jugendfreund erweiterte er das Uniprojekt bis hin zur Eventagentur. Den Nachtkonsum gibt es in sieben Städten. In Düsseldorf kommen einige Tausend Besucher ins Boui Boui Bilk - einst Schraubenfabrik - um bei Live-Musik, Street-Food und Bier zu shoppen.

Einmal im Monat, samstags, gibt es auch dort eine lange Schlange. Die Online-Tickets für Verkaufsstände sind meist schon nach 15 Minuten weg. Kaum zwei Stunden nach Einlass gehen zwei 18-Jährige wieder. Sie tragen volle Tüten. „In der Stadt kannst Du für 20 Euro ein T-Shirt kaufen. Hier habe ich für 25 Euro eine Hose, eine Jeans und zwei schöne Oberteile bekommen”, sagt Antonia Boedigheimer. Ihre Freundin Franziska Hausmann mag die Atmosphäre: „Es sind Leute wie ich da, mit denen ich mich identifizieren kann.” Der klassische Flohmarkt ist nichts für sie: „Ist zwar auch schön, aber man geht nicht hin.”

(dpa)
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