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Aschau: Nachhaltig und funktional: Design in Zeiten der Globalisierung

Aschau : Nachhaltig und funktional: Design in Zeiten der Globalisierung

Design verändert sich ständig - denn die Kreativen spiegeln in ihren Entwürfen auch immer die Umstände ihrer Zeit wider. Derzeit bewegen viele die Folgen der Globalisierung und eine möglichst nachhaltige Nutzung der begrenzten Ressourcen.

„Durch den technischen Fortschritt und die Globalisierung war der Designer des ausgehenden Jahrhunderts in einem Rausch der Möglichkeiten”, erklärt der Designer und Möbelproduzent Nils Holger Moormann aus Aschau im Chiemgau. „Heute muss das Design an der Spitze einer Bewegung stehen, die das Ende eines Produkts von Anfang an mitdenkt und die sich der Verantwortungen einer globalisierten Produktion voll bewusst ist.”

Die Sessel der „Clarissa“-Familie von Patricia Urquiola haben eine weich gepolsterte Rückenlehne, deren Kopfteil fast schon wie eine kuschelige Kapuze wirkt.
Die Sessel der „Clarissa“-Familie von Patricia Urquiola haben eine weich gepolsterte Rückenlehne, deren Kopfteil fast schon wie eine kuschelige Kapuze wirkt. Foto: dpa

Die Möbel sind reduziert in der Formensprache, bestehen oft aus einfachen Materialien wie Span- oder Sperrholz. Sie sind multifunktional und benutzerfreundlich. So kommt das Bett „Tagedieb” von Moormann ohne Schrauben aus. Es wird mit Hilfe von vier Klammern zusammengesteckt. Beim Tisch „Klopstock” können die Beine durch ein Klickschnappsystem in verschiedene Positionen gebracht werden.

„Der Designer von heute kann seine Aufgabe nur noch als Querdenker leisten”, sagt Moormann. „Die Bedeutung des Designs ist in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich gewachsen.” Parallel habe sich das Design vollständig aus seinen Ursprüngen in Architektur und Handwerk emanzipiert. „Daraus erwächst natürlich eine gewaltige Verantwortung”, erläutert Moormann. „Der Designer von heute muss also ganzheitlicher und reflektierter arbeiten - ich kenne keinen anderen Beruf, der ein solch breites Aufmerksamkeitsspektrum erfordert.”

Es gibt derzeit keine verbindliche Ästhetik. Das zeigt zum Beispiel ein Entwurf des deutschen Designers Konstantin Grcic, den er in diesem Jahr vorstellte. Die Familie „Traffic” besteht aus einem Sessel, einem Zweisitzer, einem Ruhesessel, einer Bank und einer Art Hocker samt flacher Lehne (Magis). Die Stücke sind auf das Wesentliche reduziert. Funktion und Konstruktion liegen offen: Ein farbig lackiertes Drahtgestell, in das Polster eingeschoben werden - mehr braucht es nicht, damit Sessel oder Sofa leicht und doch voluminös wirken, und sogar Abstellflächen eingehängt werden können.

Ein weiterer Top-Designer aus Deutschland ist Stefan Diez. Form, Konstruktion und Material sind bei seinen Projekten mit viel Sorgfalt aufeinander abgestimmt. Der Münchner entwickelt einfache, aber nicht zu einfache Formen. Besonders stolz ist Diez auf die „Houdini”-Familie, die in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen e15 entstanden ist: Die Teile aus dünnem Sperrholz werden von Hand gebogen und zu fließenden, ineinander übergehenden Formen verleimt.

In diesem Jahr stellte e15 seine Stuhlserie „This That Other” vor. Die scheinbar simplen Stühle veranschaulichen den Grundsatz des Unternehmens, die für die Konstruktion eines Produktes essenziellen Elemente freizulegen und zu betonen. Benannt nach dem berühmten Kartentrick wird die Serie aus robustem, geformtem und mit Eiche furniertem Schichtholz gefertigt.

Zu den bekanntesten Designern zählen auch die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec. Die Franzosen setzen sich nicht direkt an den Computer, sondern sie zeichnen, malen und skizzieren erst einmal auf Kunst-Niveau. Viele ihrer Projekte wirken künstlerisch-experimentell. Und doch sind sie immer bis in das kleinste Detail geplant und auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten.

„Die Objekte müssen dem Verbraucher dienen”, sagt Erwan Bouroullec. „Ein gutes Produkt sollte verständlich, brauchbar und reproduzierbar sein. Design muss in der Lage sein, die Tiefenströmungen in der Gesellschaft wahrzunehmen, zu verstehen, vorwegzunehmen und zu begleiten.” Ob Geschirr, Leuchten, Tische, Stühle, Sofas oder Vorhangelemente, die Brüder haben einen erstaunlichen Output. Mit zwei Entwürfen für Vitra haben sie sogar neue Möbelgattungen begründet: „Algues” sind kleine Plastikelemente, die zusammengesteckt als Raumteiler fungieren. Das Sofa „Alcove” schützt mit hohen Rücken- und Seitenlehnen den Besitzer vor Blicken.

Nach wie vor dominieren Männer die Szene. Eine, die sich durchgesetzt hat, ist Patricia Urquiola. Die gebürtige Spanierin ist eine der erfolgreichsten Designerinnen der Gegenwart. Bei ihren Entwürfen gibt es selten bis nie rechte Winkel, dafür Dreieckskombinationen. Strickmuster, florale Elemente und Dekore sind in die Dreidimensionalität übertragen. Sie nutzt farbenfrohe Elemente, aber - wenn es zum Projekt passt - auch erdige, warme Töne.

Vielseitigkeit ist eines der Geheimnisse ihres Erfolges. 2013 ist ihr kleiner Stuhl „Mafalda” (Moroso) auf den Markt gekommen, der auf neue Weise die Form des traditionellen Holzgestells interpretiert. Die strenge Geometrie wird kontrastvoll mit einer gewellten Sitzschale kombiniert. Die Wellen auf der Oberfläche entstehen durch eine neue Drucktechnik. Die Sessel der „Clarissa”-Familie (Moroso) haben eine weich gepolsterte Rückenlehne, deren Kopfteil fast schon wie eine kuschelige Kapuze wirkt.

Eine neue Ästhetik bringt Oki Sato in das europäische Design. Der Japaner fügt seinen Entwürfen stets eine poetische Note hinzu: „Japanisches Design wird oft als einfach und funktional bezeichnet”, sagt Oki Sato. „Und als eine Formensprache, die Spaß macht. Für mich ist die Geschichte, die hinter der Form steckt, immer am wichtigsten.” So wirkt das Holz seiner Kollektion „Splinter” (Conde House), als sei es aufgebogen oder vom Baumstamm abgezogen worden.

Die Grenzen zwischen Design und Architektur sowie zwischen Design und Kunst sind heute ziemlich aufgelöst. Diese Zwischenräume und Übergänge werden derzeit intensiv genutzt, sagt Stefan Diez. „Gleichzeitig hat die Designkultur der Alltagsgegenstände durch die Globalisierung und den letzten Generationswechsel bei den Herstellern sehr gelitten”, erläutert der Designer. „Die junge Generation wächst oft im konservierten Designkosmos der Vergangenheit auf.”

Heute, so Diez, bestehen die Herausforderungen darin, aus den beliebig scheinenden, unendlichen Möglichkeiten das Sinnvolle zu schlüssigen Konzepten zu bündeln. Und zwar so, dass auch der normale Konsument diese versteht. „Ich glaube, Designer können hier eine entscheidende Rolle spielen.”

(dpa)