Wozu mehr als nötig? : Minimalismus lernen

Rund sechzig Jahre hat es gedauert, bis die Minimal-Art-Strömung aus der US-amerikanischen Kunstszene ihren Weg in die deutschen Wohnzimmer gefunden hat. Ebenso, wie in der Malerei, Bildhauerkunst und Architektur auf jegliche Schnörkel, Dekorationen, ausladende Formen verzichtet wurde, verzichtet bereits seit geraumer Zeit ein wachsender Teil der weltweiten Bevölkerung auf Luxus und Überfluss.

Von Selbstversorger-Gärten bis hin zu Tiny Houses richtet sich der Blick auf das Ursprüngliche, Natürliche, Wesentliche. Doch lässt sich Minimalismus einfach so in den hektischen, von Technik bestimmten Alltag integrieren?

Es gibt nicht nur den einen

Was genau Minimalismus bedeutet, ist im Grunde allgemeingültig erklärbar und wird gleichzeitig doch individuell höchst unterschiedlich ausgelegt. Minimalisten haben sich von unnötigem Ballast getrennt, fokussieren sich ausschließlich auf das, was ihnen wirklich wichtig ist im Leben, was sie benötigen und was sie für sinn- und wertvoll erachten. Genau dies wiederum ist eine rein subjektive Empfindung: Während sich einige von ausgedienten Gegenständen trennen und Wohnprojekten auf Zeltplätzen anschließen, gehen andere einen Schritt weiter, kündigen ihren Arbeitsvertrag, ihre Mitglied-, Freund- oder sogar Partnerschaften. Was verbleibt, ist mehr Zeit, mehr Energie und eine unvergleichliche innere Balance. In diesem Punkt sind sich erneut alle Minimalisten einig.

Das Blickfeld erweitern

Es mag zunächst egoistisch klingen, ein Leben anzustreben, das ausschließlich Vergnügen bereitet. Doch Vergnügen versteht sich bei Minimalismus im Sinne von Freiheit. Ohne materiellen Überfluss, unangenehme Verpflichtungen, ohne die Routine des Alltags im Job und im Privaten wird der Blick frei auf das Wesentliche. Wer schon einmal im Zuge eines Wohnortwechsels den Dachboden oder Keller entrümpelt hat, der kennt vielleicht das Gefühl der Freiheit, das sich nach der Reduzierung auf wirklich Wichtiges einstellen kann. Doch nicht immer ist es so einfach - selbst die Entscheidung für oder gegen den Sperrmüll mag sich möglicherweise als kompliziert erweisen. Nicht jeder erkennt auf Anhieb, dass er in seinem Beruf, seiner Beziehung nicht mehr glücklich ist, nicht alle können ihre Wünsche und Ziele klar definieren. Doch auch dazu ist Minimalismus da: Er ist Folge einer Befreiung von Unnötigem ebenso wie er als Ursache dazu beiträgt, eigene Prioritäten zu erkennen. Und es ist gar nicht schwer, den ersten Schritt zu tun.

Auch kleine Schritte führen zum Ziel

Minimalismus lernen
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Nicht jeder, der minimalistisch leben möchte, muss sofort den Radikalschnitt machen, sämtliche Besitztümer aufgeben und als Asket den Rest seiner Tage verbringen. Es ist auch möglich, Minimalist zu sein, ohne sofort sein Kraftfahrzeug zu verkaufen, in eine Einzimmerwohnung zu ziehen, die Kündigung einzureichen und das Eheversprechen zu lösen. Bereits kleinste Veränderungen können zu größter Klarheit und Freiheit verhelfen. Und sie kosten weder viel Arbeit noch viel Zeit.

 Materielles: Kleider und Wohnung

Ebenso wie der Einkaufswagen im Supermarkt, finden sich am Eingang einiger großer Einrichtungs- und Bekleidungshäuser Korbtaschen gestapelt. In ihnen können Teetassen und Handtücher, Pullover und Accessoires gesammelt und mühelos und bequem bis an die Kasse getragen werden. Weshalb nicht alles einmal umdrehen und mit einem leeren Korb durch die eigenen vier Wände stöbern? So kann aufräumen richtig Spaß machen: Was noch gefällt, wird geordnet und verbleibt in der Wohnung, Staubfänger ohne Erinnerungswert, Kleider aus der Zeit vor der Schwangerschaft oder Fotos inzwischen unbekannter Personen werden in den Korb gelegt. Wer in einem Haus wohnt, muss nicht jedes einzelne Zimmer an einem Tag durchforsten. Es muss nicht einmal ein ganzes Zimmer am Tag sein: Nach einem eigens gesetzten Pensum ist Schluss. Und am nächsten Tag geht es weiter.

  • Anderen eine Freude bereiten: Vor allem bei Frauen ist es gut möglich, dass allein die genaue Inspizierung des Schuh- und Kleiderschrankes einige Stunden in Anspruch nimmt. Doch ist die Entscheidung gegen alte Pumps und Blusen erst einmal gefallen, lässt es sich befreit aufatmen. Nicht nur, weil die Arbeit getan ist, sondern auch, weil der erste Schritt auf dem Weg zum Wesentlichen gegangen wurde. Eine weitere erfreuliche Folge: Mit einem Verkauf der aussortierten Sachen bei eBay oder auf dem Flohmarkt füllt sich der Geldbeutel, bei einer Schenkung an soziale Einrichtungen freuen sich Dritte.
  • Noch lange kein altes Eisen: Um ein regelmäßiges Korb-Shopping in der eigenen Wohnung zu umgehen, packen Minimalisten das Übel an der Wurzel: Sie erwerben nichts mehr, was sie nicht wirklich benötigen. Durchschnittlich 60 Kleidungsstücke soll jeder Erwachsene in Deutschland jährlich neu kaufen, diese gleichzeitig bereits nach kurzer Zeit nicht mehr nutzen. Dem Trend der Nachhaltigkeit entspricht das nicht. Das Hemd gefällt? Auch ein Minimalist mag das denken. Doch er erinnert sich auch an all die schönen Hemden auf seinen Kleiderbügeln im Schrank. Und verlässt unverrichteter Dinge wieder den Laden.
  • Ausleihen statt kaufen: Verzichten muss dennoch niemand auf Leidenschaften oder Hobbys. Nicht alles allerdings muss neu erstanden werden. Öffentliche Bibliotheken bieten Literaturfans von alten Schmökern über eBooks bis zu Hörbüchern, wonach ihnen der Sinn steht, auf Tauschbörsen mit Gleichgesinnten werden aus Spielkarten Brettspiele und aus Tennis- Tischtennisschläger.

Alltägliches: Bewusstsein und Nachhaltigkeit

Kinder fahren mit dem Fahrrad zur Schule, sie laufen, gegebenenfalls steigen sie auch in einen Bus. Damit erhalten sie sich nicht nur den Blick auf die Natur, das, was um sie geschieht. Die Aktivität nutzt zudem der Gesundheit, die umweltfreundliche Fortbewegung der Natur. Wilde Flora und Fauna zu erleben kann ebenfalls dazu beitragen, zur Ruhe zu kommen, sich unter Bäumen im Wald oder unter dem Sternenhimmel vom Balkon aus eins mit seiner Umgebung, mit der Welt im Reinen zu fühlen. Genau das gilt auch für Minimalisten.

  • Gesund und preiswert: Ebenso wie der Kleider-, lässt sich der Kühlschrank leeren. Steht schon seit einem halben Jahr die angebrochene Marmelade in der hintersten Ecke und die Dose mit dem eingelegten Fisch nur deshalb noch dort, weil sie ein Geschenk der Großmutter war, dann heißt es auch hier: Alles dem Nachbarn schenken und bei den nächsten Einkäufen nur noch in den Trolley legen, was sich schnell und aus wenigen Zutaten herstellen lässt, das Haushaltsbudget schont und dabei den eigenen Geschmack voll und ganz trifft. Hausmannskost wie Linsensuppe oder Obst aus lokalem und saisonalem Anbau kann mindestens ebenso gut munden wie Austern oder Steak. Ein weiterer Minimalisten-Tipp: Nie hungrig in den Supermarkt stürmen und möglichst auch nicht nach üblichem Büroschluss oder an einem Samstagvormittag
  • Sozial oder unsozial? Ohne soziale Medien geht es nicht mehr? Für Minimalisten schon. Doch auch hier gilt: Nicht jeder Account muss sofort geschlossen werden, der Fernseher nicht gleich ausgestöpselt. Doc h der Newsletter, in den noch nie ein Blick geworfen wurde, der Desktop des PCs, auf dem sich unzählige nicht genutzte Dateien sammeln - das alles kann abbestellt oder gelöscht werden.

Menschliches: Beziehungen und Arbeit

Absagen statt abbestellen lassen sich langweilige Termine, ob beruflich oder privat. Besteht weder eine Pflicht zu einem Treffen noch die Lust darauf, ist ein Nichterscheinen für Minimalisten die einzig wahre Antwort. Zugegebenermaßen ist dies nicht immer einfach zu verwirklichen. Was beim Handballtraining mit den ehemaligen Studienfreunden noch machbar ist, wird beim angesetzten Businessmeeting oder jahrelangen Freundschaften schon komplizierter. Doch die Zeit ist zu kostbar, um sie mit Menschen zu verbringen, zu denen keine echten Gefühle bestehen, mit einer Tätigkeit, die nicht wirklich erfüllt. Auch hier ist es möglich, klein zu beginnen. Statt der Kündigung ein Sabbatical einreichen, statt der Scheidung eine zeitlich begrenzte Auszeit voneinander nehmen. Dies alles hilft, sich auf die eigenen, wichtigen Werte im Leben zu konzentrieren.

Einfach mal ausprobieren

Beim Minimalismus wird nicht verlangt, das Fenster zu öffnen und die Vergangenheit komplett hinauszubefördern. Selbst beim Korbshopping dürfen Erinnerungsstücke im Regal verbleiben, die ersten Paar Schuhe der Kinder im Schrank. Solange sie das individuelle Leben bereichern und nicht als Ballast schwer auf der Seele wiegen, sobald der Blick auf sie fällt. Nur, wer das Wagnis eingeht, sich von Annehmlichkeiten zu lösen, von Überflüssigem zu trennen, ehrlich in sich hineinzuhorchen, wird feststellen können, ob eine minimalistische Lebensweise die passende für den eigenen Lebensentwurf ist. Nichts ist unwiderruflich - wer unsicher ist, kann den Korb zunächst in einer Kammer verstecken und wieder hervorholen, ist die Sehnsucht nach Auswahl zu groß. Doch wer es nicht versucht, wird es auch nie wissen.

(vo)