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Hamburg: Größenwirrwarr im Ausland: Wo die 36 eine 38 ist

Hamburg : Größenwirrwarr im Ausland: Wo die 36 eine 38 ist

In Deutschland passt der Pullover in Größe 38 perfekt. In Italien sieht das 38er Oberteil dann aus wie reingequetscht. Denn was dort eine 38 ist, wäre hierzulande eine 32. Drei Nummern müssen Touristen abziehen, um die italienischen Größen in deutsche umzurechnen, erklärt die Styleberaterin Ines Meyrose aus Hamburg. In Frankreich ist es nur eine Größe Differenz. Die deutsche 38 wäre dort eine 40. Für Herren gilt das Gleiche: Eine deutsche 48 wäre in Italien eine 54, in Frankreich eine 50.

Bei englischen und amerikanischen Größen ist das Umrechnen etwas schwieriger. Dort müssen sich Besucher statt dem Prinzip „Minus drei Größen” oder „Minus zwei” einen anderen Anfangswert einprägen, erklärt die Personal Shopperin Sonja Grau aus Ulm. In den USA ist die deutsche 32 eine 4, die 34 eine 6, die 36 eine 8 - und so weiter. In Großbritannien ist diese Umrechnung um eine Größe verschoben, sagt Meyrose. Die 32 ist eine 6, die 34 eine 8.

Herrengrößen in den USA und in Großbritannien sind noch einmal anders. Für Pullover und Jacken gilt die Regel: Minus zehn. So wäre die deutsche 48 in den USA und in Großbritannien eine 38. Bei Hemden sind die Werte wieder andere: Eine deutsche 36 wäre in UK und USA eine 14, eine 37 eine 14,5, die 38 eine 15 und so weiter.

Wen das Umrechnen überfordert, der sollte nach den europäischen Standardgrößen Ausschau halten: „Mit den internationalen Standardgrößen von XS bis XXXL kommt man generell ganz gut zurecht”, sagt Grau. Viele Hersteller platzieren diese Standargrößen schon neben den einheimischen. Trotz Umrechnens und vermeintlicher Standardgrößen müssen sich Touristen aber eines bewusst machen: Auf Größenbezeichnungen verlassen können sie sich nicht. „Es handelt sich immer noch lediglich um Richtwerte”, so Grau.

Wer als 38er Frau in Italien zwar - vermeintlich richtig - zur 44 greift, kann in der Umkleidekabine trotzdem mit zu kurzen Hosenbeinen oder Pulloverärmeln überrascht werden. Denn das zweite Problem wartet schon: „Sie gehen von anderen Proportionen aus”, erklärt Meyrose. Armlänge, Beinlänge, Taille und Brustumfang im Verhältnis zur Körpergröße - im Durchschnitt sind die Menschen in unterschiedlichen Regionen anders gebaut.

„Die typische Frau in Deutschland ist leicht A-förmig gebaut”, sagt Meyrose. Bedeutet: etwas weniger Busen und dafür mehr Hüfte. In Frankreich und Italien sind die Frauen zierlicher und untersetzter, Arm- und Beinlängen sind kürzer.

Auch in Asien sind die Menschen im Durchschnitt zarter gebaut. In den skandinavischen Ländern heißt es: „größer, breiter, länger”, erklärt Grau. In Großbritannien und den USA seien die Abmessungen insgesamt großzügiger. Insbesondere in den USA seien die Größen etwas weiter, sagt Meyrose.

Und als hätten Käufer nicht schon genug mit unterschiedlichen Größenbezeichnungen und Proportionen zu tun, kommt dann noch eine weitere Komponente hinzu: die Marken. Hersteller interpretieren Größen für sich, erklärt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Köln. Dahinter stecke eine geschäftsstrategische Denke. Manche Marken schummeln bei den Größen und geben eine 40 als eine 38 aus. „Dann werden Sie lieber dort einkaufen gehen, wo sie schlanker erscheinen”, erklärt Müller-Thomkins.

Andere Marken nehmen sich ganz bewusst eine Zielgruppe vor - zum Beispiel zierliche Frauen und schlanke Männer - und interpretieren die Größen für diese Zielgruppe. „Es gibt Marken, die manche Größen gar nicht führen”, sagt Müller-Thomkins. „Sie wollen nicht Kleidung für alle machen.” So müssen Touristen nach dem Umrechnen nicht nur die Körpermerkmale der jeweiligen Region beachten, sondern auch Markenmerkmale.

Und zwei weitere Faktoren gefährden die Verlässlichkeit der Größen: die Mode und die Zeit. Mal sei es Mode, körpernah zu schneidern, mal körperfern, erklärt Thomas Rasch, Geschäftsführer vom Modeverband GermanFashion in Köln. Über die Jahre hinweg haben sich die Durchschnittsmaße außerdem verändert. Vor ein paar Jahren gab es deshalb eine großangelegte Studie, in der etwa 11.000 Deutsche vermessen wurden. Das Ergebnis: Wir sind größer und dicker geworden, sagt Rasch. An die neuen Zahlen haben sich manche Hersteller angepasst: So ist die 38 von heute größer als die 38 aus den 1960er Jahren.

All diese Faktoren führen zu einem Ergebnis: „Nichts kaufen, ohne es anzuprobieren”, rät Meyrose. Für Urlauber in Italien, Frankreich oder Asien empfiehlt die Styleberaterin außerdem: „Kaufen Sie eine L, wenn es passt, auch wenn Sie sonst eine 36 haben.” Wem das peinlich sei, der sollte das Schild herausschneiden.

Beim Onlinekauf aus fremden Ländern und von Labels, mit denen Käufer noch keine Erfahrung gesammelt haben, sollten Verbraucher darauf achten, dass sie die Kleidung kostenfrei zurücksenden können. Wenn das der Fall ist, lohne sich eine Auswahlbestellung von zwei bis drei Größen, sagt Meyrose.

Am Ende können Verbraucher das Größenchaos auch für ihre Zwecke ausnutzen. Kleine, zierliche Frauen shoppen in Italien oder online bei italienischen Designern, große Menschen halten sich an Skandinavien oder die Niederlande. So shoppen sie dort, wo die Kleidung am ehesten auf ihre Figur zugeschnitten ist.

(dpa)