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München: Aus dem Park in die Halle: Bouldern ist gesunder Kraftsport

München : Aus dem Park in die Halle: Bouldern ist gesunder Kraftsport

Auf den Trimm-dich-Pfaden wird es einsamer. Und langsam dünnen auch die Bootcamps in den städtischen Parks aus. Je dunkler, regnerischer und kälter es wird, desto weniger haben jetzt noch Lust, draußen zu trainieren. Aber mit all den anderen für die Wintermonate ins übervolle Fitnessstudio wechseln? Lieber nicht. Aber was dann? Schon einmal ans Bouldern gedacht?

Bouldern hat von den Kletterdisziplinen am stärksten geboomt, erklärt Matthias Keller vom Deutschen Alpenverein in München. Früher war das Bouldern eher eine Trainingsform für das echte Klettern. Jetzt entstehen in den Städten immer mehr Hallen eigens dafür.

Bouldern wird definiert als Klettern in Absprunghöhe. Die Sicherung durch ein Seil entfällt. „Es ist die Reduzierung des Kletterns auf das Wesentliche, auf die Bewegung”, fasst Keller zusammen. Dabei ist die Absprunghöhe aber sehr subjektiv, schränkt Michael Cronrath ein.

Er ist Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Klettern und Bergwandern an der Ruhr-Universität Bochum. In den Hallen hat man maximale Höhen von etwa vier bis fünf Metern. Beim Klettern in der freien Natur liegt es in der Eigenverantwortung der Kletterer, ungesichert nicht zu hoch hinaus zu wollen.

Keller sieht den Vorteil vom Bouldern darin, dass es erst einmal ein individueller Sport ist: Man braucht keinen Partner, der sichert. Gleichzeitig findet er den Sport sehr gesellig: Die Freunde feuern an, geben Tipps. Aber wofür braucht man Tipps? Genau hier liegt laut Keller der Reiz des Sports: „Das Tüfteln an irgendwelchen Bewegungsproblemen, das ist der Hauptreiz am Bouldern”, sagt er. „Das hat fast schon etwas Wissenschaftliches.” Es gehe darum, die beste Abfolge von Griffen und Haltepositionen auszumachen - die der Körper dann auch mitmacht.

Denn der muss beim Bouldern Kraft beweisen, besonders in den Armen und dem Oberkörper. Und so werden Arme - und Finger - auch am meisten trainiert, erklärt Ingo Tusk, Vizepräsident der Deutschen Sportärzte (DGSP). Aber auch die Rückenmuskulatur wird kräftiger. „Das ist ein super Krafttraining”, lautet die Einschätzung des Arztes.

Vor allem die Beugemuskulatur werde beim Bouldern beansprucht. Auf den Rücken können die Bewegungen - gerade wenn man mit beiden Armen hochklettert - stabilisierend wirken. Wer hier vorbelastet ist, sollte am besten vor dem ersten Hallenbesuch mit dem Arzt sprechen. Gerade wenn es steiler wird, muss das muskuläre Skelett da sein, erklärt Keller.

Dort, wo die Belastungen am größten und das Training am höchsten ist, treten natürlich auch die meisten Schädigungen auf, sagt Cronrath. So kann es etwa zu einer Überlastung der Ringbänder kommen. Denn wenn man manchmal nur an den Fingern hängt, wirken extreme Kräfte darauf, erklärt Tusk.

Das zweite Verletzungsrisiko sehen die Experten vor allem beim Absprung - beziehungsweise bei einer unglücklichen Landung. Insgesamt schätzen sie das Verletzungsrisiko beim Bouldern verglichen mit anderen Sportarten als sehr gering ein. „Die ganze Kletterei ist relativ risikoarm”, sagt Tusk.

Wichtig ist, sich mit einigen Übungen auf das Klettern vorzubereiten und außerdem Ausgleichsübungen zu machen. Aufwärmen, den Kreislauf in Schwung bringen, Arme kreisen - das steht vor dem Klettern an der Wand. Cronrath rät, sich dann erst einmal einzuklettern - zehn Minuten lang an den großen runden Griffen.

Weil die Beugemuskulatur beansprucht wird, empfiehlt sich, die Streckmuskulatur ergänzend zu trainieren. Mit wenig Aufwand lasse sich das Bouldern etwa durch Liegestütze, Bauchmuskeltraining und Dehnen abrunden, gibt er ein Beispiel. Viele Boulderhallen hätten entsprechend Trainingsecken.

Neben dem positiven Effekt der Kräftigung hebt Keller die Koordinationsleistung hervor - und nicht zuletzt spielen mentale Faktoren eine Rolle: Man lernt, Probleme sportlicher Art lösen zu können, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen, mit den Freunden gemeinsam Lösungen zu testen. „Es hat etwas sehr Kommunikatives”, findet Cronrath.

„Grundsätzlich ist Bouldern oder Klettern ein Sport für alle”, sagt Keller. Laut Tusk sollte man ein gewisses Körpergefühl mitbringen und möglichst wenig Übergewicht - denn das Gewicht muss man natürlich selbst halten können. Gerade am Anfang ist es sinnvoll, mit einem Kurs einzusteigen. So kann man eventuell die typischen Anfängerfehler umgehen: sich nicht aufzuwärmen, zu schnell zu steile Sachen zu klettern, gibt Cronrath Beispiele.

Mitbringen muss man in die Halle nicht viel: ein Sportoutfit reicht. Die Schuhe kann man leihen. Wer aber merkt, dass ihm das Bouldern viel Spaß macht und er es längerfristig machen möchte, sollte sich überlegen, in eigene Kletterschuhe zu investieren. Sie passen besser, sagt Cronrath. Und da man sie barfuß trägt, um sensibler für die kleinen Schritte zu sein, ist das auch hygienischer. Für die Klettertour im Freien braucht man außerdem ein Crash Pad - eine Matte, die man unter den Boulder - den zu erkletternden Felsbrocken - legt.

Wer den Winter über Gefallen am Bouldern gefunden hat, kann ab Frühling das neue sportliche Hobby auch mit einer Reise verbinden, um in der Natur zu bouldern: Ein Hotspot etwa befindet sich in den Wäldern von Fontainebleau in Frankreich. Auch das Tessin bietet den Kletterern ein gutes Terrain, sagt Keller. Und in Deutschland wird man zum Beispiel in der Pfalz fündig.

(dpa)