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Berlin: Zu Schuljahresbeginn vermehren sich die Kopfläuse

Berlin : Zu Schuljahresbeginn vermehren sich die Kopfläuse

Pediculosis capitis hüpft von Kopf zu Kopf, krallt sich in die Haut, schlürft Blut und legt winzige Eier ins Haarwerk. Vor allem in Kindergärten und Schulen sorgen die als Kopflaus bekannten Schmarotzer für quälendes Jucken. Eine Pharmafirma hat nun das Läuserisiko für Kinder in Deutschland berechnet.

Ärzte und Forscher halten den ins Internet gestellten „Läuseatlas”, der mancherorts neun von zehn Kindern „gefährdet” sieht, für Panikmache.

So besteht in Frankfurt am Main, München und Wuppertal etwa bei „mehr als 90 Prozent aller Kinder” die Gefahr, dass sie sich die lästigen Tierchen einfangen. In Berlin sind es „30 bis 50 Prozent” und im Hamburger Nobelvorort Blankenese nur 20 Prozent. „Kopfläuse setzen ihren epidemischem Eroberungsfeldzug in Deutschland fort”, schlussfolgern die Atlasmacher.

Die Sprecherin der Pharmafirma „Dr. Wolff”, Eva Gert, erklärt: Der Verkaufsabsatz von Antiläusemitteln im vergangenen Jahr sei für jeden Postleitzahlenbezirk ins Verhältnis zur dortigen Kinderzahl gesetzt worden. Daraus abgeleitet werde die Wahrscheinlichkeit, dass „ein Kind von Läusen befallen werden könnte”. Die Berechnung basiere auf Daten des Frankfurter Branchenanalysten „Institut für medizinische Statistik” und des Statistischen Bundesamts.

Deutschlands Kinderärzte halten den „Läuseatlas” für „Panikmache”. Die Risikowerte würden dramatisiert, kritisiert der Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Ulrich Fegeler, im ddp-Interview. Tatsächlich fange sich jedes zweite Kind im Laufe seiner Kindheit mindestens einmal Läuse ein. In Städten sei die Zahl der Fälle seit jeher höher als auf dem Land. Zu Schuljahresbeginn stiegen die Zahlen regelmäßig an. Über die Jahre hinweg gebe es jedoch keine Zunahme an Kopflausbefällen. Wichtig ist Fegeler der Hinweis, dass diese Parasiten - anders als Zecken - keine Krankheiten übertragen. „Sie sind einfach unangenehm”, weiß er.

Nach Angaben der Sprecherin des Robert-Koch-Instituts in Berlin, Sabine Glasmacher, muss man „das Tabu Kopflaus brechen und die richtigen Maßnahmen treffen.” Läuse würden zu Unrecht mit mangelnder Hygiene in Verbindung gebracht. „Sie fühlen sich in frisch gewaschenen Haaren genauso wohl”, sagt Glasmacher.

Glasmacher verweist darauf, dass Eltern gesetzlich verpflichtet seien, der Schule oder dem Kindergarten mitzuteilen, wenn ihr Kind von Läusen befallen ist. Diese Einrichtungen wiederum müssten das Gesundheitsamt informieren. Einzelne Ämter registrierten durchaus eine Zunahme an Fälle, andere aber auch eine Abnahme. Manche agierten bei Kopfläusen „mit großer Verve”, andere mit weniger.

Auch Kopflaus-Experte Michael Forßbohm vom Gesundheitsamt Wiesbaden nimmt dem Thema an Schärfe: Bei ein bis drei Prozent aller Kinder träten Kopfläuse auf, erklärt er. Zudem stellt er fest: „Viele betroffene Kinder werden unnötig lange aus Gemeinschaftseinrichtungen ausgeschlossen.”

Pharmafirma-Sprecherin Gertz verteidigt den Läuseatlas: „Wir wollen keine Panik schüren, sondern Eltern animieren, ihren Kindern auf die Köpfe zu schauen.” Der Absatz von Läusemitteln steige jährlich um zehn Prozent. Hieraus könne auf ein Zunahme an Fällen geschlossen werden. In Anbetracht des Kopflaus-Tabus sei der Atlas eine „kreative Idee”, um das Thema ins Bewusstsein zu rufen.