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München: Wie eingefroren: Was gegen Bewegungsblockaden bei Parkinson hilft

München : Wie eingefroren: Was gegen Bewegungsblockaden bei Parkinson hilft

Von einer Sekunde auf die nächste ist die Erstarrung da. Das Freezing - eine Blockade, die Parkinson-Patienten am Weitergehen hindert - tritt ohne Vorwarnung auf. Engstellen wie eine Tür können der Auslöser sein, aber auch Richtungswechsel oder eine auf Grün wechselnde Ampel.

„Die Betroffenen erleben das als sehr bedrohlich”, erzählt Brigitte Kämpf, Mitbegründerin des Parkinson-Selbsthilfevereins „evanda - Leben mit Parkinson”: „Manche trauen sich gar nicht mehr aus dem Haus.” Doch selbst in der eigenen Wohnung können Freezing-Situationen auftreten, beispielsweise bei dem Versuch, das klingelnde Telefon zu erreichen.

„60 bis 80 Prozent der Parkinsonpatienten leiden unter Gangblockaden”, sagt Prof. Andres Ceballos-Baumann, Chefarzt an der Schön Klinik München Schwabing, einer Parkinson-Spezialklinik. „Das schränkt sie nicht nur in ihrer Mobilität und Unabhängigkeit ein, sondern erhöht auch das Risiko, zu stürzen und sich dabei zu verletzen”, erläutert er.

Was genau die Bewegungen einfrieren lässt, ist noch nicht geklärt - wie auch die Ursachen der Parkinson-Erkrankung nach wie vor im Dunkeln liegen. Rund 300.000 Menschen in Deutschland sind betroffen, schätzt die Deutsche Parkinson Vereinigung. Weitere 100.000 hätten erste Anzeichen, ohne von der Diagnose zu wissen. Steife Muskeln, zitternde Hände, stockende Bewegungen, zunehmende Unbeweglichkeit sind typische Symptome. Heilung ist bislang nicht möglich.

Ihren Ausgang nimmt die Krankheit, die 1817 vom britischen Arzt James Parkinson erstmals beschrieben wurde, im Gehirn. Sie lässt Nervenzellen absterben, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Mit Hilfe dieses sogenannten Neurotransmitters kommunizieren Nervenzellen miteinander. Er ermöglicht die Feinabstimmung von Bewegungen, steuert zum Beispiel das Wechselspiel von Beugern und Streckern in der Muskulatur. Fehlt es an Dopamin, stockt die Kommunikation zwischen Gehirn und Muskulatur. Abhilfe versucht die Medizin mit Dopamin-Ersatzstoffen zu schaffen. Allerdings wirken sie bei Parkinson-Patienten meist nur eine gewisse Zeit richtig zuverlässig, dann kommt es zu Wirkungsschwankungen.

Oft tritt das Freezing genau dann auf: „Viele Patienten erleben es zum ersten Mal, wenn die Dopamin-Ersatztherapie nicht mehr so gut wirkt”, sagt der Neurologe Ceballos-Baumann. Nur manchmal hilft eine Umstellung auf andere Medikamente. Mehr Erfolg versprechen Therapien, bei denen die kritischen Situationen gezielt geübt werden.

„Das hat nicht nur den Effekt, dass die Patienten Strategien entwickeln, um aus einer Freezing-Situation wieder herauszukommen, sondern führt auch dazu, dass Freezing weniger oft auftritt und nicht mehr als so belastend wahrgenommen wird”, sagt Ceballos-Baumann, der mit seinem Team das „Münchner Anti-Freezing-Training” entwickelt hat.

Dabei wird zunächst analysiert, was beim jeweiligen Patienten das Freezing auslöst: Sind es vor allem Engstellen? Oder stockt die Bewegung immer kurz vor dem Ziel? Diese Situationen werden dann geübt, zunächst in der Klinik, später zu Hause: „Das ständige Wiederholen und Üben ist wichtig, um den Effekt aufrechtzuerhalten”, sagt Ceballos-Baumann.

An der Parkinson-Fachklinik im brandenburgischen Beelitz-Heilstätten kommt auch Musiktherapie zum Einsatz. „Wir analysieren das Gangbild und entwickeln eine individuell abgestimmt Trainingsmusik. Gehrhythmus und -geschwindigkeit werden in Musik übertragen. Ziel des Trainings ist es, das Gehen rhythmischer und sicherer zu machen”, erläutert Musiktherapeut Stefan Mainka. Musik könne auch in der akuten Situation helfen: „Eine bestimmte Melodie, die sich der Patient dann ins Gedächtnis ruft, dient als Loslaufsignal.”

Sowohl das Anti-Freezing-Training als auch die Musiktherapie werden bei einem stationären Aufenthalt von den Krankenkassen im Rahmen einer multimodalen Komplexbehandlung bezahlt. Im ambulanten Bereich gilt das auch für das Anti-Freezing-Training, beispielsweise bei niedergelassenen, entsprechend weitergebildeten Physiotherapeuten.

Auch andere, oft verblüffend einfache Signale können die Erstarrung lösen: der Lichtpunkt eines Laserpointers auf dem Boden, die Taktvorgabe eines kleinen Metronoms, ein Stock mit ausklappbarer Querstrebe, die überstiegen werden muss. Denn oft kann die vermeintlich schwierigere Bewegung die Blockade beenden. „Das ist das Paradoxe am Freezing”, sagt der Chefarzt der Parkinson-Klinik in Beelitz-Heilstätten, Georg Ebersbach, der auch dem Vorstand der Deutschen Parkinson Gesellschaft angehört.

Das macht das Freezing für andere so schwer nachvollziehbar: „Ein Patient kann problemlos einen Gang entlanglaufen, und plötzlich kommt er nicht durch die Tür”, sagt der Neurologe Ebersbach. „Es bringt dann auch nichts zu drängen, zu ziehen und zu zerren”, sagt Kämpf von der Selbsthilfegruppe. Sie lebt seit 15 Jahren mit der Diagnose Parkinson: „Im Gegenteil: Stress und Angst machen alles nur noch schlimmer.” Umso wichtiger sei es deshalb, auch Angehörige über die Anti-Freezing-Strategien aufzuklären, sie immer wieder zu üben - „und dann Schritt für Schritt weiterzugehen”.

(dpa)