London: Wer hören will, muss fühlen

London: Wer hören will, muss fühlen

Menschen hören nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit der Haut: Der Tastsinn registriert winzige Luftstöße, die beim Aussprechen bestimmter Buchstaben produziert werden, hat ein Forscherduo jetzt gezeigt

Das hilft dem Gehirn, das Gehörte genauer zu charakterisieren und beispielsweise zu entscheiden, ob es sich um den Laut „pa” oder den Laut „ba” handelt. „pa” geht nämlich mit einem Luftstoß einher, „ba” dagegen nicht. Hören ist damit also alles andere als die Leistung eines einzelnen Sinnes, schließen die Forscher. Es ist vielmehr das Zusammenspiel von Ohren, Augen und Haut, das Menschen selbst leichte Tonabweichungen sicher voneinander unterscheiden lässt, schreiben Bryan Gick von der Universität von British Columbia in Vancouver und sein Kollege Donald Derrick von den Haskins-Laboratorien in New Haven im Fachmagazin „Nature” (Bd. 462, S. 502).

Hören ist nicht nur Sache der Ohren - das ist für Wissenschaftler klar, seitdem entdeckt wurde, dass bestimmte Gesichtsausdrücke das Verständnis von Gesprochenem erleichtern oder erschweren, je nachdem, ob sie zum Gesagten passen oder nicht. Es lag daher laut Gick und Derrick nahe, dass neben den Augen auch der Tastsinn einen Teil zum Hörverständnis beiträgt.

Im Fokus ihres Interesses: sogenannte aspirierte Laute wie p und t, bei denen die Aussprache mit einer kurzen Unterbrechung und einer anschließenden plötzlichen Freigabe des Luftstromes einhergeht. Sie unterscheiden sich von den verwandten, ähnlich klingenden, aber nicht aspirierten Buchstaben b und d vor allem dadurch, dass sie beim Sprechen von einem kurzen, unhörbaren Luftstoß begleitet werden.

Die These der beiden Forscher war nun folgende: Simuliert man einen dieser Luftstöße, während eine Testperson einen nicht ganz klar erkennbaren Laut hört, sollte sie eher den aspirierten als den nicht aspirierten Laut wahrnehmen. Um das zu testen, pusteten sie 66 Freiwilligen beim Hören verschiedener Kombinationen aus „pa”-, „ba”-, „ta”- und „da”-Lauten mal einen kleinen Luftstoß auf den Handrücken, mal einen auf den Hals unterhalb des Kehlkopfes und ließen ihn auch mal ganz ausfallen.

Im Hintergrund spielten sie dabei ein Rauschen ab, das das Verständnis der Laute deutlich erschwerte.

Tatsächlich hörten die Probanden häufiger „pa” und „ta”, wenn sie angepustet wurden - selbst dann, wenn eigentlich „ba” oder „da” abgespielt worden waren. Fazit der Forscher: Tastinformationen werden also für die akustische Wahrnehmung ebenso herangezogen wie visuelle Daten und natürlich die Schallwellen selbst.

Erste Hinweise darauf gab es bereits im Jahr 2005: Damals entdeckten Tübinger Forscher, dass bei Affen die Aktivität im Hörzentrum des Gehirns zunimmt, wenn sie nicht nur ein Geräusch hören, sondern gleichzeitig auch an der Hand berührt werden. In Zukunft könnten die neuen Erkenntnisse laut den Forschern dabei helfen, bessere Hörhilfen für Schwerhörige zu entwickeln.

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