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Gießen: Wenn die „Schwangerschaft zum Risikoereignis” wird

Gießen : Wenn die „Schwangerschaft zum Risikoereignis” wird

Nadja Muth (Name geändert) war gar nicht krank, nur schwanger - mit Zwillingen. Trotzdem verbrachte sie etwa 20 Wochen im Krankenhaus. Als die werdende Mutter in der Adventszeit nach Hause wollte, warnte ein Arzt, sie könne das Leben eines der Babys riskieren.

Denn die Mediziner hatten bei zahlreichen vorgeburtlichen Untersuchungen festgestellt, dass ein Kind kleiner war als das andere. Sie bekam Angst. Und das, obwohl ihr Gefühl eigentlich etwas anderes sagte: Der Winzling in ihrem Bauch war sehr lebendig.

Nadja Muth galt als „Risikoschwangere” - 35 Jahre alt, werdende Mutter von Zwillingen mit vorzeitigen Wehen. Mittlerweile würden drei Viertel aller Schwangeren als Risikoschwangere bezeichnet, erklärt die Psychologin Sylvia Börgens, die zehn Jahre lang „Problem-Schwangere” an der Universitätsklinik Gießen beraten hat. „Schwangerschaft ist zum Risikoereignis geworden”, kritisiert sie.

„Mir fiel auf, dass bei vielen Müttern das gesunde Urvertrauen bis in die Grundfeste erschüttert war.” Eine Ursache sieht sie in der Vielzahl der Schwangerschaftsuntersuchungen. Die Eltern gerieten oft in die „Mühlen der vorgeburtlichen Diagnostik”, erläutert die Psychologin. „Jede gefundene Normabweichung zieht natürlich Kontrolluntersuchungen nach sich. Und: Je mehr man untersucht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man zufällig irgendetwas Auffälliges findet”, so Börgens, die in der Nähe von Gießen lebt und drei Kinder hat.

Die „Risikoschwangeren” könnten die Bedeutung vieler Untersuchungen - zum Beispiel Blut- oder Ultraschalluntersuchungen - oft nicht einschätzen. Meist bleibe nur der Eindruck hängen: „Es stimmt etwas nicht.” Für Börgens ist das ein gesellschaftliches Problem. „Wir meinen, uns gegen alle Risiken absichern zu können.”

Eltern, die „nichts versäumen” oder sich hinterher „keine Vorwürfe machen” wollten, gehen nach Börgens Erfahrung mitunter „blauäugig” in die Untersuchungen. So könne eine Fruchtwasser-Untersuchung, mit der zum Beispiel das Down-Syndrom diagnostiziert wird, zu Fehlgeburten führen. „Bis zur Bekanntgabe des Ergebnisses leben die Frauen außerdem oft in einem Zwischenzustand und lassen sich innerlich gar nicht auf das Kind ein”, sagt Börgens.

Der evangelischen Theologin Hildburg Wegener zufolge ist die „Logik”, die hinter dieser Untersuchung steht, der Schwangerschaftsabbruch. Man müsse darum unterscheiden zwischen der Schwangerenvorsorge mit dem Ziel, Mutter und Kind gesund zu halten: „Das ist gut.” Doch daneben gebe es eine Reihe vorgeburtlicher Untersuchungen, die Eigenschaften über das Kind herausfinden wollten, ist die Sprecherin des Frankfurter Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik überzeugt.

Immer neue Methoden - etwa das Frühscreening, mit dem die statistische Wahrscheinlichkeit einiger Fehlbildungen errechnet wird - führen nach den Worten von Wegener dazu, dass „sich insgesamt die Rasterfahndung im Mutterleib verschärft”. Tatsächlich jedoch kämen 97 von hundert Kindern gesund auf die Welt. Die Chance, ein gesundes Baby zu bekommen, sei heute so groß wie nie zuvor, meint Börgens, die schon viele Fehldiagnosen miterlebt hat.

Sie rät Schwangeren, auf ihre innere Stimme zu hören, „einen gesunden Egoismus zu entwickeln und an das Baby zu denken”. „Leben will sich erhalten und fortsetzen.” Das sei in der Schöpfung so vorgesehen. Die Schwangerschaft biete die Chance, sich von den Anforderungen von außen abzugrenzen. Wegener rät den werdenden Müttern: „Gehen Sie zu einer guten Hebamme, die in Problemfällen zum Arzt überweist!” Und sie will die Furcht vor einem behinderten Baby nehmen. Wer behinderte Menschen kenne, habe weniger Angst davor und könne das auf das „eigene Kind übertragen”.

Nadja Muths Zwillinge kamen gesund auf die Welt. Sie sind inzwischen sieben Jahre alt. Der Junge ist zwei Zentimeter kleiner als seine Schwester. Die Mutter sagt: „Im Nachhinein zeigt sich: Was man im Mutterleib sah, war etwas ganz Natürliches.”