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Hamburg: Wenn das Selbstwertgefühl am Boden ist: Therapie für Frauen über 50

Hamburg : Wenn das Selbstwertgefühl am Boden ist: Therapie für Frauen über 50

Zwölf Frauen sitzen im Kreis. Alle sind über 50 Jahre alt, alle haben psychische Probleme, die sich auch in körperlichen Beschwerden bemerkbar machen. Jetzt sprechen sie über das, was sie krank gemacht hat.

Sie tun das für ihre Gesundheit und für das Forschungsprojekt „W50 plus” von Gerhard Schmid-Ott, Chefarzt für Psychosomatik an der Berolina Klinik Löhne bei Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen). Schmid-Ott ist zudem Professor für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. „Gegenstand des Projektes ist die langfristige Wirkung der stationären psychosomatischen Rehabilitation für Patientinnen zwischen 50 und 65 Jahren”, sagt er.

In Befragungen geben Frauen häufiger als Männer an, einmal psychisch erkrankt zu sein. Dies gilt nach verschiedenen medizinischen Untersuchungen vor allem für die Altersgruppe der 46- bis 65-Jährigen. Bei Frauen sind psychische Erkrankungen mit 36 Prozent sogar die Hauptursache für eine Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit, hat Professorin Mechthild Neises aus Hannover festgestellt. Männer gehen dagegen vor allem wegen Krankheiten des Bewegungsapparates vorzeitig in Rente.

„Wir wollen jetzt prüfen, ob es sinnvoll ist, in eine Rehabilitation unterschiedliche Angebote für Männer und Frauen aufzunehmen”, sagt Schmid-Ott und verweist auf geschlechtsspezifische Entwicklungen in anderen medizinischen Disziplinen wie etwa Knieprothesen speziell für den weiblichen Körperbau. Insgesamt 150 Patientinnen, die von Rentenversicherungen oder Krankenkassen in die Berolina Klinik in Löhne geschickt wurden, sollen in diesem Jahr jeweils sechs Stunden lang an psychologischen Gruppengesprächen teilnehmen, die sich den besonderen Probleme älterer Frauen widmen.

Bei der Gruppensitzung werden erst einmal Fragen gesammelt und auf ein Clipboard geschrieben: „Ich staune immer wieder, wie viele Probleme zusammenkommen”, sagt Oberärztin Suzanne Morshuis, die die Gruppenarbeit leitet. Zwei Therapeutinnen stehen ihr dabei zur Seite. Auf dem Clipboard ist das Stichwort Familie zu lesen und darunter unter anderem: Kinder sind aus dem Haus, Eltern müssen versorgt werden. Unter Beruf steht Arbeitslosigkeit oder Stagnation, Vorruhestand oder Mobbing. Partnerschaft: Ehemann gestorben, Ehemann arbeitslos, Scheidung. Auf die andere Seite des Papierbogens werden körperliche und seelische Beschwerden geschrieben.

Agnes (52) zum Beispiel ist Erzieherin. Um über die Runden zu kommen, hat sie zwei Jobs. Sie leidet unter Konzentrationsstörungen, vergisst viel und kann sich zu nichts aufraffen. Sigrid (55) hat starke Rückenschmerzen. Sie ist Kassiererin in einem Supermarkt und sitzt im Betriebsrat. Sie fühle sich hilflos, wenn immer weniger Beschäftigte immer mehr arbeiten müssten, sagt sie. Anja (56) war fast 30 Jahre lang Arzthelferin. Als die Praxis von zwei jungen Ärzten übernommen wurde, gab es so viel Streit, dass Anja kündigte. Seither ist ihr Selbstwertgefühl am Boden. Darunter leidet sogar ihre Ehe - es klappt nicht mehr mit dem Sex.

Damit die Patientinnen auch über das Thema Sex offen sprechen, werden die W50plus-Gruppen nur noch von Frauen geleitet. „Sexualität wird nicht spontan angesprochen, wenn ein Mann dabei ist”, stellt Schmid-Ott fest. „Bei den körperlichen Beschwerden in dieser Altersgruppe spielen natürlich auch die Wechseljahre eine große Rolle”, sagt Morshuis. Es geht um Hitzewallungen, verstärkte Blutungen, Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme oder Schlafstörungen.

Wichtig ist der Ärztin, dass die Patientinnen Zuversicht fassen und neue Kraft sammeln. „Die Ängste, sich bei psychischen Problemen an einen Arzt zu wenden, sind immer noch sehr hoch”, hat Morshuis festgestellt. In der Rehabilitation sollen sie gute Erfahrungen machen. Helfen sollen den Patientinnen neben therapeutischen Gesprächen vor allem auch Entspannungstechniken. Die Frauen in der Therapiegruppe sind noch mitten auf ihrem Weg. Immerhin stellt Anja am Ende einer Stunde fest: „Ich hab schon so viel geschafft in meinem Leben. Es ist Blödsinn an meinem Wert zu zweifeln, weil ich arbeitslos bin. Vielleicht finde ich ein Ehrenamt.”

Zur Halbzeit des Projektes zieht Schmid-Ott eine erste Bilanz: „Gegenüber einer Kontrollgruppe aus dem vergangenen Jahr, die nicht an einer derartigen Gruppentherapie teilnahm, zeigt sich, dass vor allem typische Beschwerden wie Energielosigkeit und Konzentrationsstörungen deutlich abgenommen haben.” Nach der üblichen mehrwöchigen Rehabilitation seien die Beschwerden um rund 25 Prozent zurückgegangen. Bei den Teilnehmerinnen der speziell auf ihre Altersgruppe zugeschnittenen Therapie habe sich dieser Erfolg etwa verdoppelt. „Aber für wissenschaftlich überzeugende Ergebnisse brauchen wir noch eine größere Zahl von Patientinnen”, sagt der Professor. 2010 soll die Arbeit vorliegen.