1. Leben
  2. Gesundheit

Berlin/Göttingen: Verkannte Endometriose: Verbreitetes Frauenleiden ist nicht heilbar

Berlin/Göttingen : Verkannte Endometriose: Verbreitetes Frauenleiden ist nicht heilbar

Die große Unbekannte trifft viele: Geschätzt zwei Millionen Frauen leiden in Deutschland an einer Endometriose, einer gutartigen Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut.

Sie zieht Wucherungen im gesamten Bauchraum nach sich. Obwohl die Krankheit seit mehr als hundert Jahren bekannt ist, wird sie noch immer schlecht erkannt und nie ursächlich geheilt.

Jedes Jahr erkranken 40.000 Frauen neu, Durchschnittsalter 28 Jahre. Aber viele kennen das Leiden überhaupt nicht, darunter auch Ärzte. „Sie stellen den Betroffenen eher Fehldiagnosen aus”, moniert Karl-Werner Schweppe von der Frauenklinik Ammerland in Göttingen. Im Schnitt dauert es sieben Jahre und fünf Ärzte, bis das Fehlurteil revidiert ist. Manchmal fällt eine Endometriose sogar erst auf, wenn als Folge eine Niere unwiderruflich geschädigt ist.

Bei der Endometriose wächst Gewebe aus der Gebärmutterschleimhaut, das Endometrium, im Bauch- und Beckenraum. Es siedelt sich an der Blase, den Eierstöcken, im Darm oder am Bauchfell an und blutet zyklisch. Viele Frauen peinigen während der Menstruation so schwere Schmerzen, dass sie das Bett nicht mehr verlassen können. Wenn die Endometrioseherde abgeheilt sind, hinterlassen sie Narben. Die Eileiter können dadurch verkleben.

Deshalb ist Endometriose eine der häufigsten Ursachen für Unfruchtbarkeit. Die Verwachsungen können in schweren Fällen auch den Darm oder die Harnröhre versperren. Dann muss sofort operiert werden, damit Niere, Darm und Harnblase nicht dauerhaft Schaden nehmen. Trotz der Bedeutung des Leidens wird es kaum beachtet. „Die Hausärzte denken nicht daran”, klagt Schweppe. Denn die Symptome ­- Unterbauchschmerzen, starke Regelschmerzen bis hin zu Ohnmachtsanfällen, Blasen- und Darmkrämpfe, Blut im Urin oder Stuhl -­ können zu allerlei Krankheiten passen.

„Alleine das Zyklische ist das Hinweisende: Die Beschwerden treten immer wieder und besonders stark zur Menstruation auf”, erklärt Gynäkologe Andreas Ebert vom Endometriosezentrum Berlin.

Weltweit suchen Forscher nach Auffälligkeiten im Blut, im Erbgut und in der Gebärmutterschleimhaut, um die Krankheit schneller und einfacher zu diagnostizieren. Ärzte der Universität Sydney wiesen Nervenfasern im Uterus von Patientinnen nach, die bei Gesunden nur selten auftreten. Diese eignen sich mit einer Trefferquote von mehr als neunzig Prozent für eine Diagnose.

Forscher um den Endometriosespezialisten Thomas DHooge an der belgischen Universität Löwen kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Doch bis daraus ein belastbarer Schnelltest entwickelt ist, dürften noch einige Jahre vergehen. „Es gibt sehr viele Ansätze für Tests, aber die sind alle noch nicht wirklich überzeugend”, resümiert Ebert.

Nicht nur der schwierigen Diagnose wegen wird die Endometriose vernachlässigt. Obwohl seit einigen Jahren intensiver daran geforscht wird, ist ihre Entstehung nach wie vor schleierhaft. Entweder wandern die Zellen der Gebärmutterschleimhaut aus, um sich an anderer Stelle im Körper niederzulassen. Vielleicht wachsen die Herde aber auch erst an Ort und Stelle aus Vorläuferzellen unter dem Einfluss des Geschlechtshormons Östrogen.

Denkbar wäre auch, dass beide Effekte, die Auswanderung und die Wucherung vor Ort, zusammenspielen. Da man aber nicht weiß, wogegen Medikamente gerichtet werden sollen, haben Pharmaforscher auch keine Anhaltspunkte, wie potenzielle Arzneien aussehen könnten. Die Investitionen sind entsprechend gering. Auch deshalb, weil sich die Symptome mit gängigen Hormonpräparaten eindämmen lassen. „Es ist eine Erkrankung ohne Lobby”, erklärt Schweppe.

Eine ursächliche Behandlung der Endometriose ist nicht in Sicht. Die Betroffenen erhalten vielmehr eine Pille, die dauerhaft die Ausschüttung der Östrogene hemmt. „Manche Frauen fühlen sich damit schrecklich. Sie leiden unter Schweißausbrüchen, Niedergeschlagenheit und Hitzewallungen wie in den Wechseljahren. Andere Frauen erleben es als Segen, frei von Schmerzen zu sein”, deutet Schweppe die Zwiespältigkeit dieser Standardbehandlung an.

Wenn die Hormone abgesetzt werden, kann die Endometriose wieder aufflammen. Haben die Endometrioseherde den Eileiter oder die Harnröhre verklebt, müssen sie chirurgisch entfernt werden. „60 bis 70 Prozent sind nach einer Operation samt hormoneller Therapie zumindest beschwerdefrei”, sagt er. „Von Heilung können wir aber nicht sprechen.”

Ein Schattendasein führt die Endometriose auch mangels Präventionsmöglichkeiten. Als eindeutiger und wichtigster Risikofaktor hat sich bisher alleine die Menstruation selbst herausgeschält. Je häufiger, intensiver und länger die Monatsblutung auftritt, desto gefährlicher. Seltene und späte Schwangerschaften erhöhen das Risiko folglich ebenfalls.

Es ist irritierend: Wie kann etwas derart Natürliches wie die Menstruation ihrerseits zum Risiko werden? Und es ist auch ein gesellschaftliches Phänomen: „Früher wurden Mädchen in jungen Jahren schwanger und dann alle zwei Jahre wieder”, verdeutlicht Ebert. Heute haben Frauen dagegen weitaus mehr Menstruationen -­ ein neuer Zustand für den Körper, der mit einem höheren Endometriose-Risiko erkauft wird.

In dieses Bild passt, was der belgische Forscher Thomas DHooge bei Affenweibchen beobachtete. Wenn er sie von den Männchen trennte, so dass sie nicht mehr schwanger werden konnten, nahmen binnen zwei Jahren die Endometrioseherde rasant zu. Die gutartigen Wucherungen sind so gesehen wahrscheinlich auch eine Folge des modernen Lebenswandels.