Berlin/Schwäbisch Hall: Trotz Arthrose beweglich bleiben

Berlin/Schwäbisch Hall: Trotz Arthrose beweglich bleiben

Verformte Gelenke, dauerhafte Schmerzen und Entzündungen, künstliche Hüfte - viele haben diese Bilder im Kopf, wenn sie die Diagnose Arthrose hören.

Diese rheumatische Erkrankung ist nicht heilbar und groß ist die Angst davor, dass irgendwann nichts mehr geht, jede Bewegung schmerzt und ein mobiles und selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich ist. „Aber diese Angst ist nicht nötig”, sagt Professor Erika Gromnica-Ihle, Rheumatologin und Internistin in Berlin und Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga. „Es gibt heute Maßnahmen, die den Verlauf der Gelenkkrankheit verlangsamen und die Beweglichkeit lange erhalten können.” Je früher man die Signale einer beginnenden Arthrose erkenne, desto besser.

„Aber die meisten Betroffenen gehen erst in die Beratung oder zum Arzt, wenn die Krankheit bereits weit fortgeschritten ist”, sagt Rotraut Schmale-Grede aus Schwäbisch Hall, zweite Vorsitzende der Rheuma-Liga Baden-Württemberg sowie des Bundesverbands und seit 31 Jahren Beraterin für Arthrose-Kranke. „Viele sind dann im Ruhestand, wollen ihr Leben genießen und sind enttäuscht und überrascht, wenn sie die Diagnose Arthrose bekommen.”

Dabei zähle Arthrose, also die Funktionsminderung des Knorpels meist in Knie- oder Hüftgelenk, zu den häufigsten Gelenkkrankheiten. Allein in Deutschland leiden etwa fünf Millionen Männer und Frauen daran. „Aber viele verdrängen, jemals krank werden zu können, oder sie wissen einfach zu wenig über Arthrose und die vorbeugenden Möglichkeiten”, sagt Schmale-Grede.

Die ersten Anzeichen richtig deuten

„Arthrose ist heimtückisch, denn die Krankheit besteht schon lange Zeit, ohne Beschwerden zu verursachen”, sagt Gromnica-Ihle. Typisch für eine beginnende Arthrose sei der sogenannte Anlaufschmerz. Bei den ersten Schritten nach dem Aufstehen spüren die Betroffenen eine leichten Schmerz oder ein Spannungsgefühl in Knie oder Hüfte oder anderen Gelenken. „Das wird gern abgetan, man müsse eben erst einmal in Gang kommen”, sagt Gromnica-Ihle. Nach wenigen Minuten bis zu einer halben Stunde sei der Schmerz vorbei und auch schnell vergessen.

„Aber man sollte solche Warnzeichen ernst nehmen, denn einmal entstandene Knorpeldefekte verschwinden nicht wieder, sondern breiten sich immer weiter aus”, sagt Gromnica-Ihle. Werde die Arthrose nicht behandelt, schmerzt das betroffene Gelenk schon nach leichter Belastung wie einem Einkaufsbummel. Wenn Bewegungen schwer fallen, Gelenke anschwellen, die Muskeln um das Gelenk verspannt sind oder das Gelenk bei jeder Bewegung knirscht, könnten das Anzeichen einer Arthrose sein. „Gelenkschmerzen, Bewegungseinschränkungen oder Gelenkverdickungen sollten immer mit dem behandelnden Arzt besprochen werden”, sagt Gromnica-Ihle.

Legen ein Arzt-Patienten-Gespräch und die Untersuchung den Verdacht einer Arthrose nahe, wird das betroffene Gelenk meist entweder geröntgt oder per Ultraschall untersucht. Diese bildgebenden Verfahren machen die typischen Krankheitszeichen der Arthrose wie den verkleinerten Gelenkspalt, nicht zueinander passende Gelenkflächen durch Fehlen des Stoßdämpfers Knorpel, verdichtete Knochen im Gelenkbereich mit Auswüchsen oder eben deformierte Gelenke sichtbar.

„Die Schmerzen können mit Paracetamol oder cortisonfreien Rheumamitteln behandelt werden”, sagt Gromnica-Ihle. Aber die größte Rolle bei der Therapie der Arthrose spiele der Patient selbst, denn nur der könne durch regelmäßiges Training die Muskeln kräftigen, die Beweglichkeit erhalten und so den Verlauf der Krankheit günstig beeinflussen.

Zwar gebe es nicht beeinflussbare Risikofaktoren wie eine familiäre Häufung, die Wechseljahre oder schlicht das Alter. „Doch es gibt auch Faktoren wie Fehlstellungen, zum Beispiel X- oder O-Beine, einseitige Belastung durch stundenlanges Sitzen, zu starke Gelenkbelastungen in bestimmten Berufen und vor allem Übergewicht, gegen die sehr wohl etwas unternommen werden kann und sollte”, sagt Gromnica-Ihle. Vor allem Übergewicht müsse reduziert werden. „Bei der Arthrose des Kniegelenks gilt als Faustregel: Ein stark Übergewichtiger, der 5 Prozent an Gewicht verliert, erreicht dadurch 20 Prozent weniger Schmerzen und 50 Prozent mehr Beweglichkeit.

Aber um diese beeinflussbaren Risikofaktoren sollte man lange vor einer eventuellen Erkrankung wissen, um vorbeugen zu können. Denn werde eine Fehlstellung frühzeitig korrigiert, das Gewicht dauerhaft reduziert und einseitige Belastung vermieden, könne eine Arthrose weitgehend verhindert werde. ”Und das muss das Ziel sein, weil eine einmal ausgebrochene Arthrose nicht heilbar ist„, sagt Gromnica-Ihle.

Umgangssprachlich wird Arthrose auch Gelenkverschleiß genannt. ”Und wer an Verschleiß denkt, kann zu dem Schluss kommen, dass das Schonen der betroffenen Gelenke das einzig Richtige ist„, sagt Schmale-Grede. Aber das Gegenteil sei der Fall, denn werde das Gelenk nicht bewegt, beschleunige sich der Krankheitsprozess des Knorpels und der Krankheitsverlauf verschlimmere sich.

„Natürlich ist es oft nicht leicht sich zu bewegen, wenn jede Bewegung schmerzt”, sagt Schmale-Grede. Aber da müsse man gegen den inneren Schweinehund angehen. Gut geeignet seien Sportarten ohne Belastung der Gelenke wie Radfahren. Eine gute Möglichkeit sei auch das sogenannte Funktionstraining. Diese speziell für Rheumapatienten entwickelte Trocken- oder Warmwassergymnastik findet in der Gruppe statt und die Krankenkassen übernehmen die Kosten häufig für einen gewissen Zeitraum.

„Diese Sportangebote in der Gruppe haben auch noch zwei weitere Vorteile”, sagt Gromnica-Ihle. Der Gruppenzwang helfe vielen, sich regelmäßig zu bewegen und nicht nach ein paar Wochen in den alten Trott zu verfallen. Und das regelmäßige Treffen mit Gleichgesinnten helfe den Betroffenen aus der sozialen Isolation heraus und gebe ihnen den Spaß am Leben zurück.

Mehr von Aachener Zeitung