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Münster: Trauerbegleitung oder Suchtberatung: Therapie im Internet

Münster : Trauerbegleitung oder Suchtberatung: Therapie im Internet

Eltern, die den Tod ihres Babys kurz vor oder nach der Geburt erleben mussten, können im Internet jetzt psychologische Unterstützung erhalten. Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster nutzt das Medium für ein Forschungsprojekt. Auch in der Gesundheitsnachsorge testen Experten den Nutzen von Chats und Beratung via E-Mail.

Janine (Name geändert) war während ihrer dritten Schwangerschaft regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen gegangen. Alles schien in bester Ordnung - bis zur Kontrolle drei Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Plötzlich waren von dem Baby keine Herztöne mehr zu hören. Der Arzt bot Janine und ihrem Mann an, sich zu Hause in Ruhe mit der erwarteten Totgeburt vertraut zu machen und erst ein paar Tage später die Geburt einleiten zu lassen. Doch Janine entschloss sich für einen sofortigen Eingriff.

Jetzt gehört sie zum Kreis der trauernden Eltern, die sich in einem speziellen Internetportal Hilfe holen. Manche Eltern blieben jahrelang im Trauerprozess stecken. Das könne zu psychischen Störungen und Folgekrankheiten führen, sagt Anette Kersting, die das Internetportal geschaffen hat.

Die Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster hat eine Arbeitsgruppe für Trauerforschung gegründet. „Die Trauer der Eltern, die ihr Kind verloren hatten, war so stark wie kaum ein Gefühl, das mir während meiner Arbeit begegnete”, berichtet Kersting. Um den Eltern zu helfen, entwickelte die Arbeitsgruppe eine Internettherapie. Das Projekt wird vom Bundesfamilienministerium mit 65.000 Euro gefördert.

Das Portal ging vor gut drei Monaten online. Ihr Konzept setzt auf das Erinnern, so die Medizinerin. Die Eltern sollen die zurückliegenden Situationen noch einmal Schritt für Schritt durchgehen. Nach einem festgelegten Plan bekommen die Teilnehmer über fünf Wochen hindurch wöchentlich zwei Aufgaben gestellt, die sie per E-Mail beantworten müssen. Diese Auseinandersetzung mit dem traumatischen Ereignis sei für die Eltern hilfreich, erläutert die Ärztin.

Die Essays dieser „Schreibtherapiesitzungen” werden über das Internet an Kerstings Team geschickt. „Wir garantieren Antworten innerhalb eines Werktags”, betont die Leiterin. Die trauernden Eltern seien meist jung und daher vertraut mit dem Internet, so Kersting: „Wir können sie bundesweit erreichen”. Das ist auch der Grund für den Erfolg anderer Therapie- oder Nachsorgeangebote, die auf neue Medien setzen.

Der Frage, wie wirksam technologiegestützte Therapievermittlung ist, geht Hans Kordy von der Forschungsstelle Psychotherapie am Zentrum für Psychosoziale Medizin des Universitätsklinikums Heidelberg mit seinem Team nach. Seit mehreren Jahren laufen hier Modellprojekte für eine internet-gestützte Nachbetreuung ehemaliger Patienten. Eines davon ist eine „Internetbrücke” für einstige Patienten der Panorama-Fachkliniken in Scheidegg (Allgäu). „Das Ganze funktioniert als Gruppen- oder Einzeltherapie per Chat oder E-Mail” erläutert Kordy.

Die einstigen Patienten, die mit Depressionen, Angst-, Persönlichkeits- oder Essstörungen stationär behandelt wurden, treffen sich einmal pro Woche im Chatroom und berichten von ihren Problemen und Fortschritten. Ein Therapeut aus der Klinik moderiert den Chat und sorgt dafür, dass sich die Teilnehmer an die vereinbarten Regeln halten. „Wir haben gute Erfahrungen gemacht”, sagt Kordy. Die Teilnehmer würden den persönlichen Kontakt zum Therapeuten kaum vermissen.

Allerdings ersetze die Internetberatung keine herkömmliche Therapie, betont Expertin Kersting und verweist auf selbstmordgefährdete Menschen oder Personen, die an schweren Depressionen leiden. Außerdem steht das ärztliche Standesrecht der Ausweitung der Chat-Angebote im Weg. Es fordert die persönliche Begegnung zwischen Arzt und Patient. Ausnahmen gibt es Kordy zufolge nur in Notfällen, etwa bei einem Unfall oder einem Auslandsaufenthalt des Patienten.