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Leipzig/Hamburg: Tränen nähren keinen Tumor

Leipzig/Hamburg : Tränen nähren keinen Tumor

Ein Tumor einfach so, aus heiterem Himmel? Unvorstellbar. Irgendetwas muss doch schuld sein an dem elenden Geschwür. Irgendetwas im Körper muss ihm gestattet haben zu wachsen und Metastasen zu bilden.

Einfach so passiert das nicht. Nicht das, nicht mir. So denken viele Krebspatienten und vermuten, psychische Belastungen hätten die Erkrankung begünstigt oder gar verursacht.

„Es ist erstaunlich, wie hartnäckig sich diese Vermutung hält”, sagt Anja Mehnert, Psychologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Bekannte und Verwandte geben Patienten den gut gemeinten Rat, positiv zu denken. Das verbessere die Heilungschancen. In Chatforen wird krebskranken Prominenten vorgeworfen, dass sie sich ihr Schicksal selbst zuzuschreiben hätten. „So wie der gelebt hat, ist das kein Wunder”, heißt es da schon mal.

Der Grund für den Glauben an einen Einfluss der Psyche liegt in Mehnerts Augen darin, dass die Entstehung von Krebs bis heute nicht vollständig rational erklärbar ist. Zwar kennt man Risikofaktoren wie Übergewicht und Rauchen. Aber auch schlanke Nichtraucher werden von dem bösartigen Leiden heimgesucht. Ein Schicksal, für das Betroffene und Außenstehende nach Erklärungen suchen und dabei auf die Psyche als unergründlichen Übeltäter stoßen.

Genährt wird die weit verbreitete Meinung durch Studien wie etwa eine Arbeit, die im August im Journal BMC Cancer publiziert wurde. Glückliche und optimistische Frauen erkrankten seltener an Brustkrebs, heißt es da. Der federführende Autor Ronit Peled von der israelischen Ben-Gurion-Universität in Negev hatte 255 Frauen mit Brustkrebs und 367 ohne die Krankheit befragt. „Junge Frauen, die einer Reihe von negativen Erlebnissen ausgesetzt waren, sollten als eine Risikogruppe betrachtet werden”, sagt Peled. Aber was ist mit denen, die ein schweres Leben hatten und haben, und trotzdem noch immer eine gesunde Brust?

Für Psychoonkologin Susanne Singer von der Universität Leipzig hat Peleds Metaanalyse ebenso typische wie offensichtliche Schwächen: Bekannte Risikofaktoren wie Übergewicht und eine späte Geburt des ersten Kindes würden gar nicht abgefragt und bei der Auswertung nicht herausgerechnet. Peled erwähnt an einer Stelle der Veröffentlichung nur lapidar: „Wir gehen davon aus, dass beide Personengruppen recht ähnlich sind.” Fraglich ist auch, ob die brustkrebskranken Frauen schon vor ihrer Diagnose negative Erlebnisse wie den Tod eines Verwandten als derart belastend empfunden haben oder ob sich erst danach ihre Wahrnehmung verschoben hat. Bekannt ist nämlich, dass die Diagnose Krebs die Betroffenen tief erschüttert und deren seelisches Gleichgewicht ins Wanken bringt, wie Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe weiß.

Insgesamt befassen sich Dutzende Studien mit dem Zusammenhang zwischen Psyche und Krebs. Singer, die zu dem Thema regelmäßig Vorträge hält, zieht Bilanz: „Krebs wird nicht direkt durch psychische Faktoren beeinflusst.” Dafür gibt es viele Belege. Beispielsweise erbrachte eine dänische Analyse mit fast 90. 000 Teilnehmern kein erhöhtes Risiko für Menschen mit Depressionen. Eine Befragung von knapp 6700 Frauen ging dem Einfluss des Alltagsstresses nach. Entgegen den Erwartungen war die Gefahr für Brustkrebs nicht etwa bei den gestressten Frauen besonders hoch, sondern sank sogar leicht. Alltagsstress vermindert das Brustkrebsrisiko, was Singer damit erklärt, dass bei hoher Belastung weniger weibliche Geschlechtshormone, Östrogene, gebildet würden. Diese stimulieren das Wachstum von Zellen ganz allgemein und von Krebszellen im Besonderen.

Abgesehen von mäßigem Stress, der vor Brustkrebs sogar schützt, beeinflussen aber weder Angst, Trauer und schwere Lebenslagen noch notorisches Lügen, ein labiles Gemüt und Extrovertiertheit das Auftreten von Krebs, wie man den diversen Publikationen entnehmen kann. Bei Depressionen und Nervosität könne sich allenfalls bei Teilgruppen ein indirekter Zusammenhang ergeben, erläutert Singer: Angespannte und auch niedergeschlagene Menschen rauchen im Schnitt etwas häufiger und trinken tendenziell mehr Alkohol, was Entartungen des Gewebes Vorschub leistet. „Nur wenn eine bestimmte Persönlichkeit zu einem riskanten, ungesunden Lebensstil - zu ungesunder Ernährung, exzessivem Sonnenbaden oder Ähnlichem führt - kann das Krebs begünstigen. Der Wesenszug an sich ist jedoch kein unabhängiger Risikofaktor”, pflichtet Psychologin Mehnert bei.

Die seelische Verfassung entscheidet auch nicht darüber, ob der Tumor besiegt wird. Kämpfernaturen erliegen nicht seltener dem Leiden als Schicksalsergebene, Pessimisten nicht seltener als Optimisten. „Ich kenne sehr viele, die bis zuletzt gehofft und es trotzdem nicht geschafft haben. Sie schreiben natürlich keine Bücher, wie jene, die geheilt wurden und im Nachhinein Gründe für ihr Glück suchen”, gibt Mehnert zu bedenken. Eine Psychotherapie verbessert bei Tumorpatienten zwar das Befinden, wie eine britische Studie an 235 Frauen mit Brustkrebsmetastasen zeigte. Aber: Die Gespräche mit dem Therapeuten verlängern nicht die Lebenszeit.

Der starke Glaube an einen Einfluss der Psyche auf Krebs führt jedoch dazu, dass Betroffene zwanghaft versuchen, negative Gefühle auszublenden. Singer berichtet von einer jungen Brustkrebspatientin, die nicht weinen wollte, weil die Tränen angeblich Nahrung für die Krebszellen seien. Als „Tyrannei des positiven Denkens” hat die amerikanische Begründerin der Psychoonkologie Jimmie Holland dieses Phänomen scharf kritisiert. Denn das zwanghafte Unterdrücken negativer Gefühle kann zur seelischen Belastung werden. So lautet der Appell der Psychoonkologen an alle Krebspatienten: Lasst die Trauer, die Wut oder den Zorn heraus. Noch nie hätten Tränen Krebszellen genährt.