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Bad Oeynhausen/Berlin: Telemedizin nutzt Internet und Handy zur medizinischen Überwachung

Bad Oeynhausen/Berlin : Telemedizin nutzt Internet und Handy zur medizinischen Überwachung

Nach einer anstrengenden Operation möchte die meisten Patienten vor allem schnell wieder nach Hause und ihre Ruhe haben. Doch diverse Nachuntersuchungen und ärztlich betreute Trainingsprogramme machen oft mehrwöchige Aufenthalte in Reha-Kliniken und anschließend regelmäßige Arztbesuche notwendig.

Ähnlich ergeht es chronisch Kranken wie Diabetikern, Parkinson-Patienten oder Menschen mit Herzgefäßverengungen: Auch sie müssen immer wieder zur Kontrolle oder zur Medikamenteneinstellung zum Arzt oder in die Klinik - und leben häufig dennoch in Angst vor möglichen Komplikationen. Doch mittlerweile bleiben immer mehr Patienten lange Klinikaufenthalte, ständige Arztbesuche sowie Angst und Unsicherheit erspart - dem Internet sei Dank.

Ob Text-, Audio- oder Videodateien, wer Informationen hochlädt, kann nicht nur weltweit darauf zugreifen, sondern auch anderen Einblick gewähren. Genau das mache sich die sogenannte Telemedizin zunutze, erklärt Heinrich Körtke vom Herz- und Diabeteszentrum (HDZ) Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen: „Der Begriff Telemedizin beschreibt alle Formen von medizinischen Infos, die über räumliche Distanz mittels moderner Datenübertragung ausgetauscht werden.”

Was trocken klingt, hat für die Patienten eine Reihe von Vorteilen. „Wer etwa eine Herzoperation hinter sich hat, kann sich dank der Telemedizin auch für eine ambulante Reha entscheiden”, erklärt Körtke. Der Patient bekommt beispielsweise ein EKG- und ein Blutdruckmessgerät mit nach Hause, mit dem er mehrmals am Tag die Herztätigkeit kontrolliert. Auf einem Ergometer absolviert er darüber hinaus täglich ein vorgegebenes Trainingsprogramm. Alle ermittelten Daten werden dann unter strenger Beachtung des Datenschutzes per Internet oder Handy an die verantwortliche Klinik weitergeleitet, zudem finden regelmäßig Gespräche per Festnetztelefon statt.

In der Klinik werden die Daten sowohl vom Computer als auch von Ärzten ausgewertet. Diese können aufgrund der ständig aktualisierten Werte sofort eingreifen, wenn Auffälligkeiten auftreten. „Die Telemedizin erlaubt uns die bestmögliche Überwachung des Patienten, und zwar 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche”, freut sich Körtke. „Eine solche Datenmenge und die entsprechend höhere Präzision lassen sich in einer Klinik schon aufgrund der personellen Bedingungen kaum erzielen.” Die Kontrolle ist aber nicht nur für die Patienten selbst eine Erleichterung, sondern auch für deren Angehörige, „denn die tragen oft schwer an der Verantwortung, haben Angst, dass genau dann etwas passiert, wenn sie nicht zu Hause sind”.

Den Patienten in seinem häuslichen Umfeld zu erleben, hat noch weitere Vorteile, weiß Fabian Klostermann von der Klinik für Neurochirurgie der Charité Berlin. Dort wird die telemedizinische Überwachung unter anderem für Parkinson-Patienten angeboten, die unter sogenannter gehemmter beziehungsweise überschießender Beweglichkeit leiden. „Die Patienten sind zu unterschiedlichen Tageszeiten auch unterschiedlich beweglich. Also müssten die Kontrolltermine eigentlich immer zur gleichen Uhrzeit stattfinden, um ein realistisches Bild zu erhalten”, macht Klostermann deutlich, „das ist in Kliniken und Arztpraxen aber logistisch unmöglich.”

Die Lösung ist so einfach wie wirkungsvoll: Videoüberwachung. „Der Patient macht vor der Kamera immer zu denselben Tageszeiten vorgegebene Übungen.” Auch hier erzielen die Ärzte dank der Telemedizin sowohl quantitativ als auch qualitativ bessere Daten.

Neben der motorischen Funktion lassen sich zudem weitere Informationen abfragen: „Der Patient kann beispielsweise Angaben zu seiner Stimmung oder auftretenden Schmerzen machen, und über Knobelaufgaben werden die Denkfunktionen kontrolliert.” Selbst Nebenwirkungen von Medikamenten lassen sich durch die häufigen Kontrollen unter gleichen Bedingungen nicht selten erkennen. Und auch die Angehörigen der Patienten würden aktiv einbezogen, berichtet Klostermann: „Wenn man die Einschätzungen des Patienten mit den Beobachtungen der Angehörigen vergleicht, bekommt man ein wesentlich realistischeres Bild der gegenwärtigen Situation.”

Ob Parkinson oder Herzkrankheit, eines haben alle Telemedizin-Angebote gemeinsam: Sie finden immer in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt oder einem niedergelassenen Spezialisten statt. Dieser hat ständigen Zugriff auf die ermittelten Daten und kontrolliert sie ebenfalls, wodurch die Therapie weiter intensiviert und verbessert wird. Er ist neben der Klinik der Hauptansprechpartner bei Fragen oder Problemen und bei ihm wird der Patient in festgelegten Abständen auch persönlich vorstellig.

Denn, das betonen Klostermann und Körtke, „die Telemedizin will keinem Arzt Patienten wegnehmen, sondern diesen unterstützen und Versorgungslücken, beispielsweise im ländlichen Raum, stopfen, um zur bestmöglichen Betreuung aller Patienten zu gelangen.” Bislang übernehmen zwar noch nicht alle Krankenkassen die Kosten für telemedizinische Angebote. Das könnte sich aber schon bald ändern, wenn die ersten Studien zur finanziellen Entwicklung vorliegen. Denn neben allen genannten Vorteilen werden durch die ambulante Therapie in vielen Fällen auch erhebliche Kosten eingespart.