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München: Studenten unter Stress und Leistungsdruck: Macht die Uni krank?

München : Studenten unter Stress und Leistungsdruck: Macht die Uni krank?

Um 8 Uhr morgens startet Moritz Tobiasch mit einer Vorlesung in den Tag. Es folgen Seminare, Laborstunden und wieder Vorlesungen. Der letzte Kurs endet um 20.30 Uhr. Danach heißt es: Vorbereiten für morgen. Moritz studiert im zehnten Semester Medizin in München.

„Ich bin so zwischen 80 und 100 Stunden in der Woche mit der Uni beschäftigt - das Lernen vor den Prüfungen nicht miteingerechnet”, sagt der 25-Jährige. Moritz hält sein Pensum ganz

gut durch, doch laut Hochschulseelsorgern ist die Zahl der wegen Stress psychisch kranken Studenten vor allem seit der Einführung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge rapide angestiegen.

„Wir erhalten Rückmeldung von den Hochschulen und Studentenwerken, dass die Zahl der Studierenden mit Depressionen oder Burnout-Syndrom wächst”, sagt Robert Lappy vom Erzbischöflichen Ordinariat München.

Grund dafür ist seiner Einschätzung nach vor allem die Tatsache, dass die neuen Studiengänge ähnlicher zum Schulunterricht organisiert seien als früher. Die Folge: Die Studenten müssten mehr Vor- und Nachbereitung liefern und vor allem häufiger in Vorlesungen und Seminaren anwesend sein.

„Das Problem dabei ist, dass die meisten Studenten sich neben der Uni auch noch ihren Lebensunterhalt verdienen müssen”, erläutert Lappy. In einigen Städten - wie etwa in München - kämen zudem hohe Mietkosten auf die jungen Leute zu. „Diese Probleme gab es früher auch schon, aber die neue Situation an den Universitäten hat sie deutlich verschlimmert.”

Psychologe Heiner Kaupp von der Universität München sieht die Ursache für die wachsende Zahl kranker Studenten vor allem in gesellschaftlichen Zwängen. „Das Leben wird zunehmend zum gesellschaftlichen, persönlichen und beruflichen Fitnessparcours”, sagte Kaupp bei einer Tagung der Erdiözese und der katholischen Hochschulgemeinden zum Thema in München. Viele junge Menschen setzten sich selbst unter enormen Leistungsdruck, um den gesellschaftlichen Vorgaben zu genügen.

Wenn bei Moritz die Prüfungszeit beginnt, hat er jedes Mal Probleme, im Stundenplan Zeit fürs Lernen zu reservieren. „Irgendwann geht dann auch einfach Schlaf drauf”, sagt er. Dabei hat er seiner Ansicht nach noch Glück: Sein Studium finanziert er mit Hilfe eines Stipendiums. Doch davon können die meisten Studenten in Deutschland laut Lappy nur träumen.

Im Vergleich zu Ländern wie den USA und Großbritannien, in denen viele Studiengänge ebenfalls stark verschult und zeitaufwendig sind, sei das Stipendienwesen in Deutschland viel zu wenig ausgebaut, erläutert er. Außerdem gebe es im Vergleich zu diesen Ländern zu wenig billigen Wohnraum für Studenten. Viele Studenten scheuten zudem vor einem Studienkredit zurück, weil es in Deutschland nicht üblich sei, das Studium mit Schulden zu beenden.

„Ein Stipendienwesen wächst nicht von hier auf gleich”, sagt Lappy. Von der Politik fordert er deshalb, sich stärker für den Ausbau einzusetzen. „Dabei darf man aber nicht nur an die Superelite denken, sondern auch an die ganz normalen Studenten.” Die haben seiner Ansicht nach derzeit das Pech, in „Jahren des Übergangs” an die Uni zu kommen.